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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.03.2020

Friedrich HölderlinEin Dichter in dürftiger Zeit

Moderation: Dorothea Westphal

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Ein historisches Porträt von Friedrich Hölderlin. (imago images / Horst Rudel)
Friedrich Hölderlin (1770-1843), Porträt von Franz Karl Hiemer aus dem Jahr 1792 (imago images / Horst Rudel)

Gelesen haben ihn wohl nur wenige, aber Friedrich Hölderlin wurde wie kein anderer Schriftsteller für die verschiedensten Ideologien instrumentalisiert – obwohl oder vielleicht gerade weil sein Werk so rätselhaft ist. Vor 250 Jahren wurde er geboren.

Vor 250 Jahren, am 20. März 1770, wurde Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Sein Leben gibt mindestens so viele Rätsel auf wie sein Werk, hat er doch die zweite Hälfte seines Lebens in einem Turmzimmer in Tübingen verbracht, nachdem er aus einer Nervenheilanstalt als unheilbar entlassen worden war.

Unverwechselbare Sprachmelodie

Über Tübingen sei er zu Hölderlin gekommen, sagt Karl-Heinz Ott, Schriftsteller, Essayist und Übersetzer. Nach Romanen wie "Endlich Stille" und "Und jeden Morgen das Meer" erschienen im vergangenen Jahr gleich zwei Bücher von ihm: Ein Buch über Beethovens Sinfonien und der essayistische Band "Hölderlins Geister". Während des Studiums machte Ott Führungen im Tübinger Turm und trug stets ein Reclamheftchen bei sich, um in Hölderlins Werk zu lesen.

Daniela Danz hatte mit 16 einen Auszug aus Hölderlins Roman "Hyperion" im Radio gehört und war völlig fasziniert von der Sprache, so dass sie beschloss, dieser Faszination nachzugehen und in Tübingen zu studieren, um sich mit Hölderlins Werk zu befassen. Sie schreibt Lyrik, Prosa, Essayistik und Kinderliteratur und ist seit 2013 Leiterin des Schillerhauses in Rudolstadt. Für ihre Lyrik ist Hölderlins Werk eine wichtige Inspirationsquelle.

Es wäre aber schlimm, wenn man ihn nur literaturwissenschaftlich gekonnt lesen würde, meint Karl-Heinz Ott. Vielmehr sei es der Klang, diese unverwechselbare Sprachmelodie, der Sound, was einen reinziehe, "was also im schönsten Sinn auch vorwissenschaftlich bleibt."

Der Kampf, sich als Dichter durchzuschlagen

Hölderlin zog sich in der zweiten Hälfte seines Lebens in ein Zimmer im Tübinger Turm am Neckar zurück und unterzeichnete die wenigen Gedichte, die er da noch schrieb, mit rätselhaften Pseudonymen wie Scardanelli oder Buonarotti.

Er habe den Wahnsinn nur vorgetäuscht, um sich als Jakobiner vor politischer Verfolgung zu schützen, so lautete die These des Literaturwissenschaftlers Pierre Bertaux in den 80er-Jahren.

Inzwischen geht man eher davon aus, dass er an einer bipolaren Störung litt. Auch hatte er sich gegen den ausdrücklichen Willen der Mutter, die ihm ein Studium nur unter der Bedingung finanziert hatte, dass er Pfarrer würde, für ein Leben als Schriftsteller entschieden und musste sich seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer verdienen.

Für ihn gab es keinen Sommer vor dem Winter, sagt Karl-Heinz Ott: "Es war immer ein Kampf, sich durchzuschlagen. Vom ‚Hyperion‘ wurden 350 Exemplare gedruckt, ob die verkauft wurden, ist noch die andere Frage. Es waren einzelne Gedichte in Almanachen erschienen. Und er hoffte trotz allem, als Dichter leben zu können. Dieser Wille korrespondierte damit, dass er permanent vor dem Nichts stand."

Eine schwierige Lage, zu der auch noch die unglückliche Liebe zu Susette Gontard kam, die für ihn als verheiratete Frau unerreichbar blieb.

Eine künftige utopische Gesellschaft

Während der Zeit im Tübinger Stift war Hölderlin mit Schelling und Hegel befreundet. Die drei, so der Stand der Forschung, hatten dort das so genannte "Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" verfasst.  Es war ihre Antwort auf Kants Konzept der Aufklärung, das alle Wissensbereiche, Kunst, Kultur und ethisch-politische Fragen voneinander trennen wollte. Die dadurch entstehende Zerrissenheit galt es, durch eine Mythologie der Vernunft wieder mit Sinn zu füllen. Hölderlin wollte dies mittels seiner Poesie tun und bezog sich dabei auf die Götterwelt der Antike.

"Das ist natürlich eine Fata Morgana. Das ist so, wie wir uns in den 70er-Jahren die Indianer ausgemalt haben, bei denen alles schön und gut war. Das ist die Fantasie des Urkommunismus, die Rousseausche Fantasie des edlen Naturzustands, wo es noch keine Zerrissenheit gab in der Welt. Und so projiziert das Hölderlin eben auf die Griechen zurück," sagt Karl-Heinz Ott dazu.

Außenansicht des Hölderlinturms in Tübingen (Gudrun de Maddalena)Außenansicht des Hölderlinturms in Tübingen (Gudrun de Maddalena)

Er wollte aber keineswegs etwas Altes reanimieren, ergänzt Daniela Danz. "Es geht ihm darum, nach Kant die Sinnlichkeit zu integrieren in sein System und durchaus auch alle Wissenschaften. Hölderlin war ja auch jemand, der die Astronomie wahrgenommen hat, der die Mathematik geliebt hat, den militärtaktische Neuerungen durch Napoleon interessiert haben. All diese Dinge will er reinnehmen in seine Dichtung, um dadurch eine neue Einheit zu erreichen, nicht zurück, sondern nach vorne." Die alten Griechen blieben dabei die Inspirationsquelle für eine zukünftige, utopische Gesellschaft.

Moderner als die Moderne

Mit seiner Dichtung hat er also auf die Herausforderungen seiner Zeit reagiert. Wie nah ist uns diese Zeit? Sehr nah, sagt Daniela Danz, "weil die Brüche, die durch die Aufklärung beginnen, erstmals auftauchten, auch schon durch die Frühindustrialisierung. Das sind die Brüche, an denen wir heute noch zu knabbern haben." Für ihr eigenes Werk orientiert sie sich immer wieder an Begriffen, die für Hölderlin eine Rolle spielten wie Vaterland, Heimat oder der Begriff des Wilden: "Was ist dieses Wilde, das er dann zulässt in seinem Spätwerk, also alles, was seine Wohlgeordnetheit stören könnte und vor dem er auch Angst hat, was er dennoch in die Dichtung hineinnimmt, also dieses Disparate? Und dass er die Störungen selbst zum Thema macht, das finde ich so modern, dass ich nicht sehe, ob wir viel weiter darüber hinaus sind inzwischen."

Er sei moderner als die Moderne, sagen manche deshalb auch über sein Werk. Er hat, so Karl-Heinz Ott, "sozusagen die Moderne in die Postmoderne hin übersprungen. Die Postmoderne zeichnet sich ja dadurch aus, dass man das Disparate auch unvermittelt nebeneinander stehen lassen kann."

Ideologisches Gegrapsche

Wie aber kommt es, dass ein Dichter, der im 19. Jahrhundert fast vergessen war, im 20. Jahrhundert nicht nur wiederentdeckt wurde, sondern für die verschiedensten Ideologien vereinnahmt und missbraucht werden konnte? Von den Nazis, die Feldausgaben drucken ließen, um die Soldaten damit in den Krieg zu schicken, bis hin zu Linken und Marxisten, die ihn für sich ausschlachteten.

Es gab viele Verbieger seines Werks, schreibt Ott in seinem Buch "Hölderlins Geister" und nennt das "ideologisches Gegrapsche".

"Dazu gehört diese Matrix der triadischen Geschichtsvision. Es war einmal eine urgute alte Zeit, dann kommt die schreckliche Jetztzeit, und irgendwann kommt auf höherer Ebene wieder die frühe, harmonische Zeit. Das finden wir im Marxismus wieder, das finden wir in den 68er-Mythen wieder. Also wenn es diese Matrix nicht gäbe in seinem Werk, könnte man ihn auch nicht in so vollständig konträrer Weise vereinnahmen."

Allerdings spreche es auch für die Komplexität eines Werkes, dass so viel daraus gemacht werden konnte. Denn ein schlichtes Werk sei auch nicht deutungsbedürftig. Daniela Danz ergänzt: "Ist es nicht wunderbar, dass man einen so komplexen Autor hat, bei dem man nicht müde wird, immer neue Aspekte zu finden, die uns auch etwas über die Zeit erzählen, in der er gelebt hat und die unserer nicht so fern ist?"

(DW)

Eine längere Version des Gesprächs u.a. mit weiteren Gedichten läuft am Sonntag 22. März um 22.03 Uhr in der Sendung "Literatur".

In der Dauerausstellung im Hölderlinturm wird der Satz "Die Linien des Lebens sind verschieden" auf eine runde Holzwand projiziert. Hölderlin lebte von 1807 bis 1843 in dem Turm in Tübingen, der seit 2017 saniert wurde.  (picture alliance / dpa / Tom Weller)Dauerausstellung im Hölderlinturm in Tübingen (picture alliance / dpa / Tom Weller)

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