Freitag, 22.11.2019
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.04.2019

#FridaysforFutureEin Argument gegen die Schulpflicht

Ein Standpunkt von Philip Kovce

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Schülerin hält im Rahmen einer FridaysforFuture-Demonstration ein Plakat hoch mit der Aufschrift: Ich schwänze Geschichte, um Geschichte zu schreiben.  (imago / Noah Wedel)
Bei den #FridaysforFuture-Protesten verlegten offensichtlich wissbegierige Schüler ihren Bildungsweg aus guten Gründen zeitweilig auf die Straße, sagt Philip Kovce. (imago / Noah Wedel)

Jeden Freitag verstoßen Tausende Schüler gegen die Schulpflicht, um für eine andere Klimapolitik zu demonstrieren. Dürfen die das? Ja, meint Philip Kovce - und fordert, die Schulpflicht ganz abzuschaffen. Denn die passe nicht zu einer freiheitlichen Demokratie.

Wer die Welt retten will, der lässt sich von lästigen Vorschriften nicht aufhalten. Dies ist derzeit immer wieder freitags zu beobachten, wenn Tausende schulpflichtige Kinder und Jugendliche für mehr Klimaschutz demonstrieren, anstatt die Schulbank zu drücken. Dass in sämtlichen deutschen Bundesländern Schulpflicht besteht, ficht die Generation Schulstreik nicht an.

Dass sogar der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin der schulischen Vier-Tage-Woche im Namen der Weltrettung etwas abgewinnen können, spricht für die moralische Legitimität der "Fridays for Future"-Bewegung inklusive ihres institutionalisierten Rechtsbruchs. Für all die Schulen, Behörden und Gerichte, die an geltendes Recht gebunden sind, ist dieser moralische Kredit freilich eine Hypothek. Denn er bringt sie in die unangenehme Situation, als pedantische Paragraphenreiter und Spielverderber zu gelten, wenn es um die Konsequenzen der sogenannten Schulschwänzerei geht.

Warum bildungshungrige Schüler bestrafen?

Doch warum sollte man Kinder und Jugendliche überhaupt zu Rechtsbrüchen nötigen, wenn sie ihren Bildungsweg aus guten Gründen zeitweilig auf der Straße bestreiten? Und warum sollte man öffentliche Stellen damit belasten, offensichtlich bildungshungrige und wissensdurstige Schüler für deren selbstorganisierte angewandte Grundrechtskunde zu bestrafen? Richtig, dafür gibt es keine guten Gründe.

Wenn man dem vorliegenden Konflikt zwischen Jung und Alt, Moral und Gesetz, Versammlungsfreiheit und Schulpflicht also auf den Grund geht und von seinem aktuellen Klima-Anlass einmal absieht, dann erweist sich die in deutschen Landen bestehende Schulpflicht als völlig untauglich, ja geradezu hinderlich für ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen. Und zwar gleich aus mehreren Gründen.

Kindliche Neugier, nicht Pflicht als Motor

Erstens: Schulpflicht unterstellt Kindern und Jugendlichen kurzerhand Bildungsunwilligkeit. Sie rückt der freien Entfaltung der heranwachsenden Persönlichkeit mit Zwangsmaßnahmen zu Leibe, die gerade der Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung zuwiderlaufen. Wenn die Pflicht ruft, schweigt die Freiheit. Völlig zu Recht betont deshalb der Soziologe Ulrich Oevermann, dass die gesetzliche Schulpflicht die kindliche Neugierde als Voraussetzung professioneller pädagogischer Arbeit systematisch disqualifiziere und den Sonderfall des Schulverweigerers zum Regelfall stilisiere. Die Schulpflicht entwürdige, so Oevermann wörtlich, "den Schüler zum lernunwilligen Monstrum".

Zweitens spricht für ein Ende der Schulpflicht, dass sie Eltern flächendeckend Erziehungsunfähigkeit unterstellt. Sie bezweifelt, dass Eltern, immerhin mündige Bürger, ihrem Erziehungsauftrag eigenverantwortlich gerecht werden und beispielsweise von sich aus an einem Schulbesuch ihrer Kinder interessiert sind. Wer in diesem Zusammenhang meint, die Schulpflicht schütze gerade Kinder vor ihren womöglich erziehungsunfähigen Eltern, der verwechselt fahrlässig Kinder- und Jugendschutzgesetze mit präventiver pädagogischer Freiheitsberaubung. Außerdem unterschlägt er, dass die Schulpflicht Schulverweigerern ebenso wenig hilft wie tatsächlich erziehungsunfähigen Eltern und auch kein Erfordernis der Chancengleichheit darstellt.

Lehrer werden zu Gefängniswärtern degradiert

Drittens unterstellt die Schulpflicht der Schule selbst Sinnlosigkeit. Sie degradiert Lehrer zu bestenfalls wohlmeinenden Gefängniswärtern und die Schule als solche zur obligatorischen Besserungsanstalt. Kein Wunder, dass deshalb viele befürchten, dass ohne Schulpflicht niemand mehr zur Schule ginge. Wir haben uns schon so sehr daran gewöhnt, die Schule als notwendiges Übel anzusehen, dass uns schlicht und einfach die Phantasie fehlt, uns freiwillige Alternativen zur staatlichen Bildungsplanwirtschaft vorzustellen.

Das Grundgesetz weiß übrigens nichts von der Schulpflicht. Sehr wohl aber von der freien Entfaltung der Persönlichkeit, dem elterlichen Erziehungsauftrag und der Versammlungsfreiheit. Höchste Zeit also, die Schulpflicht endlich abzuschaffen, deren Absurdität die angeblich so politikverdrossene Jugend von heute inzwischen jeden Freitag demonstriert.

Philip Kovce - 1986 in Göttingen geboren, lebt als freier Autor in Berlin. Er ist Mitbegründer des Basler Philosophicums, Mitarbeiter des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke sowie Mitglied des Think Tank 30 des Club of Rome. Veröffentlichungen (Auswahl): Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall. Aphorismen (Futurum Verlag); An die Freude. Friedrich Schiller in Briefen und Dichtungen (hrsg., AQUINarte Kunst- und Literaturpresse); Die Aufgabe der Bildung. Aussichten der Universität (hrsg. mit Birger P. Priddat, Metropolis Verlag). (Ralph Boes)Philip Kovce (Ralph Boes)Philip Kovce, geboren 1986, Ökonom und Philosoph, forscht am Basler Philosophicum sowie an der Seniorprofessur für Wirtschaft und Philosophie der Universität Witten/Herdecke. Er gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome sowie dem Forschungsnetzwerk Neopolis an und gab jüngst für die Insel-Bücherei "Die schönsten deutschen Aphorismen" heraus. 
Mehr zum Thema

Luisa Neubauer vs. Finn Wandhoff - Dürfen Schüler streiken?
(Deutschlandfunk, Streitkultur, 30.03.2019)

Hörerfeedback - Reaktionen auf "Mein Kind geht nicht zur Schule"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 05.01.2015)

Schulpflicht - Geläuterte Abbrecher
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 08.12.2014)

Politisches Feuilleton

Israel-DebatteMut zur Differenzierung
Ein Schild warnt Israelis die palästinensischen Gebiete zu betreten im Jordan Valley, Beka'ot. Foto vom 11. September 2019. (Getty/Amir Levy)

Das Thema Siedlungsbau zeige es einmal mehr: Die Diskussion um Israel werde wenig differenziert geführt, meint Ofer Waldman. Der israelische Publizist hat lange in Deutschland gelebt. Die Spaltung in "Freunde" und "Kritiker" Israels hält er für gefährlich.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur