Freudlose Vermählung

Nicht auf jeder Hochzeit mit Eheringen geht es um Glück - so auch in dem Buch "Schwedische Hochzeitsnacht". © Stock.XCHNG / Arcelia Vanasse
18.05.2010
In "Schwedische Hochzeitsnacht" geht es um eine Heirat, die Kummer bringt. Das Bauernmädchen Hildur verzichtet auf den mittellosen Martin, um den reichen Westlund zu heiraten. Martin versucht sie noch zu gewinnen, wird abgelehnt und nimmt sich das Leben.
Dagerman starb jung, mit 31 Jahren nahm er sich 1954 das Leben. Schweden war erschüttert, aber eine würdigende Gesamtausgabe seiner Werke kam erst in den Achtzigerjahren. Zu seinen Lebzeiten hingegen galt er als Wunderkind, als literarischer Prototyp seiner Zeit. Es war kaum überraschend, denn keiner schrieb wie er: so verdichtet, komplex, schmerzhaft genau. Gleichzeitig verwendet er in Dialogen eine saloppe, "halbstarke" Diktion, wenn es sich um junge Menschen handelt, oder wenn er Leute aus dem Volk den mittelschwedischen Dialekt seiner Heimat sprechen lässt.

Eine Hochzeit auf dem Lande wird geschildert, aber freuen tut sich hier keiner. Das Bauernmädchen Hildur verzichtet auf den mittellosen Martin, um den reichen, viel älteren, ungeliebten Schlachter Westlund zu heiraten. Bang und resigniert erwartet sie die Hochzeitsnacht, der Geliebte Martin versucht sie noch zu gewinnen, wird abgelehnt und nimmt sich das Leben. Am Ende liegen alle betrunken im Schlaf, "aber die Braut liegt wach."

Bei Dagerman ist alles Angst, sie vergiftet die Beziehungen der Menschen untereinander. Und vollkommenste Einsamkeit; selbst wenn es zu einer verzweifelten Erkenntnis dieses Zustands kommt, ruft das nur alberne, banale Antworten hervor. Die Menschen verstehen sich nie. Ob Reiche, Brauteltern, Geliebte, Vagabunden, Mägde, Knechte - alle sind sie isolierte, verwirrte Menschen, für die der Tod fast die Erlösung verspricht. Er bedeutet: "Zum ersten Mal im Leben frei." Denn auch Niederlage und Leid sind sinnlos: "Man stürzt sein Leben lang, ohne etwas anderes zu erleben als diesen sinnlosen Sturz", steht irgendwo.

Allerdings wird gerade die Kunst Dagermans zu einem Problem für den Leser. Denn hier wird nicht die Angst beschrieben, hier schreibt die Angst selbst. Dagerman überträgt Gefühle und Erkenntnisse unmittelbar in Schrift. Das heißt, wie die Personen so befindet sich auch der Text in einem "sinnlosen Sturz", Zeit und Raum wirbeln durcheinander, wer spricht, wird oft nicht klar. Schade, dass die Andere Bibliothek dieses jung verstorbene Genie mit diesem gehetzten, vielleicht sperrigsten seiner Romane vorstellt.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Stig Dagerman: Schwedische Hochzeitsnacht
Aus dem Schwedischen von Herbert G. Hegedo
Eichborn Verlag, Die Andere Bibliothek Bd. 304, Frankfurt am Main 2010
285 Seiten, 32 Euro