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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.06.2012

Fremde Rechnungen bezahlen?

Kongolesische Kleinbauern profitieren vom Emissionshandel

Von Dagmar Wittek

Der Kongo verfügt über 86 Prozent des afrikanischen Regenwaldes.  (Stock.XCHNG / Andres Ojeda)
Der Kongo verfügt über 86 Prozent des afrikanischen Regenwaldes. (Stock.XCHNG / Andres Ojeda)

Untersuchungen zeigen, dass Afrika mit seinen geringen CO2-Emissionen am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen hat. Ein kongolesisches Unternehmen ist nun in den Emissionshandel eingetreten. Dort können Treibhausgasproduzenten Zertifikate kaufen: Profit haben auch Kleinbauern.

Grüne Hügel, durchzogen von braun-grauen kahlen Flecken. Auf dem Weg hoch zum Ibi-Bateke Plateau, das rund 150 Kilometer östlich von Kongos Hauptstadt Kinshasa liegt, schweift Guthier Tshikayas Blick über Tausende Hektar Hochland. Er seufzt:

"Dieses Tal war einmal voller Bäume. Jetzt steht hier kein Baum mehr. Alles abgeholzt. Und die Folge, wie man sieht: Erosion. Kahle Hänge, an denen sich nichts mehr hält. Wir haben dem Abholzen den Kampf angesagt, aber manchmal fühlt es sich an, als ob wir zu spät sind. Wir müssen rasch handeln."

Auf der Ibi Bateke Hochebene leben mehrere 1000 Menschen. Die meisten sind Kleinbauern, die auf den ausgelaugten Feldern, die der Dorfoberste ihnen zugeteilt hat, nicht mehr genug zum Überleben produzieren. Ihr einziges Zusatzeinkommen: die Produktion von Makala - Holzkohle. Damit versorgen sie die Einwohner der zehn Millionen Metropole Kinshasa, die nur unzuverlässig Strom hat. Das Ergebnis: kahl gerodete Savanne, Erosion und karge Böden.

Der traditionelle Chef des auf dem Plateau lebenden Clans, ein studierter Agrarökonom, entschied, dass es so nicht weitergehen kann. Agroforstwirtschaft soll nun den bitterarmen Menschen auf dem Plateau eine nachhaltige Perspektive bieten, gegen den Klimawandel ankämpfen und zudem dem Unternehmen Geld einspielen, erklärt Finanzdirektor Tshikaya:

"Das bedeutet, dass wir aufforsten und gleichzeitig Landwirtschaft betreiben. Wir pflanzen eine Reihe Maniok und eine Reihe schnell wachsende und besonders gut CO2 bindende Akazien. Die Akazien werden nach fünf bis sieben Jahren gefällt und zu Holzkohle verarbeitet. Ich nenne das nachhaltige Holzkohle, weil sie nachwachsen kann."

Auf 8000 Hektar Land wirtschaftet das Ibi Projekt - strikt nach dem Kyoto Protokoll. In den nächsten 30 Jahren, rechnet Tshikaya vor, werden die Akazien von Ibi rund zweieinhalb Millionen Tonnen Kohlendioxid binden. Aufgeforstete Waldabschnitte, die zur Holzkohleproduktion dienen, würden in der Berechnung der Emissionsreduktion selbstverständlich nicht einkalkuliert. In fünf Jahren soll das erste Ziel, nämlich eine Million Tonnen CO2 zu binden, erreicht sein.

Dafür erhält das Unternehmen Gutschriften - sogenannte Emissionszertifikate, die bei Umweltverpestern, die ihr erlaubtes Kontingent an Verschmutzung aufgebraucht haben, begehrt sind. 80 Prozent der künftigen Emissionszertifikate aus dem Ibi Projekt im Kongo sind bereits verkauft: unter anderem an Frankreichs Getränke- und Lebensmittelkonzern Danone, an Orbeo, ein Unternehmen, das mit Zertifikaten handelt, an die französische Bank Societé General und an den BioCarbon Fond der Weltbank.

Andre Aquino von der Weltbank ist ganz angetan vom Ibi-Projekt, da es mehrere ihrer erklärten Ziele verfolge:

"Wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Projekt dazu beiträgt, die Folgen des Klimawandels abzuschwächen, indem es die Emissionen reduziert. Sie forsten auf, es gibt mehr Fotosynthese und mehr Biomasse. Aber vor allem unterstützen wir es, weil es zur Armutsbekämpfung beiträgt. Der Betreiber des Projekts, Novacel, ist von dort und arbeitet ganz eng mit der einheimischen Bevölkerung zusammen.

Sie bieten den Menschen in den an das Aufforstungsgelände angrenzenden Dörfern Bildung, Gesundheitsvorsorge und eine Lebensgrundlage in der Landwirtschaft. Das ist entscheidend für unser Engagement in einem solchen Projekt, dass da jemand versucht, etwas gegen den Klimawandel zu tun und zugleich Armutsbekämpfung betreibt."

Auf dem Plateau, eine Art Open-Air Fabrik: Frauen schleppen säckeweise Maniok und verteilen die Wurzeln auf die verschiedenen Arbeitsstationen unter freiem Himmel. Holzgestelle, Wasserbottiche, ein Raum mit einer Mühle, ein Sonnendach, unter dem zig Frauen mit großen, scharfen Messern hantieren. Hier wird das kongolesische Grundnahrungsmittel aussortiert, gewogen, geschält, gewaschen, in der gleißenden Sonne getrocknet und schließlich zu Mehl verarbeitet.

Jeden Tag werden auf dem Ibi Plateau zwei Tonnen Maniokmehl produziert. Allein in Kinshasa werden täglich 100 Tonnen davon verbraucht. Ibi ist der größte Produzent auf dem Markt, denn der Großteil des Mehls wird von Kleinbauern aus Kinshasas Umland angeliefert. Derzeit sind 30 Dorfbewohner dauerhaft im Ibi Projekt angestellt. Zur Erntehochzeit kann die Zahl auf bis zu 500 steigen. Sylvain Ngambini Mota war einer derjenigen Clanälteren, der den Dorfbewohnern erklärte, warum sie keine alten Bäume mehr fällen sollen, um daraus auf traditionelle Art Holzkohle zu machen:

"Wir haben allen die Wahrheit gesagt, da wurde nichts geschönt oder gelogen. Wir sind hier auf unserem eigenen Land, denn das Land gehört dem Clan. Ich als Clanmitglied und Älterer habe den Leuten klar gemacht, dass wir hart arbeiten müssen, dann können wir alle gut leben.

Wenn Sie sich heute unser Dorf Kanisa ansehen, dann arbeiten die Familien da alle zusammen. Und die Jüngeren sehen es ja auch, dass der Maniok, wenn er so wie wir es ihnen zeigen, angebaut wird, wieder wächst und Geld einbringt. Deshalb ziehen die jetzt auch mit."

Dank zahlreicher Workshops stehen die Dorfbewohner der Hochebene hinter dem zwei Millionen Euro Projekt. Zwar kommt es hin und wieder vor, dass das Sicherheitspersonal von Ibi auf ihren Patrouillen der 8000 Hektar Fläche, Säcke voller Makala finden und konfiszieren. Gerade kürzlich wurden acht Tonnen Holzkohle auf dem Gelände beschlagnahmt. Es ist schnelles Geld für die bitterarmen Dörfler. Ein Sack Makala à 40 Kilogramm verkauft sich für zehn US Dollar. Dennoch: im großen Ganzen scheinen die Menschen von Ibi verstanden zu haben, dass sie sich durch das wahllose Roden ihrer Wälder selber das Grab schaufeln.

Die meisten pflanzen inzwischen auf ihren eigenen kleinen Äckern, die an Ibi angrenzen, nach derselben Methode wie im Ibi-Projekt an. Frank Estelle, einer der zwei Dorfältesten, fasst immer wieder für alle im Dorf zusammen, worum es beim Klimaschutz geht:

"Wir ebnen die Zukunft unserer Kinder. Wir pflanzen Bäume an, die Sauerstoff für unsere Kinder, alle Kongolesen, Europäer, sogar Amerikaner produzieren."

Estelle erzählt, er lebe immer noch in einer schlichten Lehmhütte ohne fließend Wasser und Strom - aber das soll sich ja in den nächsten Jahren ändern, dank des Verkaufs der Emissionszertifikate. Er findet, Ibi habe jetzt schon sehr viele positive Auswirkungen auf die Dorfgemeinschaft:

"Früher war das Klima hier sehr gut, aber nachdem alles abgeholzt war, änderte sich das Wetter. Es wurde heißer und trockener. Wir konnten kaum noch etwas anbauen. Nicht mal Erdnüsse wuchsen mehr und Holzkohle für den Verkauf in Kinshasa konnten wir ohne Wald auch keine mehr machen.

Jetzt, nachdem wir Akazien und Maniok anbauen, haben wir genug zum Essen und wir produzieren Überschüsse. Die Maniokwurzeln werden zu Mehl verarbeitet, das wir verkaufen können. Mit dem Geld können wir unsere Kinder zur Schule schicken und uns statt Strohdachhütten richtige Häuser leisten. Außerdem spenden die Bäume Schatten, das Klima ist wieder etwas milder."

Sein Freund Jose Nguakoto pflichtet ihm bei, Ibi sei gut:

"Es hat sich einiges geändert, ohne Herrn Olivier, den Boss von Ibi, könnten wir gar nicht weiter hier leben. Jetzt zeigt sich Licht am dunklen Horizont. Vorher gab es keinerlei Entwicklung für uns."

Zwölf Prozent der Umsätze aus dem Verkauf der Zertifikate sollen laut Geschäftsplan gemeinnützigen Zwecken und der Entwicklung der Dorfgemeinschaften zugutekommen. De facto steckten sie bereits rund 20 Prozent in den Ausbau der Infrastruktur, sagt der Finanzdirektor. Auf der langen To-Do-Liste stehen: Sauberes Trinkwasser, Stromanschlüsse, Schulen, Apotheken und die Ausbildung von Lehrern und Landwirten sowie der Bau einer Klinik.

Der Wald sei eine Goldquelle, jubelte Achim Steiner vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen einmal: Wenn der Kongo seinen Wald schützen und Emissionshandel betreiben würde, könnte das Land jedes Jahr allein durch den Handel von Zertifikaten rund 900 Millionen US Dollar verdienen. Auch Weltbank Mann Aquino weiß das, es macht Ibi umso interessanter:

"Wir würden dieses Projekt gerne ausbauen und es an anderen Orten im Land kopieren. Wir haben immer gehofft, dass wir den privaten Sektor dazu ermuntern können, sich gegen den Klimawandel zu engagieren. Insofern hat dieses Projekt durchaus das Potenzial als Pilotprojekt, das zur Nachahmung gedacht ist, zu dienen."

Die Weltbank unterstützt in Afrika weitere vergleichbare Projekte:

"Ich würde an dieser Stelle gerne ein Projekt in Äthiopien nennen, wo wir mit der Nichtregierungsorganisation World Vision zusammenarbeiten. Farmer regenerieren dort ihr völlig degradiertes Land, dafür gibt es dann auch Emissionszertifikate. In Niger unterstützen wir die Kooperation eines Unternehmens mit der Regierung, das Akazien anpflanzt und gleichzeitig eine Gemüsesorte anbaut, die den Boden düngt.

Heißt: wir sind in vergleichbaren Projekten in Afrika involviert und überlegen, wie wir künftig noch mehr davon haben können."

Das Projekt im Westen der Demokratischen Republik Kongo sei jedoch einzigartig, da es aus der Privatwirtschaft komme und somit kommerzielle Ziele verfolge, die aber gleichzeitig Klimaschutz und Entwicklung mit sich brächten:

"In der Demokratischen Republik Kongo ist Ibi das allererste Unternehmen, das sich durch Emissionszertifikate finanziert. Andere Interessierte im Kongo können hier viel lernen und die Inhaber teilen ihr Wissen sehr offen. Insofern hat es zu einer regelrechten Lernkurve im Kongo geführt."

Am höchsten Punkt des Plateaus, 600 Meter über dem Meeresspiegel, schaut Finanzdirektor Tshikaya über das Land. Eine scharfe Linie zeichnet sich ab. Linkerhand eine weite Fläche dunkler, saftig-grüner Bäume. Rechter Hand eine grau-grüne, versteppte Savannenlandschaft.

Links Akazienwälder in denen Bienen summen, Antilopen springen und Emissionen gebunden werden; rechts der erodierte, durch Brandrodung und Abholzen geschändete Busch, der zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Die grüne linke Fläche ist der Beweis dafür, was in nur 4 Jahren erreicht werden kann. Tshikaya nennt dies die Avenue der Kohlenstoffbindung. Täglich pflanzt ein Arbeiter in Ibi 300 Bäume. In einem Jahr forsten somit zehn Männer rund eine Million Bäume auf - ein Teil davon fließt in die Emissionsberechnungen ein, ein anderer wird zur Holzkohleproduktion genommen:

"Unser Traum ist, dass dieses Pilotprojekt eine Erfolgsgeschichte für andere wird. Es sollte nachgeahmt werden. Wir können das nicht landesweit alleine machen. Dies ist Teil der Lösung gegen den Klimawandel. Wenn es im ganzen Land 600 weitere Projekte dieser Größenordnung gäbe, könnte genug Holzkohle für den kompletten Kongo produziert werden. Damit wären wir einen gewaltigen Schritt weiter im Kampf gegen Treibhausgase und das Abholzen von Regenwald."

Das 2008 gestartete Ibi Projekt scheint für Umweltschützer wie auch für Entwicklungshelfer, wenig zu wünschen übrig zu lassen: Denn zu allem versucht das Ibi Team auch noch auf zehn Prozent der Projektfläche möglichst ursprünglichen Regenwald entstehen zu lassen. Einmal abgeholzten Regenwald, so wie auf dem Bateke Plateau geschehen, wiederherzustellen ist zwar so ziemlich unmöglich, aber - so Tshikaya:

"Wir bezeichnen dies als 'unterstützte natürliche Regeneration'. Die Hoffnung ist, dass in 20 bis 30 Jahren wieder ein möglichst ursprünglicher Wald entsteht. Daher bauen wir hochwertige einheimische Tropenhölzer an und umgeben sie mit einem Ring Maniok und Akazien. Die Akazien wachsen schnell und spenden Maniok und anderen Bäumen Schatten, so dass sie gut gedeihen.

Zugleich reichern die Akazien den durch Abholzen und jahrzehntelange Brandrodung der Kleinbauern völlig ausgelaugten Boden wieder mit Nährstoffen an. Akazien bilden ja an ihren Wurzelspitzen Stickstoffknöllchen. Wenn der Maniok reif ist, ernten wir ihn und wenn der hochwertige Tropenholzbaum nach sechs bis sieben Jahren stark genug ist, holzen wir die ihn umringenden Akazien ab und machen Holzkohle draus. Auf diese Art und Weise lohnt es sich finanziell für uns einen möglichst natürlichen, einheimischen Wald wiederherzustellen."

Landwirtschaft, Aufforsten und Emissionshandel in einem. Das Ibi-Bateke-Projekt - ein Erfolgskonzept von dem alle zu profitieren scheinen: das kongolesische Unternehmen Novacel, die auf dem Plateau lebende Bevölkerung und das Klima.

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