Stockhausens "Freitag aus Licht" an der Opéra Lille

Fulminante Aufführung mit begeisterndem Kinderchor

08:51 Minuten
Karlheinz Stockhausen im Porträt vor einer Partitur.
Karlheinz Stockhausen vor einer Partitur seines siebenteiligen Opernzyklus "Licht", der auf deutschen Bühnen kaum gespielt wird. © picture-alliance / dpa / Rolf Haid
Von Jörn Florian Fuchs · 05.11.2022
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Die Oper Lille überzeugt mit einer meisterhaften Inszenierung von Karlheinz Stockhausens "Freitag aus Licht". Die Koordination von Chor, Solisten und Live-Elektronik gelingt ausgezeichnet. Der Raumklang ist perfekt und der Kinderchor begeistert.
Am Ende, wenn nach guten drei Stunden der Saal des Opernhauses in Lille in orangerotem Licht erglüht, passiert etwas, dass auch ein langjähriger Musikkritiker so noch nicht erlebt hat. Beim Auftritt der Solistinnen und Solisten herrscht ein Getrampel und Gejubel auf der Bühne, das seinesgleichen sucht.

Versöhnung nach wildem "Kinder-Krieg"

Heerscharen von Kindern und Jugendlichen sind dafür verantwortlich, die bei dieser Aufführung an der Opéra de Lille herausragend sangen, musizierten und spielten, vor allem bei der Szene "Kinder-Krieg". Hier geht es wahrlich zur Sache und es dauert ziemlich lange, bis sich die verfeindeten Gruppen um Eva und Luzifer (der im "Freitag" unter dem Namen Ludon auftritt und von Antoine Herrera-López Kessel exzellent gesungen wird) versöhnen.
Zuvor wurden Spielzeugraketen um den Mond geschickt, mechanische Tiere zum Musizieren gebracht und ein doppelköpfiges, doppelinstrumentiges Wesen namens Synthibird (Sarah Kim, Haga Ratovo) elektrisierte sich und alle anderen.

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In allen sieben Stücken des "Licht"-Zyklus bringt der Komponist die bei ihm nur lose biblisch konnotierten Figuren Eva, Michael und Luzifer in verschiedenen Konstellationen und Konflikten auf die Bühne, jeder Teil ist einem Wochentag gewidmet und besitzt spezifische Symbole und Farben. Im "Freitag" schwingt Michael nur als eine Hintergrundkraft mit.
Eva (außergewöhnlich in Stimmumfang, Diktion, Ausdruck: Jenny Daviet) fängt eine Affäre mit Ludons Sohn (der starke Bariton Halidou Nombre) an, obwohl sie eigentlich Adam symbiotisch verbunden ist.

Religiöses Pathos und rheinischer Karneval

Schon bei Stockhausen wird diese 'Geschichte' nicht nur mit religiösem Pathos unterlegt, sondern auch mit einer gehörigen Prise an rheinischem Karneval.
Regisseurin Silvia Costa inszeniert zwar überwiegend aus dem Geiste des Schöpfers, erlaubt sich aber auch manche Frei- und Frechheiten. Es ist ein Theater der öfters auch sehr statischen Bilder, eine mit Stockhausens szenischen Parametern vorsichtig spielende, sie gleichsam auf ihre heutige Tauglichkeit prüfende Arbeit.
Der Kinderjubel am Schluss zeigt, wie nah ihnen die Sache offenbar ging – und auch wie viel Spaß sie hatten. Das steht im Widerspruch zum (Vor-)Urteil, Stockhausen setze junge Leute vorwiegend als Mittel zum Zweck ein.

Ensemble plant Gesamtaufführung von "Licht"

Der Kopf hinter dem Ganzen ist Maxime Pascal mit seinem Ensemble Le Balcon, das mittlerweile den vierten "Licht"-Teil realisiert hat. Pascal wirkte diesmal diskret aus dem Off, es geht im "Freitag" vor allem um Solisten- und Chorkoordination sowie den perfekten Raumklang für die konstant mitschwingende und durchlaufende Live-Elektronik.
Alles gelang meisterhaft! Herausragend waren zudem Charlotte Bletton (Flöte), Iris Zerdoud (Bassetthorn) sowie besagter Kinderchor, die Maîtrise de Notre-Dame de Paris.
In den kommenden Jahren planen Pascal und Le Balcon die letzten drei Stücke, dann leuchtet – noch fern und vorsichtig – eine Gesamtaufführung der Heptalogie.
Sollte das gelingen, wäre es nicht nur ein Triumph für Pascal und seine Truppe, sondern auch ein Armutszeugnis für den deutschen Opernbetrieb, der sich seit Jahren konsequent um "Licht" drückt, rühmliche Ausnahmen wie Regisseurin Lydia Steier mit dem "Donnerstag" in Basel 2016 mal ausgenommen.

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