Seit 23:05 Uhr Fazit
Mittwoch, 23.06.2021
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Länderreport | Beitrag vom 14.05.2021

Freilichtbühne HerdringenVom Glück, auf der Bühne zu sein

Von Corina Wegler-Pöttgen

Pippi Langstrumpf wurde 2018 in der Freilichtbühne Herdringen gespielt. Die Hauptdarstellerin ist wie Pippi verkleidet und steckt die Zunge raus. (Freilichtbühne Herdringen)
Pippi Langstrumpf wurde im Jahr 2018 in der Freilichtbühne Herdringen gespielt. (Freilichtbühne Herdringen)

Pippi Langstrumpf, Dschungelbuch, Räuber Hotzenplotz: Die Klassiker werden oft gespielt in den rund 100 Freilichtbühnen der Amateurtheater. Nun laufen die Proben, Tausende Aktive und Zuschauer hoffen auf eine Saison. Auch in Herdringen im Sauerland.

Das Bühnenbild: verwittert. Holz liegt herum. Unkraut sprießt zwischen den Kieselsteinen. Hier an der Freilichtbühne in Herdringen im Sauerland, einer ländlichen Region mitten in Nordrhein-Westfalen. Aber: Hobby-Schauspielerin Andrea Köstens strahlt.

"Es ist einfach wunderbar", sagt sie, "wenn man auch nicht alle Menschen wieder treffen kann, aber zumindest einen kleinen Teil. Es macht viel Freude. Seinem Hobby hier nachgehen zu können."

Die Herdringer wollen ab Juli den Edgar-Wallace-Krimi "Der schwarze Abt" aufführen.

Stücke mit kleiner Besetzung im Programm

"Das würden wir unter Nicht-Corona-Zeiten bestimmt nicht spielen, weil wir zu wenig Leute unterkriegen. Es sind halt nur neun, zehn Rollen." So erklärt es Thomas Lepping, der Vorsitzende der Bühne.

Statt großer Familienstücke mit 100 Schauspielern spielen die Herdringer in diesem Jahr Stücke mit kleiner Besetzung. Es wird keine aufwendige Kulisse geben. Die Bühnenbildner müssten eng zusammenarbeiten und das geht nicht. Es gibt keine Massenszenen.

Alle Stücke sind ohne Gesang oder Tanz: "Jetzt einfach nur Theater auf der Bühne, mit vernünftiger Artikulation. Auch mal wieder für uns, dass wir 'back to the roots' kommen."

Proben mit maximal zwei Personen auf der Bühne

Reimund Schmidt nickt. Auch er ist schon seit langem Amateurschauspieler hier an der Bühne:

"Ich bin eigentlich hier an der Freilichtbühne groß geworden. Mein Vater war Gründungsmitglied und von daher bin ich mit vier, fünf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne gewesen. Es ist einfach wunderbar, vor so vielen Menschen Aufführungen bieten zu können."

Im" Schwarzen Abt" spielt Reimund Schmidt einen verwirrten Inspektor. Es bleiben noch ein paar Minuten, bis seine Probe beginnt. Er setzt sich auf eine der Zuschauerbänke und guckt den Kollegen zu.

"Die Proben bedeuten schon eine Herausforderung", erzählt er. "Wir dürfen maximal mit zwei Personen auf der Bühne stehen, haben die Auflage, uns vor jeder Probenarbeit auf freiwilliger Basis testen zu lassen. Aber dadurch, dass wir ein Jahr pausieren mussten, sind wir alle bereit, uns jedes Mal testen zu lassen."

2022 soll in der Freilichtbühne Herdringen wieder das Familienstück Räuber Hotzenplotz aufgeführt werden. Der Hautpdarsteller guckt mit Hut und Pistole in die Kamera. (Privat)2022 soll in Herdringen wieder das Familienstück "Räuber Hotzenplotz" aufgeführt werden. (Privat)

Ursprünglich war neben dem Wallace-Krimi, dem Schwank "Pension Schöller" und dem Jugendstück "Die Welle" auch noch "Räuber Hotzenplotz" für die Kinder geplant. Das Stück hat die Bühnenleitung am vergangenen Wochenende abgesagt. 40 Schauspieler wären auf der Bühne gewesen. Zu viele, sagt Bühnenvorsitzender Lepping: 

"Traurig. Auf den Hotzenplotz haben sich alle gefreut, weil das hat jeder schon mal hier oben gesehen. Wir wissen nicht, wie wir es organisiert hätten. Da ist es besser einfach nur einen Strich drunter zu machen."

Nur ein Drittel der Zuschauer dürfen kommen

Auch bei der Zahl der Zuschauer muss die Freilichtbühne Herdringen kleiner kalkulieren. Normalerweise könnten 850 Menschen zugucken, jetzt weniger als ein Drittel.

"Unter Pandemiebedingungen sind es maximal 290. Das heißt, es wird für uns tatsächlich eine Plus-Minus-Nummer", sagt Lepping.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Finanziell lohnen werden sich die Aufführungen nicht – wie für viele im Kulturbereich geht es schlicht ums Überleben – aber immerhin geht es weiter:

"Wir haben die Unterstützungshilfe bekommen, wir haben die November- und Dezemberhilfe bekommen. Und wir haben einen Fördertopf für die Profi-Regiearbeit von den Darstellenden Künsten bekommen. Das lässt uns viel freier aufspielen, weil die meisten Kosten übernommen werden."

Das Wichtigste ist, überhaupt proben zu dürfen

Das erste Duo ist fertig auf der Bühne. Regisseurin Bärbel Kandziora ist zufrieden. Sie schaut in ihre Unterlagen.

"Ich muss immer wie ein kleines Mosaik arbeiten", erklärt sie. "Da sind zwei Leute auf der Bühne, die machen ihre Sache, die sie zusammen machen können. Teilweise muss ich mir vorstellen, dass das noch eine dritte Person ist oder eine vierte. Die wird reingelesen, damit die anderen ihren Gegenpart als Text hören. Und wir sind alle ganz gespannt, wie es ist, wenn wir diese Mosaikstücke dann zusammensetzen, weil das noch mal was verändert."

Falls es überhaupt zu einer Aufführung kommt! Das wünschen sich hier zwar alle, aber letztlich wird es von den Inzidenzwerten abhängen, ob die Stücke im Sommer mit Publikum aufgeführt werden können.

"Ehrlich gesagt, das ist gar nicht so das Wichtige. Dass es für die Spieler so beglückend ist, hier proben zu dürfen ist viel wichtiger, als dran zu denken, wie viele Leute es sehen können. Wir freuen uns daran und die Freude würde ich nicht dadurch schmälern, dass man an irgendwann denkt."

"Es gab Hilfen für Künstler"

Bärbel Kandziora führt Regie an zwei Freilichtbühnen in Nordrhein-Westfalen. Sie unterrichtet auch noch einen Kinderzirkus und gibt in Hessen Bildungsseminare, bei denen auch Theaterübungen eine Rolle spielen.

All das wurde von der Corona-Pandemie im letzten Jahr ausgebremst. Aber: So hart, wie viele andere Künstler, fühlt sich Bärbel Kandziora nicht getroffen.

"Es gab Hilfen für Künstler. Klar, das hat nicht das aufgehoben, was ich durch die Jobs, die mir entgangen sind, verloren habe, aber ich musste nicht verhungern", sagt sie. "Ich musste nicht Hartz IV beantragen und ich musste auch nicht meine Wohnung verlassen, weil ich sie nicht bezahlen konnte. Von daher bin ich sehr dankbar."

Die steigende Impfquote macht Hoffnung

Die Probe geht weiter. Auf dem Weg zur Bühne sagt Hobbyschauspieler Reimund Schmidt: "Ja, jetzt ist es fast so wieder wie in alten Zeiten. Halt mit sehr wenigen Personen auf der Bühne, aber trotzdem schön. Wir sind wieder draußen."

Die Premieren für die drei Stücke plant die Bühne für Juli, August und September. Ob es dazu kommt? Zumindest steigt die Chance mit jedem Geimpften.

"Wir freuen uns, wenn das Tempo weiter ansteigt." Die zwei Schauspieler auf der Bühne, Regisseurin Bärbel Kandziora, sie alle hier auf der Freilichtbühne Herdringen mitten in Nordrhein-Westfalen, sie nicken.

"Besonders berührend finde ich, dass man ganz, ganz stark merkt, dass die Spieler, die hierherkommen, allein mit dieser halben Stunde Probe unglaublich glücklich und beseelt nach Hause gehen, weil endlich wieder was stattfindet. Das hat was von: Es wird wieder normal. Das hat was von Hoffnung, das spürt man bei jeder Probe."

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Länderreport

Flächennutzung am Bodensee Rohstoffabbau statt Biotope?
Drohnenaufnahme: Die Altstadt von Meersburg am Ufer des Bodensees wird von der Morgensonne angestrahlt. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)

Die Planungen für neuen Kiesabbau sowie Wohn- und Gewerbegebiete in der Boomregion Bodensee-Oberschwaben rufen heftigen Protest hervor. Die Bürger warnen vor Umweltzerstörung. Die Verantwortlichen schieben den schwarzen Peter an das Land weiter.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur