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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.11.2007

Freiheit durch Knast

"Genannt Gospodin" am Münchner Marstalltheater

Rezensiert von Christoph Leibold

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Geld darf nicht nötig sein! Das ist die Maxime des Titelhelden in Philipp Löhles "Genannt Gospodin". Darin lotet der 1978 geborene Dramatiker die Möglichkeiten aus, sich dem Kapitalismus zu entziehen. Am Marstalltheater in München hat Nachwuchsregisseur Jan Philipp Gloger Löhles Theaterstück inszeniert.

Die Bühne von Franziska Bornkamm: ein kahler, schmutzig weißer Raum, voll gestellt mit allerhand Möbeln und Geräten: Sofa, Kaffeemaschine, Kühlschrank, Mikrowelle, Fernseher, Stereoanlage, Bürostühle, Stehlampe. Nach und nach verleiht Gospodin seine Besitztümer an Freunde - und bekommt sie natürlich nicht wieder. Oder seine Freundin Anette, die ihn verlässt, nimmt Sachen mit.

Aber das alles ist Gospodin nur recht, denn er versucht sich vollkommen frei zu machen von den Zwängen der Konsumgesellschaft. Trotzdem schaut Shenja Lacher als Gospodin eher zerknittert und zerknirscht aus seinem schlabberigen T-Shirt hervor. Denn so leicht lässt sich der Kapitalismus nicht abschütteln: Gospodin bekommt Jobs angeboten - zum Geldverdienen! Was er ebenso wenig will wie Geld ausgeben. Im Supermarkt zum Beispiel, wo er sich von der Warenvielfalt der Überflussgesellschaft tyrannisiert fühlt.

Groteskerweise bringt eine Tasche voller Geld, deponiert bei Gospodin von einem dubiosen Zufallsbekannten, die Lösung. Denn Gospodin wird nun von der Polizei als vermeintlicher Dieb verhaftet und muss ins Gefängnis. Ausgerechnet dort fühlt er sich frei - weil er nun weder Geld verdienen noch sich arbeitslos melden muss.

Philipp Löhle dreht die Idee von Ausstieg aus der Gesellschaft ein paar Gehirnwindungen weiter ins Absurde. Und Regisseur Jan Philipp Gloger hat das Stück mit angemessenem Sinn für skurrilen Humor inszeniert. Da gibt es herrlich komische, farcenhaft überdrehte Szenen. Etwa wenn Shenja Lachers Gospodin samt Geldtasche in schönster Slapstick-Manier, die Knie hektisch hochreißend über die Bühne rennt, während seine Freunde ihm, sprich: dem Geld, ebenso wild fuchtelnd hinterher hecheln.

Diese Freunde werden von nur zwei Darstellern gespielt. Franziska Rieck und Marcus Calvin schlüpfen in sämtliche Nebenrollen: schrullige Typen allesamt, liebevoll überzeichnet, aber (fast) nie der Lächerlichkeit Preis gegeben. Und mittendrin: Shenja Lacher, der die ganze verzweifelte Komik von Gospodins Windmühlenkampf gegen den Kapitalismus in seinem kreuzunglücklichen Gesicht sichtbar macht.

Am Ende siegt er doch. Ein absurder Sieg, der Gospodin in die Freiheit des Gefängnisses führt. Dann ist die Bühne leer - Kühlschrank und Kaffeemaschine, Stereoanlage, Fernsehapparat und alles sind verschwunden! Und Gospodin fühlt sich frei und glücklich.

"Genannt Gospodin" am Münchner Marstall: das ist politisches Theater, das auch noch Spaß macht. Was will man mehr?

"Genannt Gospodin" von Philipp Löhle
am Münchner Marstalltheater (Bayerisches Staatsschauspiel)
Regie: Jan Philipp Gloger
Darsteller: Shenja Lacher, Franziska Rieck und Marcus Calvin
Premiere am 6.11.2007

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