"Freigabe aller Doping-Mittel wäre unverantwortlich"

Wilhelm Schänzer im Gespräch mit Hanns Ostermann · 15.08.2008
Nach den jüngsten Schwimm-Erfolgen bei den Olympischen Spielen hat der Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln, seine Skepsis über die Legalität der Rekorde geäußert. Es würde ihn nicht wundern, wenn leistungsfördernde Mittel dabei gewesen wären, sagte Schänzer. Eine Freigabe aller Doping-Substanzen würde auf Kosten der Gesundheit der Sportler gehen.
Hanns Ostermann: Kann Siegen Sünde sein? Normalerweise gewiss nicht. Gewinnen macht Spaß und gehört zum Alltag ebenso wie das Verlieren. Schwierig wird es nur dann, wenn der Sieg überdeutlich ausfällt, wenn Leistungen explodieren und Zeiten erreicht werden, die noch vor kurzem für unglaublich gehalten wurden. Peking liefert da ein Beispiel nach dem anderen bei den Schwimmern. Es ist längst nicht nur der Amerikaner Michael Phelps, bei dessen Weltrekorden man sich die Augen reibt.

Sind die Siege und vor allem die Zeiten wirklich nur das Ergebnis harter Arbeit? Diese Frage stellt sich ein ums andere Mal sicher auch für Experten. Professor Wilhelm Schänzer leitet das Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Dieses beim IOC akkreditierte Labor gehört zu den weltweit führenden Einrichtungen der Doping-Analytik. Guten Morgen, Herr Schänzer.

Wilhelm Schänzer: Schönen guten Morgen, Herr Ostermann.

Ostermann: Wenn Sie die Resultate der Schwimmer sehen, zweifeln Sie da an Ihrer Arbeit, oder denken Sie: "Jetzt erst recht"?

Schänzer: Ja, gut. Es sind schon ungewöhnliche Leistungen, die aufgestellt werden, und ich habe natürlich dabei auch immer wieder die Frage, ist das alles wirklich legal entstanden, oder sind hier Doping-Substanzen im Spiel gewesen. Man muss natürlich sagen, wenn ich mit meinen Kollegen aus der Trainingswissenschaft rede, es hat trainingswissenschaftlich sehr viele Verbesserungen gegeben. Die Leistungen lassen sich nicht alleine mit Doping erklären. Wir können Doping aber auch nicht endgültig ausschließen, weil es nach wie vor Substanzen gibt, die auf der Liste stehen, die schwer nachweisbar sind. Ich denke da an Eigenblut-Doping. Ich denke da an bestimmte Kombinationen vom Wachstumshormon Insulin, wobei jetzt ja ein Wachstumshormontest sehr umfangreich bei den Olympischen Spielen eingesetzt wird.

Und man muss natürlich auch möglicherweise damit rechnen, dass es noch Substanzen gibt, die bisher erst im Tierversuch bei Mäusen Effekte gezeigt haben. Möglicherweise können diese natürlich auch beim Menschen eingesetzt werden, aber ob sie dann wirklich wirken, das wissen wir nicht. Also wir haben einen Unsicherheitsfaktor und das ist eben das, dass dann die Leistungen, die diese Athleten bringen, für mich immer so ein bisschen kritisch zu bewerten sind.

Ostermann: Die neuen Schwimmanzüge oder das besonders weiche Wasser in Peking reichen als Erklärung möglicherweise nicht aus. Sie haben eben von Mäusen und Tierversuchen gesprochen. Was sind das für Substanzen, die jetzt möglicherweise für diese Wahnsinnsleistungen sorgen? Ich denke allein an Phelps. Der startet sechsmal, holt nicht nur sechsmal Gold, sondern erzielt auch sechsmal hintereinander Weltrekord.

Schänzer: Ich wäre jetzt vorsichtig zu sagen, sie sind durch Doping-Substanzen wirklich nicht zu erreichen. Ich denke mal, man muss damit rechnen oder es würde mich nicht wundern, wenn langfristig heraus käme, es sind auch Leistungsförderer dabei gewesen.

Bei den Substanzen, die im Augenblick diskutiert werden, da habe ich vorhin schon die Wachstumshormone genannt. Da wird ein Test gemacht. Insulin ist eine Substanz. Da wird im Augenblick bei den Olympischen Spielen noch kein Test gemacht. Es gibt zwar schon einen Test dafür, aber das ist immer noch eine Lücke, die wir haben, wo man natürlich sagen kann, damit wird die Regeneration sehr gut verbessert. Diese Leistungsförderer, die jetzt im Tierversuch getestet werden, das sind ja Substanzen, die in den klinischen Phasen sind, die noch nicht ausreichend eingeführt worden sind. Die haben dann so Namen wie Ei-K oder S107 oder G1516. Damit kann ein Laie wenig anfangen. Sie sind aber gut beschrieben in wissenschaftlichen Zeitschriften.

Zum Beispiel die bekannte Zeitschrift "Zell" hat hier gerade auf zwei Substanzen aufmerksam gemacht, die im Tierversuch gerade im Ausdauerbereich bis zu 50 Prozent oder mehr an Leistung heraus bringen. Das heißt die Mäuse sind dann eben 1,5 Mal so schnell gelaufen oder so lange gelaufen. Oder man macht Tests im Wasser, wie lange die Mäuse schwimmen können, bis sie untergehen. Ich denke, ob man das jetzt direkt beim Menschen übertragen kann, da ist natürlich ein großes Fragezeichen. Aber nichtsdestoweniger muss man natürlich auch damit rechnen, dass solche Substanzen schon missbraucht werden.

Ich denke dann auch an andere Substanzen: zum Beispiel eine Substanz, die im Rotwein ist: Resveratrol, was immer mit positiven Effekten bezeichnet wird. Auch diese Substanz ist letztlich publiziert worden in einer entsprechenden wissenschaftlichen Zeitschrift, auch bei Tierversuchen wie bei Mäusen, die dann auch nach Gabe dieser Substanz (natürlich in extrem hohen Dosen) viel ausdauerleistungsfähiger waren. Das heißt also letzten Endes eine Substanzgruppe, mit der wir rechnen müssten, die möglicherweise auch eingesetzt wird.

Ostermann: Jetzt werden Doping-Kontrollen eingefroren, acht Jahre lang aufbewahrt. Nehmen wir mal an, jemand hat mit einem Mittel manipuliert, das heute noch nicht auf der Doping-Liste steht. Können Sie dem eigentlich an den Karren fahren?

Schänzer: Das ist jetzt eine juristische Fragestellung. Das IOC hat ja angekündigt, diese Proben bis zu acht Jahren zu lagern. Und nehmen wir mal an, wir würden jetzt im nächsten Jahr oder in absehbarer Zeit schon auf diese neuen Substanzen testen, weil das sind alles körperfremde Substanzen. Ich denke, dass die Nachweisverfahren relativ schnell auch für diese Substanzen entwickelt sind. Man könnte dann natürlich, wenn das IOC das wirklich will, in Proben hineingehen, wo wirklich exorbitante Leistungen erbracht worden sind, und das noch mal nachkontrollieren. Dann müsste natürlich von der juristischen Seite her alles genau geregelt sein, dass man auch solche Nachuntersuchungen verwenden kann, um Athleten zu sanktionieren.

Ich denke, das IOC versucht hier schon eine relativ gute Anti-Doping-Politik zu machen. Es hat auch ganz klar gesagt, es würde dann natürlich, da es für die Olympischen Spiele zuständig ist, natürlich Rekorde rückwirkend aberkennen beziehungsweise natürlich Athleten die Zulassung zu neuen Olympischen Spielen verweigern.

Ostermann: Auch wenn die Mittel derzeit noch nicht auf der Doping-Liste stehen. Wenn die Doping-Forschung und -Analytik - da werden Sie mir zustimmen - hinterher läuft. Was können denn dann die Doping-Kontrollen in Peking überhaupt leisten? Sind sie mehr als ein Alibi?

Schänzer: Ich denke mal, wir müssen schon realistisch sein. Realistisch heißt, wir versuchen, mit der Doping-Analytik immer effektiver zu werden. Dass man natürlich bei neuen Substanzen immer eine Zeit hinterher läuft, bis das entwickelt ist, bekannt geworden ist, das ist ein Spiel, das wir seit Jahrzehnten kennen. Daran wird sich auch aus meiner Sicht nicht viel ändern. Aber eines hat sich schon verbessert. Wir versuchen jetzt schon entsprechend, wie wir sagen, präventiv zu forschen. Das heißt zu den Substanzen, die hier jetzt genannt werden, da sind schon Arbeitsgruppen auch in unserem Bereich. Mein Kollege Mario Thevies ist dabei, die entsprechenden Verfahren zu entwickeln, sodass wir im Augenblick viel früher auf neue Entwicklungen reagieren, als das vor Jahren der Fall war.

Wenn wir zum Beispiel ans Gen-Doping denken: Es gibt sicherlich im Augenblick noch kein Verfahren, was wirklich effektiv hier im Sport eingesetzt werden kann. Aber die Welt-Anti-Doping-Agentur hat für diese Themenbereiche schon seit zwei, drei Jahren entsprechende Forschungsgruppen mit entsprechenden Projekten versorgt, so dass wir dann möglichst schnell reagieren können. Wir können nicht auf alle Substanzen gleichzeitig jetzt schon testen, wo wir noch gar nicht wissen, ob sie überhaupt leistungssteigernd sind beziehungsweise, ob sie missbraucht werden.

Ostermann: Herr Schänzer, ich will Sie nicht arbeitslos machen. Aber wäre es insgesamt nicht ehrlicher, die Doping-Mittel würden frei gegeben. Dann hätten wir zwar keine Chancengleichheit, aber es ginge transparenter zu.

Schänzer: Ja, gut. Das wird immer wieder gesagt. Nur man muss ganz klar sagen: All diese Doping-Mittel - und zwar über 99 Prozent - sind Arzneimittel, die verschreibungspflichtig sind. Viele Substanzen sind zum Teil gar nicht zugelassen. Wenn ich an solche Sachen denke wie die griechischen Gewichtheber, die ja im April hier im Vorfeld zu den Spielen auch getestet worden sind, neun von elf dabei positiv mit einer Substanz Methyl-Trenbolon, die nie eine Zulassung bekommen hat, weil es zu hohe Nebenwirkungen hat. Dann würde man ein Tor öffnen, was dazu führt, dass es bei Sportlern zu Gesundheitsschäden kommt. Es würde ein Wettbewerb entstehen zwischen den Medikamenten selber, womit man am besten dopen kann. Ich denke, das wäre unverantwortlich.

Ostermann: Professor Wilhelm Schänzer. Er leitet das Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Herr Schänzer, vielen Dank für das Gespräch heute früh.

Schänzer: Ja, bitte sehr. Kein Problem!