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Studio 9 | Beitrag vom 12.06.2020

Freibadtest in Bayern20 Quadratmeter Schwimmbad

Von Tobias Krone

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14.06.2019, Sachsen, Pirna: Ein Badegast springt im Geibeltbad ins Wasser. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa Zentralbild / Sebastian Kahnert)
Hinein ins Chlorwasser! Laut Bäderbetrieben haben Coronaviren im Freibadwasser keine Chance. (picture alliance / dpa Zentralbild / Sebastian Kahnert)

Von Schwimmern innig herbeigesehnt, haben die meisten Kommunen ihre Freibäder eröffnet. Noch ist Platz genug, um sich vor dem Coronavirus sicher zu fühlen, fand unser Autor bei einem Selbstversuch in München. Aber etwas mulmig war ihm schon zumute.

Reservieren, registrieren, ausdrucken: Von wegen "Pack die Badehose ein"! Ganz schön viel Aufwand, um ins Freibad zu gehen. Und dann ist da irgendwie noch dieses mulmige Gefühl. Und das Gerät bei der Frau an der Kasse erkennt ausgerechnet meinen ausgedruckten QR-Code nicht.

"Es mag nicht! Es geht nicht! – Ah, jetzt! Gottseidank!"

Startschwierigkeiten. Das haben sie schon am Vortag gehabt. "Ja, da hat es ein bissl gerumpelt und gescheppert gestern", räumt Christine Kugler ein. Sie ist die Chefin der Münchner Bäder, die mich auf der Liegewiese erwartet.

"Wir haben das System online gestellt und hatten einen so großen Ansturm auf dieses System, dass wir 1.500 Transaktionen pro Minute hatten."

So viel Platz wie eine ganze Wohnetage

Mit dem Reservierungssystem wollen sie hier die Zahlen dosieren. "Sie haben theoretisch 20 Quadratmeter Platz. Wenn Sie zu viert kommen, haben Sie 80 Quadratmeter – wie eine Wohnung im Grunde", erläutert Kugler.

Blick auf das leere Freibad Geisbergbad in Veitshoechheim. (Getty Images / TF-Images)Anfang Mai waren viele Freibäder noch Geisterbäder. Inzwischen kommen die ersten Gäste. Aber immer noch bleibt viel Platz im Becken. (Getty Images / TF-Images)

Gerade wäre es sogar eine ganze Wohnetage für mich. Erstaunlicherweise denn das Schyrenbad in München Untergiesing ist eigentlich ein Sommer-Hotspot. Heute allerdings wäre noch Luft nach oben – auch mit Abstand. Und ganz ohne Maskenpflicht. Doch zum freieren Atmen bin ich ja eigentlich nicht hergekommen. Durch die Bäume leuchtet blau das Schwimmerbecken. Das bewacht Bademeister Peter.

"Wie viele Leute sind jetzt hier drin im Bad?"
"Im Becken sind jetzt 30 Leute und 140 dürfen drin sein."
"Was machen Sie denn beim 141.?"

"Ja, dann müssen wir eben einen rausschmeißen oder keinen mehr reinlassen. Kann sogar sein, dass wir die Treppen absperren. Wissen wir aber noch nicht so genau, wir haben das ja alle noch nie gehabt."

Vielen ist es noch zu kalt

Warum diese Hemmung, mir die Kleider vom Leib zu reißen und reinzuspringen? Vielleicht erstmal umziehen – und dann Zwischenstation auf der Bank bei Anton Eisenreich. Er trägt Sonnenbrille, aber keine Badehose.

"Sind Sie Stammgast?"
"Ja, meine Frau auch. Leider hat’s am Vormittag geregnet, ich habe meine Badesachen nicht mitgenommen, meine Frau schwimmt, aber mir ist noch ein bissl zu kalt gewesen, habe ich mir gedacht." Er lacht.
"Also, die Frau macht das für Sie."
"Heute macht es die Frau für mich."

Früher floss der Bach durch das Becken

Der Glückliche, denke ich. Die Kälte könnte ein Grund sein. Aber irgendwie ist da auch bei mir die Angst vor einer Ansteckung. Alles Quatsch, hat die Bäderchefin gesagt: Wasser und gerade Chlor killen das Virus. Und der Stammgast? Eisenreich erzählt etwas Erbauliches von früher, wie es hier vor 70 Jahren aussah.

"Da waren die Algen und Zeug. Und dann ist der Bach noch durchgelaufen. Da bist du heimgekommen, da warst du schön dreckig, dann hat dich die Mutter in die Wanne gesetzt und dich abgeduscht. Und heute? Die Kinder werden heute nicht mehr so dreckig, wie wir waren."

Exakt. Und es gibt Leute wie die durchtrainierte Frau mit der Bademütze, die aus dem Becken steigt und gleich mal zum Lobgesang anhebt.

"Es ist einfach schön, auch dieses Chlorwasser. Man ist es gewohnt von Kindesbeinen an, und es ist ja nichts Unangenehmes, es ist etwas Schönes, Angenehmes. Auch diese Mütze auf den Ohren, nix hören."

Aha.

"Was für eine Strecke sind Sie jetzt geschwommen? Ich schätze mal eine lange."
"Heute waren es 2.700 nur", antwortet die Dame.
"Bahnen?"
"Äh, nee Meter."
"Ach so. Okay, also, wow! Okay. Mal so zum Einstand bei Ihnen oder wie?"
"Ja, genau, weil jetzt die Wadenkrämpfe langsam anfangen."

Nun ja, bevor ich komplett demotiviert bin, mache ich es kurz, lege das Mikrofon an den Beckenrand – und mache eine 1-A-Arschbombe. Und dann tauche ich erstmal hinab. Und es ist klar, gefühlt sehr keimfrei. Und viel wärmer als draußen.

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