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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 22.10.2006

Frei im Land der "Ungläubigen"

Ayaan Hirsi Ali: "Mein Leben, meine Freiheit"

Vorgestellt von Dorothea Jung

Ayaan Hirsi Ali (AP)
Ayaan Hirsi Ali (AP)

Ayaan Hirsi Ali hat mit "Mein Leben, meine Freiheit" ihre Autobiografie auf den Markt gebracht. Das Buch der Niederländerin somalischer Herkunft liest sich wie ein islamkritisches Manifest und wie eine Verteidigungsrede abendländischer Ideale. Es ist aber auch ein bewegendes Dokument des Befreiungskampfes einer intelligenten und energischen Frau.

"Ich sitze mit meiner Großmutter auf einer Grasmatte unter dem Talalbaum vor dem Haus. Nur die Zweige des Baums schützen uns vor der Sonne, die gleißend auf den weißen Sand brennt. ‚Ich bin Ayaan, Tochter von Hirsi, Sohn des Magan.’
‚Weiter’, sagt meine Großmutter mit starrem Blick.
‚Und Magan war der Sohn des Isse, der war der Sohn des Guleid, der Sohn von Ali war. Dieser war der Sohn der Wai'yes. Sohn des Muhamed, Sohn des Ali, Sohn des Umar. Sohn des Osman Mahamud.”"

Hirsi Ali: """Ich weiß immer noch etwa 13 Generationen auswendig. Und das ist sehr wichtig. Denn wir hatten damals ja keinen Sozialstaat in Somalia wie im deutschen Staat, der sich um einen kümmerte. Das war allein der Clan. Das heißt: Man musste wirklich seine Abstammung kennen."

Als Ayaan Hirsi Ali 1969 in die traditionellen Clanstrukturen Somalias hineingeboren wird, hat sich Mohammed Siad Barré gerade an die Macht geputscht. Ayaans Vater ist Regimegegner und wird verhaftet. Aufstände schütteln das Land. Und ihre Mutter zieht darin umher und treibt bei ihrem Clan das Nötigste zum Überleben auf.

Nach Meinung der Großmutter verlangt Allah, dass junge Mädchen beschnitten werden. Als Ayaan fünf Jahre alt ist, bestellt die Großmutter einen Mann ins Haus, der Ayaan die äußeren Genitalien mit Messer und Schere abschneidet. Ohne Betäubung. Eine der eindringlichsten Szenen im Buch.

Hirsi Ali: "Den moralischen Standards meiner Großmutter zufolge war die weibliche Beschneidung das Beste, was man für ein Mädchen tun konnte. Meine Großmutter hatte nur eine einzige Angst: Dass wir keine Männer finden würden. Und nicht nur das: In der Hochzeitsnacht würde man dann entdecken, dass wir nicht beschnitten sind; und das wäre ein schlimmer Schlag. Nicht nur für den Bräutigam, sondern für die ganze Familie. Also vor dem psychischen Hintergrund ihrer Erziehung hat sie uns einen sehr, sehr großen Gefallen getan."

Anders als die Großmutter sind die Eltern der Meinung, dass die Beschneidung ein barbarisches Ritual aus vorislamischer Zeit ist. Die Folge ist ein Konflikt, der fast die Familie sprengt. Überhaupt erlebt das Mädchen unentwegt Streitigkeiten, die aus dem Zusammenprall von Islam und säkularen Lebensentwürfen, von Tradition und Moderne entstehen. Nachdem ihr Vater aus dem Gefängnis entkommen konnte, flieht die Familie und lebt in Saudi Arabien, Äthiopien und Kenia. Eine kulturelle Parforce-Tour, der vor allem die Mutter nicht gewachsen ist. Der Vater verlässt die Familie. Und seine hadersüchtige Frau benutzt ihre Tochter als Ventil, demütigt und misshandelt sie.

Ayaan Hirsi Ali: "Mein Leben, meine Freiheit" (Coverausschnitt) (Piper Verlag)Ayaan Hirsi Ali: "Mein Leben, meine Freiheit" (Coverausschnitt) (Piper Verlag)Hirsi Ali: "Als Kind in ihrem Haus habe ich mich schrecklich gefühlt, es war schmerzhaft. Ich wollte weglaufen und mich sogar umbringen. Es war manchmal einfach zu viel. Aber heute als reife Frau klage ich sie nicht an. Ich empfinde Mitleid mit ihr. Und ich versuche mich auch an die Zeiten zu erinnern, als sie eine gute Mutter war, als sie ihr Leben riskiert hat, um uns Nahrung zu beschaffen. Sie hatte einfach ein sehr schweres Leben."

Für Ayaan Hirsi Ali hat der Clan ein genauso schweres Leben vorgesehen. Sie soll mit einem Cousin zwangsverheiratet werden. Doch diesem Schicksal entkommt sie, indem sie in den Niederlanden politisches Asyl beantragt. Unter falschem Namen und unter Vorspiegelung falscher Fluchtgründe. Und dann beginnt in Holland Ayaan Hirsi Alis zweites Leben, das sie ihre "Freiheit" nennt. Rasch lernt sie die Sprache des Landes, und während sie sich auf die Hochschulreife vorbereitet, stellt sie sich Fragen, die sie von da an nicht mehr loslassen werden.

"Dieses Land war ja das Land der Ungläubigen, deren Lebensweise wir Muslime ablehnen sollten. Warum funktionierte in diesem Land dann alles so viel besser, warum war es besser regiert, und garantierte seinen Bürgern ein besseres Leben als die Länder, aus denen wir kamen? Sollten nicht die Länder, in denen Allah verehrt wurde, in Frieden und Wohlstand leben, während die Länder der Ungläubigen unwissend, arm und ständig in Kriege verstrickt sein sollten? Wenn ich Politikwissenschaften studieren würde, dann, dachte ich, würde ich das verstehen."

Sechs Jahre später hat sie ihr Diplom in der Tasche, eine Anstellung bei einer politischen Stiftung. - Und wagt es sich endlich einzugestehen, dass sie sich vom Islam gelöst hat.
Ayaan Hirsi Alis Autobiografie ist nicht nur ein islamkritisches Manifest. Es ist vor allem das bewegende Dokument des Befreiungskampfes einer intelligenten und energischen Frau. Aber es ist auch die Geschichte eines ganz persönlichen Scheiterns.

Hirsi Ali: "Ich wollte ich selbst sein, und das innerhalb der Familie. Ich wollte Familienmitglied sein, und Clanmitglied sein. Ich wollte, dass die Familie und die Gruppe meine Rechte anerkennen - und ich trotzdem immer noch dazu gehöre. Das habe ich nicht erreicht."

Ayaan Hirsi Ali öffnet Einblicke in die islamische Welt, die atemberaubend spannend sind. Die Autorin blickt unsentimental auf das Geschehen, aber nicht kühl. Sie erzählt, was sie erlebt, und versucht es sich selbst und dem Leser zu erklären. Am Ende des Buches schreibt Ayaan Hirsi Ali:

"Meine Beschneidung hat sich durchaus nicht auf meine Verstandeskräfte ausgewirkt. Und ich würde es vorziehen, wenn meine Argumentation auf Grund ihrer Schlüssigkeit beurteilt würde und nicht auf Grund meiner Eigenschaft als Opfer."

Das ist Ali Hirsi Ali gelungen. Ihr Buch ist ein Plädoyer für die Vernunft und das Denken auf eigene Faust - eine Verteidigungsrede abendländischer Ideale.

Ayaan Hirsi Ali: Mein Leben, meine Freiheit
Aus dem Englischen von Anne Emmert und Heike Schlatterer
Piper Verlag, München 2006

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