Frauenfußball im ernüchternden Liga-Alltag

Die Spielerinnen der DFB-Elf bejubeln den Einzug ins Viertelfinale bei der WM 2011. © dpa
Katja Kraus im Gespräch mit Ulrike Timm · 10.07.2013
Die Begeisterung nach der Frauenfußball-WM 2011 sei nicht auf die Bundesliga übergesprungen, meint Ex-Nationaltorhüterin Katja Kraus zum Start der EM in Schweden. Vom Vergleich mit dem Männerfussball hält sie jedoch nichts.
Ulrike Timm: Heute beginnt die Fußball-EM in Schweden, und wenn Sie von diesem Ereignis womöglich bislang wenig mitgekriegt haben, dann könnte das daran liegen, dass es sich um die EM der Frauen handelt. Die deutschen Kickerinnen gehören zwar zu den Favoritinnen – sie haben in einem Testspiel Weltmeister Japan vier zu zwei geschlagen, aber der große Hype, der dem Frauenfußball nach der WM 2011 in Deutschland vorausgesagt worden war, der ist irgendwie verpufft. Warum? Chance verschossen? Das besprechen wir mit Katja Kraus, frühere Nationaltorfrau, jahrelang die erste und einzige Frau im Vorstand eines Bundesligavereins, als Marketing- und Kommunikationschefin beim HSV. Und zudem Autorin eines vielbeachteten Buches: "Vom Umgang mit Macht und Scheitern". Sie sollte uns helfen können. Schönen guten Morgen, Frau Kraus!

Katja Kraus: Guten Morgen, hallo!

Timm: Frau Kraus, "es kann nichts Schöneres geben, als wenn ihr euch in Schweden selbst belohnt – genießt es!" So schickte DFB-Präsident Niersbach die deutschen Kickerinnen nach Schweden. Man kann sich schwer vorstellen, dass er solche Sätze Jogi Löws Combo hinterhergepfiffen hätte. Was ist da passiert?

Kraus: Was passiert ist, warum Wolfgang Niersbach das gesagt hat? Ich finde es eigentlich doch eine ganz schöne Maßgabe für eine Mannschaft, vor allem ihnen den Genuss einer solchen Veranstaltung auch deutlich zu machen. Also vielleicht hat das bei der WM 2011 auch ein bisschen gefehlt, das Bewusstsein, dass es sich dabei um ein ganz herausragendes Ereignis in einer Sportler-Karriere handelt und dass auch dabei vor allem der Genuss im Vordergrund steht.

Timm: "Genießt es", das ist ein schönes Wort, aber kein Kompliment eigentlich für Leistung. Es soll ja da um was gehen, und man kann sich schwer vorstellen, dass man den deutschen Männern einfach hinterherruft: "Genießt es!"

Kraus: Na ja, also das ist ja nicht darauf zu reduzieren, dass man sich lustig macht und eine Menge Sightseeing in Schweden dann auf dem Programm hat, sondern Genuss heißt natürlich für einen Sportler auch immer, sportlich erfolgreich zu sein. Aber es ist schon auch eine Form von Bewusstmachung dessen, dass gerade ein ganz großes Projekt ansteht, ein gemeinsames Projekt. Und deshalb finde ich diesen Faktor Genuss und Spaß, den sollte man bei alldem, worum es dann im Sport geht, auch einfach nicht unterschätzen, weil das oft eben auch ganz wichtige Antriebsfedern für entsprechende Leistungen sind, und dann auch für Erfolg.

"Das Leistungsgefälle ist immer noch zu groß"
Timm: Aber die Aufmerksamkeit ist seit 2011 doch wieder ziemlich verpufft. Warum? War 2011 die Ausnahme und jetzt ist wieder Alltag?

Kraus: Ja, 2011 war einfach ein herausragendes Ereignis, das wussten alle, gar keine Frage. Es war ja auch ein großartig organisiertes Turnier. Es gab eine Riesen-Aufmerksamkeit für das Thema Frauenfußball. Aber wer natürlich davon erwartet hat, dass der Frauenfußball dadurch in neue Sphären geführt wird, der muss ernüchtert sein, wenn er jetzt auf den Ligaalltag insbesondere schaut.

Timm: Aber warum muss der ernüchtert sein? Die Woge hätte doch tragen können. Hat sie nicht – warum?

Kraus: Na ja, das bestimmt immer noch der Wettbewerb. Und Frauen – es gibt einfach tatsächlich ein Gefälle zwischen der Spitze im Frauenfußball, auch wenn die immer breiter wird durch zunehmende Professionalisierung. Aber trotzdem ist es so, dass die Welle eben noch nicht von der Nationalmannschaft in den Bundesligaalltag schwappt, weil das Leistungsgefälle dort immer noch zu groß ist und weil es einfach tatsächlich so ist, dass im Ligadurchschnitt 800 Zuschauer zu einem Spiel kommen und eben nicht Millionen interessiert sind wie bei einem Frauenfußballländerspiel.

Timm: Und wie sieht es aus mit der medialen Unterstützung, Fernsehübertragungen? Wir haben ja zweimal das Triple in diesem Jahr, vom VfL Wolfsburg und von Bayern München. Die meisten wissen es nur von Bayern München.

Kraus: Ja, damit sollten wir aufhören, das zu vergleichen. Also, das Männer-Champions-League-Endspiel war schon wirklich eine andere Dimension natürlich, insgesamt im Sport. Also da kommt auch ansonsten gar nichts ran, auch keine Formel Eins und kein Tennis und nichts. Das ist einfach außerhalb jeder Vergleichbarkeit, und diesen Maßstab sollte man nicht ansetzen. Trotzdem finde ich es enttäuschend tatsächlich, wenn eine Mannschaft wie der VfL Wolfsburg in diesem Jahr das Triple gewinnt und das Endspiel um die Champions League dann in "Eurosport" verschwindet, während im öffentlich-rechtlichen Fernsehen parallel dazu ein Relegationsspiel Kaiserslautern gegen Hoffenheim gezeigt wird, das - bei aller Wertschätzung - dann eben doch auch nur regionales Interesse hat. Also da würde ich sagen, in diesem Fall hätte es eine bessere Unterstützung für den Frauenfußball geben können.

Timm: Also die Presse für den Frauenfußball stimmt offenbar noch nicht. Aber ich höre bei Ihnen auch raus, dass die Leistung auch so ganz noch nicht stimmt?

Kraus: Doch, die Leistung der Frauenfußballnationalmannschaft ist natürlich unstrittig, aber wie gesagt, es gibt einfach ein Gefälle. Und, wissen Sie, man sagt immer, man darf es nicht mit dem Männerfußball vergleichen, aber auf der anderen Seite leitet sich der Anspruch so oft am Vergleich ab. Und man sollte einfach durchaus auch sehen, dass es ein erhebliches Interesse gibt, das hat die WM gezeigt. Das wird auch jetzt die EM zeigen, das werden die Quoten zeigen. Das ist durchaus beachtet, und das ist auch okay so, glaube ich, und in der Liga entwickelt sich das nach und nach weiter.

Aber da ist das einfach so wie in allen anderen Sportarten auch. Wenn Sie schauen, es gibt ein Interesse an den Peaks, das Wimbledon-Endspiel gerade der Frauen. Wenn eine deutsche Spielerin das erreicht, dann gibt es ein erhebliches Interesse, aber auch das ist ja nicht in den Alltag zu retten. Und da befindet sich der Frauenfußball im Wettbewerb mit sehr vielen anderen Sportarten, übrigens viele andere Teamsportarten insbesondere, die sehr viel weniger Aufmerksamkeit noch genießen. Aber die einzige Sportart, die in Deutschland wirklich im Alltag trägt, das ist nun mal Männerfußball. Und dass der im Alltag auch eine so erhebliche mediale Aufmerksamkeit bekommt. Und alles andere ist ein Wettbewerb, und dann muss man dafür sorgen, durch guten Sport möglichst viele Menschen darauf aufmerksam zu machen. Und das entscheidet dann der Markt.

"Fußball ist das Thema schlechthin"
Timm: Kann denn der Frauenfußball sozusagen ein bisschen im Windschatten des Männerfußballs mit segeln?

Kraus: Na ja, erst mal hat Frauenfußball dann natürlich auch im Vergleich zu anderen Mannschaftssportarten wie Basketball, Volleyball, Handball, wo man tatsächlich Frauensport fast gar nicht wahrnimmt, insbesondere keine mediale Wahrnehmung hat, hat es natürlich den Vorteil, dass wir hier über Fußball reden. Und Fußball ist nun mal das Thema schlechthin, und da gibt es auch ein erhebliches Interesse. Aber wir müssen auch wissen, diese Sportart ist noch deutlich jünger als der Männerfußball, sie ist in der Entwicklung und sie hat sich rasant entwickelt in den letzten Jahren, und ich glaube, damit können wir auch durchaus zufrieden sein.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton im Gespräch mit der früheren Nationalspielerin, Managerin und Buchautorin Katja Kraus über Frauenfußball. Heute beginnt die EM in Schweden. Nun sagt man über diesen doch großen Aufmerksamkeitsverlust auch bei internationalen Wettkämpfen seit 2011, sagt zum Beispiel der Trainer von Turbine Potsdam, "das Ganze ist in einem Maße geschrumpft, dass es schwer ist, es wieder nach vorne zu bringen". So ließ sich ein Fußballtrainer zitieren über den Stellenwert des Frauenfußballs. Was sagen Sie dem verzagten Mann?

Kraus: Es ist immer eine Frage, wovon man ausgeht. Also Herr Schröder ist, glaube ich, über 30 Jahre im Geschäft und sicherlich kann er da auch eine erhebliche Entwicklung innerhalb dieser Zeit vollziehen. Wenn man allerdings natürlich davon ausgeht, was 2011 in diesem Land passierte mit all den Parametern, die dem zugrunde lagen, dann war es klar, dass wir danach eine Schrumpfung feststellen müssen. Aber das kann nun mal einfach nicht die Maßgabe sein. Das war ein herausragendes Ereignis für das Land, für die Sportlerinnen, und ich glaube, da sind wir wieder beim Eingangspunkt, da ging es einfach darum, dieses Ereignis auch als solches zu genießen. Und das wird ja nicht kleiner dadurch, dass die Aufmerksamkeit sich nicht auf diese Weise etabliert hat. Aber wenn man auf die Entwicklung der letzten Jahre guckt, dann müssen wir sagen, hat der Frauenfußball schon einige Schritte voran gemacht.

Timm: Frau Kraus, Sie haben ein Buch geschrieben über Macht und Scheitern. Das basierte auf Gesprächen mit Managern und Politikern. Kann man trotzdem so eine Art innere Schnur ziehen vom Fußballsport, den Sie ja selbst betrieben haben, und diesem Thema, Macht und Scheitern, oder wäre das eine Überinterpretation?

Kraus: Na, in jedem Fall hat mich meine sportliche Karriere darauf vorbereitet, mit Niederlagen und Erfolgen umzugehen. Also ich bin als Sportlerin auf den Platz gegangen, und zu 50 Prozent war auch das Scheitern, das heißt, die Niederlage fakturiert. Also es sind immer erst mal Null-Null, und das habe ich durchaus auch auf eine Weise dann mitgenommen in meine spätere Laufbahn, und das hat mir sicherlich an der einen oder anderen Stelle geholfen.

Timm: Sie selbst waren nicht nur Torwartin, Sie waren, wenn ich es richtig weiß, auch Kapitänin der Mannschaft. Ist das eine machtvolle Position im Team, wo man dann auch besonders scheitern kann?

Kraus: Nein. Torhüterin zu sein, ist in jedem Fall eine sehr exponierte Position, also eine, die innerhalb einer Mannschaft dann doch noch mal eine andere Aufgabe hat und auch besondere Verantwortung trägt auf eine Weise. Das ist sehr speziell, und ich habe mich auch in dieser Rolle besonders wohlgefühlt, aber machtvoll habe ich mich da eigentlich weniger gefühlt, häufiger auch mal machtlos.

Timm: Wenn man hinter sich greifen muss …

Kraus: Genau.

Timm: Sie sind seit Neuestem bei einer der größten Werbeagenturen in Deutschland, bei Jung von Matt. Wenn man Ihnen antrüge, die Fußballfrauen wieder in den Blick zu rücken, so eine richtige Imagekampagne – würden Sie das machen?

Kraus: Also ich glaube durchaus, dass wir bei Jung von Matt Sport dafür Ideen hätten, bin aber auch überzeugt, dass es da auch jetzt schon beim DFB gute Leute gibt, die sich damit beschäftigen.

Timm: Sehr diplomatisch. Frau Kraus, ich danke Ihnen! Katja Kraus war das, frühere Fußballnationaltorhüterin, Managerin und Buchautorin. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Kraus: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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