Frauenfußball in Europa

    Gefördert oder ausgebremst?

    06:19 Minuten
    Deutschland - Schweiz im Steigerwaldstadion in Erfurt: Deutschlands Kathrin Hendrich (rechts) und die Schweizerin Ramona Bachmann kämpfen um den Ball.
    Deutschlands Kathrin Hendrich (rechts) und die Schweizerin Ramona Bachmann beim Länderspiel im Juni. Beide Nationalteams sind auch bei der EM dabei. © dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt
    Von Ronny Blaschke · 03.07.2022
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    Beginnt bei der Fußball-EM der Frauen ein neues Sommermärchen? Fußball-Fans hoffen es. Die Erfolgsprämie der deutschen Spielerinnen ist allerdings deutlich geringer als bei den Männern. Andere Länder sind da schon weiter – nicht nur bei den Prämien.
    2011 fand in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen statt - mit hohen Einschaltquoten und beachtlichen Sponsoreneinnahmen. Nach Jahren des Aufbruchs schien der deutsche Frauenfußball seine Nische zu verlassen.
    Doch nach der WM: Stagnation. Nur selten kamen seitdem mehr als 1000 Zuschauende zu den Spielen der Frauen-Bundesliga. Der DFB blieb in der Vermarktung zurückhaltend, sagt die Berliner Sportjournalistin Alina Schwermer:
    „Das grundsätzliche Problem: Jeder Mensch hat irgendwie seinen Männerverein. Und um halt regelmäßig zu einem Frauenverein zu gehen, brauche ich eine Bindung und eine durchgehende Erzählung. Frauenfußball ist etwas, das nicht von selber kommt, sondern wo du wahnsinnig viel reinstecken musst, damit es funktioniert. Das ist in Deutschland nicht passiert – auf ganz verschiedenen Ebenen.“  

    England und Spanien gehen andere Wege

    Doch es geht auch anders. In England nimmt die „Women’s Super League“ mit ihrer TV-Vermarktung jährlich 17 Millionen Euro ein. In Spanien werben große Klubs regelmäßig für ihre Frauenteams. Ein Highlight Anfang April: In der Champions League der Frauen verfolgten fast 92.000 Menschen ein Heimspiel des FC Barcelona.
    Eine Szene aus dem Spiel FC Barcelona gegen Real Madrid in der Frauen Champions League
    Fast 92.000 Zuschauer besuchten das Spiel FC Barcelona gegen Real Madrid in der Champions League der Frauen.© dpa / picture alliance / Juan Valls
    In der Frauen-Bundesliga haben in den vergangenen zehn Jahren der VfL Wolfsburg und der FC Bayern die Meisterschaft unter sich ausgemacht. Andere Traditionsklubs wie Borussia Dortmund, Schalke 04 oder der VfB Stuttgart haben erst seit Kurzem eine Abteilung für Mädchen und Frauen.
    Der siebenmalige Meister der Frauen-Bundesliga, der 1. FFC Frankfurt, hat sich Eintracht Frankfurt angeschlossen. In der Hoffnung, von Sportstätten und Sponsoren profitieren zu können.

    Die Reporterin Alina Schwermer formuliert in ihrem neuen Buch „Futopia“ Ideen für einen fortschrittlichen Fußball, in dem Männer und Frauen die gleiche Aufmerksamkeit erhalten.

    Ich glaube, von oben her müsste der DFB viel stärker die Vereine in die Pflicht nehmen. Und ich glaube, das kann man dann auch über strukturelle Vorschriften machen, indem man dann sowas wie Nachwuchsleistungszentren einfach einfordert. Und warum sagt man nicht zum Beispiel: Wenn man einen Männerverein in der Bundesliga haben will, dann bin ich verpflichtet, eine Frauenabteilung zu haben. Das kann man ja über Lizenzen regeln.

    Alina Schwermer, Journalistin

    Kaum Trainerinnen in der Bundesliga

    Doch das würde wohl nicht ausreichen. Dem Antidiskriminierungsnetzwerk FARE zufolge werden weniger als vier Prozent der Führungspositionen im europäischen Fußball von Frauen besetzt.
    Auch für Sponsoren, Sportartikelhersteller oder Fußballmedien arbeiten überwiegend Männer in leitenden Positionen. Mit langfristigen Konsequenzen, sagt die Kölner Medienforscherin Daniela Schaaf:

    „Zum Beispiel in der gesamten Sportberichterstattung in Deutschland – TV, Print, Radio – kommen nur in 15 Prozent aller Berichte Sportlerinnen vor. Und wenn sie abgebildet werden in Fotos, dann viel, viel seltener in Siegerpose oder im Rahmen der sportlichen Aktion. Sondern sie werden tatsächlich eher als ‚Frauen‘ positioniert.“

    Mangel an Sichtbarkeit

    Führt dieser Mangel an Sichtbarkeit dazu, dass sich Frauen weniger engagieren? Regionale Verbände finden kaum Trainerinnen oder Schiedsrichterinnen. Auch ehemalige Nationalspielerinnen sind selten dazu bereit, ihren Jahresurlaub für Trainerinnenfortbildungen aufzubringen. Selbst in der Frauen-Bundesliga werden die Teams von Männern trainiert.
    Mit wenigen Ausnahmen: Die ehemalige Bundesligaspielerin Carmen Roth übernahm als Trainerin 2017 das Frauenteam von Werder Bremen. Zwei Jahre später beendete sie auf eigenen Wunsch die Trainerinnentätigkeit und nahm ihren unbefristeten Job bei einer Versicherung wieder auf.
    Sie sagt: „Als Trainerin ist es ja immer befristet. Es war mir dann auch zu risikoreich, gerade im Frauenfußball, wo man jetzt zwar ganz gut verdient, aber jetzt nicht so, dass man sagen kann: Ok, da bin ich abgesichert für die restliche Zeit. Deswegen bin ich eher ein Sicherheitsmensch. Und ich wollte dann eben kein Risiko eingehen. Ich hatte dann auch keine Lust, mit 50 dazustehen und keinen Job zu haben. Weil es gibt halt nicht viele Jobs für Frauen im Fußball.“

    DFB sträubt sich gegen Quote

    Zuletzt zählte der DFB nur knapp 190.000 aktive Fußballerinnen in Deutschland. Der Verband hat Förderprojekte und Führungskräfte-Seminare für Frauen angestoßen, doch er sträubt sich gegen eine verbindliche Frauenquote für seine Gremien.
    Anders als der Fußballverband in Norwegen, der bereits in den 90er-Jahren eine Quote eingeführt hatte. Dort sollen mindestens zwei Frauen dem Präsidium angehören, damit sich eine allein nicht als Alibifrau fühlt. Längst ist das Präsidium zur Hälfte mit Frauen besetzt, sagt die norwegische Funktionärin Karen Espelund:

    Wir brauchen dieses System, um traditionelle Strukturen zu brechen. Ob bei der Rekrutierung von Mitarbeitern, bei Ausschreibungen oder Wahlperioden: Häufig suchen wir nach Personen, die uns ähnlich sind. Eine Quote kann helfen, das zeigen Forschungen: Diversität führt zu den besten Ergebnissen in jeder Organisation.

    Karen Espelund, norwegische Funktionärin

    Jenseits der DFB-Strukturen geht es in Deutschland schneller voran. Ein Netzwerk um die frühere Hamburger Fußballfunktionärin Katja Kraus verlangt den Verbänden Reformen ab. Die Wanderausstellung „Fan.Tastic Females“ stellt unter anderem weibliche Ultras vor.
    Und das Bündnis „F_in“, Frauen im Fußball, informiert über sexualisierte Gewalt in den Fankurven. Diese Initiativen möchten dafür sorgen, dass sich der DFB weiter öffnet. Auch wenn die Schritte ziemlich klein sind.

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