Frauenfeindlichkeit im Wahlkampf

    Annalena Baerbock hat es schwerer

    04:22 Minuten
    Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, steht bei einem Wahlkampftermin der Grünen zur Bundestagswahl auf dem Podium.
    Sachliche Kritik sei wichtig, aber Annalena Baerbock müsse auch mit Verunglimpfungen, Fake News und Hasstiraden umgehen, sagt Tanja Dückers. © dpa / Fabian Strauch
    Ein Kommentar von Tanja Dückers · 23.08.2021
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    Im Rennen um die Kanzlerschaft werde es Annalena Baerbock schwerer gemacht als den Männern, sagt die Schriftstellerin Tanja Dückers. Die Spitzenkandidatin der Grünen treffe auf Hass und Häme.
    Auf Fehltritte bei Kanzlerkandidaten und -kandidatinnen erhöhtes Augenmerk zu legen, ist ein beliebter Volkssport geworden. Dieser Befund trifft umso mehr zu, wenn es sich um eine Frau in Spitzenposition handelt. Seitdem die Grünen Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin gekürt haben, hat ein bislang beispielloser Umgang mit ihrer Person begonnen, der eher an Schmutzkampagnen amerikanischer Wahlkampfmanöver erinnert.

    Sachliche Kritik an der Aufhübschung von Annalena Baerbocks Lebenslaufs oder an fehlenden Quellenangaben in ihrem Buch ist hiermit nicht gemeint. Solche Beanstandungen sind wichtig.

    Es geht um die Verunglimpfungen, die Fake News, die Hasstiraden, die gefälschten Nacktfotos. Da ist ein Bild von Baerbock mit dem angeblichen Zitat "Ich war jung und brauchte das Geld" im Umlauf. Ein Fake: Es ist nicht Baerbock, sondern ein osteuropäisches Erotikmodel mit ähnlichen Gesichtszügen.

    Gewalt- und Morddrohungen gegen Baerbock

    Allein bei Telegram wurde die Aufnahme mehr als 150.000 Mal angesehen. In vielen Hassnachrichten an Baerbock geht es um Gewalt- und Morddrohungen oder Vergewaltigungsfantasien. Felix Kartte, Experte der Initiative, "Reset", die sich für digitale Demokratie einsetzt, kritisiert: "Facebook verdient Millionen mit Wahlwerbung, die Parteien auf seinen Diensten schalten, lässt zugleich aber abscheuliche Hetze und selbst Mordaufrufe gegen Politikerinnen zu (…). Ein fairer Wahlkampf ist unmöglich, wenn einzelne Parteien und insbesondere Frauen digitalem Hass so viel stärker ausgesetzt sind."*
    Hasskommentare gegen Annalena Baerbock sind rund sechs Mal häufiger im Netz anzutreffen als gegen Armin Laschet und mehr als acht Mal häufiger als gegen Olaf Scholz, konstatierte der Spiegel.

    Auch seriöse Zeitungen machen mit

    Doch Frauenfeindlichkeit ist nicht nur ein Phänomen in den digitalen Weiten des Netzes: Auch seriöse Zeitungen untertitelten Fotos von Baerbock mit Zeilen, die suggerierten, dass ein freches Schulmädchen, eine Art brünette Pippi Langstrumpf, sich aufschwingen würde, mal eben Kanzlerin werden zu wollen. Zudem wurde beanstandet, dass sie minderjährige Kinder im Hause hätte und somit ihrer Mutterrolle als Kanzlerin nicht genügen könne.
    Annalena Baerbock muss offenbar strengeren Maßstäben genügen als ihre Mitbewerber. So wurden auch die Schludrigkeiten in ihrem Buch mehr beachtet als die opportunistische Haltung von CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet zum Thüringer Direktkandidaten Maaßen oder die Gedächtnislücken von Olaf Scholz bei der Aufarbeitung des Cum-Ex-Betrugskandals.
    Selbst Ex-SPD Vorsitzender Sigmar Gabriel hält den Medien auf Twitter vor, sie hätten beim Thema Annalena Baerbock "Schaum vor dem Mund" und wollten "endlich mal wieder eine Frau scheitern sehen, die sich wagt, was zu wollen".

    Der Hass kommt mehrheitlich von Männern

    Die Hilfsorganisation "HateAid" berichtet, dass es mehrheitlich Männer sind, die Falschmeldungen über Frauen in die Welt setzen. Der Großteil von ihnen könne politisch dem rechten bis rechtsextremen Spektrum zugeordnet werden. Dass so besonders Frauen zur Zielscheibe werden, die sich öffentlich mit Themen wie Migration, Klimaschutz oder Feminismus auseinandersetzen, ist nicht verwunderlich.
    Der massiv abwertende, verächtliche Umgang mit Politikerinnen beschränkt sich natürlich nicht auf Annalena Baerbock. So kursierten auch sexistische Beleidigungen gegen Franziska Giffey (SPD), nachdem ihr Doktortitel abgelehnt wurde, und Angela Merkel (CDU) musste in ihren 16 Jahren Regierungszeit viel unterhalb der Gürtellinie einstecken, von "Kohls Mädchen" über "das Merkel" bis hin zu ständigen Verrissen ihrer Outfits und ihrer Figur.
    Obwohl nun schon viele Jahre gebetsmühlenartig über die Hatespeech, insbesondere gegen Frauen, im Netz referiert wurde und es zahllose Projekte dagegen gibt, muss man leider konstatieren: Gebracht hat es bislang offenbar wenig.

    Tanja Dückers, geboren 1968 in Berlin (West), Studium der Germanistik, Nordamerikanistik und Kunstgeschichte, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie hat 18 Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Erzählungen, Gedicht- und Essaybände. Sie lehrt regelmäßig als Gastprofessorin in den USA im Fachbereich German Studies / Germanistik. Als Journalistin äußert sie sich zu soziopolitischen und ökologischen Fragestellungen.

    © Anton Landgraf
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