Frauen in Afghanistan

Frauen vor einem Wahllokal in Kabul. © AP
Von Zafer Senocak · 20.04.2010
Wer spricht noch von den Frauen in Afghanistan? Eine Konferenz folgt der anderen, um eine Lösung für die verfahrene Situation in dem kriegsgeschundenen Land zu finden.
Doch es geht längst nicht mehr um eine Verbesserung der Lage der Menschen, allen voran der Frauen, es geht nur noch um eine Strategie für den Westen, mit möglichst wenig Gesichtsverlust aus dem Land wieder hinauszugehen. Zu dieser Strategie zählt auch die Einbeziehung der Taliban in eine Friedenslösung. Ermöglicht werden soll dies durch die erneute Beteiligung der Gotteskämpfer an der Macht. Für diesen Zweck hat man den unsinnigen Begriff "gemäßigte Taliban" erfunden. Unsinnig deshalb, weil die Taliban weder eine politische Partei sind, noch eine philosophische Richtung repräsentieren. Es handelt sich bei ihnen um einen Haufen Männer, in der Mehrheit vormalige Koranschüler, die bestimmte Aspekte der islamischen Tradition zu einer menschen- und frauenfeindlichen Ideologie gebündelt haben. Diese vertreten sie auch rigoros und ohne jeden Kompromiss nach außen.

Hätte man im Zweiten Weltkrieg mit gemäßigten Nazis einen Frieden schließen können oder sollen? Menschen- und kulturfeindliche Ideologien dieser Art erlauben keine Mäßigung. Das Talibanproblem aber deutet auf eine viel größere Problematik in der islamischen Welt hin.

Ratlos und unbeholfen stehen die politischen Repräsentanten der muslimischen Kulturen vor der Radikalisierung ihres Glaubens. Die barbarischen Akte, die gegen Frauen in der islamischen Welt immer wieder verübt werden, stehen nicht auf ihrer Tagesordnung. Sie werden einfach hingenommen. Eine Lösung für Afghanistan ist nicht in Sicht, solange daran sich nichts ändert. Die regierenden Herren, die sich an Konferenztischen treffen, zerbrechen sich den Kopf über Soldateneinsätze und Kampftruppen. Kann aber Ignoranz mit Gewalt bekämpft werden? Wie geht man in einem Land vor, in dem die Schulbildung Ausnahme ist und Mädchen nur in militärisch abgesicherten Räumen unterrichtet werden können?

An der Frauenfrage entscheidet sich die Zukunft der islamischen Welt. Der Aufklärungs- und Zivilisationsprozess, der Anfang des 20. Jahrhunderts sich über der muslimischen Geografie entfaltete, ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Woher aber kommt die Gewalt gegen Frauen? Die in der Tradition tief verwurzelten Moralvorstellungen geben hierüber nicht ausreichend Auskunft. Vielmehr hat sich die Frauenfrage in der islamischen Welt zu einer Identitätsfrage für die Männer entwickelt. Eine Gesellschaft, in der die Liebe zwischen Mann und Frau ausgelöscht ist und die Geschlechterbeziehungen nur noch als Instrumentarium männlicher Herrschaft über das weibliche Geschlecht definiert werden, ist im permanenten Kriegszustand gegen sich selbst.

Dass der aufgeklärte Teil der islamischen Welt über die Zustände in Afghanistan so lange geschwiegen hat, und bis heute schweigt, ist der Kern des Problems. Es herrscht nach wie vor kein Bewusstsein für die konfliktstreuenden Zusammenhänge zwischen den tradierten Verhaltensmustern und den Herausforderungen der Moderne. Stattdessen findet ein Verdrängungsprozess statt, der die Ursachen verschleiert. Eine Afghanistankonferenz müsste sich in erster Linie diesen Problemen zuwenden. Und diese haben wenig mit der Militärpräsenz im Land zu tun. Vor allem die Türkei, das einzige wirklich im Westen verankerte muslimische Land, welches in Afghanistan auch militärisch präsent ist, trägt dabei eine große Verantwortung.

Dass die Türkei von muslimisch orientierten Politikern regiert wird, ist eigentlich eine große Chance. Denn sie genießen inzwischen eine gewisse Autorität in der islamischen Welt. Allerdings haben sie bislang nicht die offene und klare Sprache gefunden, um die Missstände, die ihre Ursachen in der tradierten islamischen Kultur haben, zu benennen. So wird der Patient nach wie vor ohne eine fundierte Diagnose operiert und streut seine bösartigen Knoten weit über den eigenen Körper hinaus.


Zafer Senocak, Schriftsteller, 1961 in Ankara geboren, seit 1970 in Deutschland, wuchs in Istanbul und München auf. Er studierte Germanistik, Politik und Philosophie in München. Seit 1979 veröffentlicht er Gedichte, Essays und Prosa in deutscher Sprache. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin, schreibt regelmäßig für "die tageszeitung" sowie für andere Zeitungen (u.a. "Berliner Zeitung", "Die Welt"). Arbeiten von Zafer Senocak wurden bislang ins Türkische, Griechische, Französische, Englische (u. Amerikanische), Hebräische und Niederländische übersetzt. Er erhielt mehrere Stipendien und 1998 den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis. Die mehrsprachige Zeitschrift "Sirene" wurde bis 2000 von ihm mitherausgegeben. Veröffentlichungen u.a.: "Gefährliche Verwandtschaft. Roman." München (Babel) 1998. "Der Erotomane. Ein Findelbuch." München (Babel) 1999. "Atlas des tropischen Deutschland". Essays. Berlin (Babel) 1992, 1993. "War Hitler Araber? Irreführungen an den Rand Europas". Essays. Berlin (Babel) 1994. "Zungenentfernung. Bericht aus der Quarantänestation." München (Babel) 2001. "Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch", Berlin (Babel) 2006.
Zafer Senocak, türkischer Schriftsteller
Zafer Senocak, türkischer Schriftsteller© J&D Dagyeli Verlag