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Weltzeit | Beitrag vom 17.03.2020

Frauen im JemenkriegGeheime Gefängnisse und neue Rollen

Moderation: Andre Zantow

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Eine Frau im Jemen malt zum Internationalen Frauentag ein Graffiti dreier Frauenfiguren an eine Wand. (Getty Images / Mohammed Hamoud)
Weil viele Männer im Krieg im Jemen getötet werden, stoßen dort immer mehr Frauen in neue Verantwortungsbereiche vor. (Getty Images / Mohammed Hamoud)

Im Jemen beginnt das sechste Kriegsjahr ohne Aussicht auf ein Ende. Im Konflikt sind die von Saudi-Arabien geführte Allianz und die Huthi-Rebellen. Während viele Männer kämpfen, kümmern sich Frauen um die Familie - oder decken geheime Gefängnisse auf.

Ende März 2015 begann die militärische Eskalation im Jemen, die bis heute andauert. Eine vom Nachbarland Saudi-Arabien geführte Allianz - mit Unterstützung von den USA, Frankreich und dem Vereinigten Königreich - begann vor allem mit Luftangriffen die vorrückenden Huthi-Rebellen zurück zu drängen. Die Aufständischen hatten mit Unterstützung des Irans die international anerkannte Regierung von Jemens Präsident Hadi aus dem Land getrieben.

Suha Basharen arbeitet als Gender-Expertin für die Hilfsorganisation Care im Jemen, um vor allem Frauen und Kindern zu helfen. (Andre Zantow)Suha Basharen von Care. (Andre Zantow)Im Podcast der Weltzeit spricht die jemenitische Gender-Expertin Suha Basharen von der Hilfsorganisation Care über die Stammesgesellschaft im Jemen. Frauen hätten wenige Entscheidungsbereiche und dürften sich kaum bewegen. Sie müssten jetzt aber die neue Rolle mit der Verantwortung annehmen, weil die Männer oft getötet werden, verletzt oder an der Front sind.

Seit fünf Jahren dauert nun der Krieg, der militärisch nicht zu gewinnen ist - für keine Seite. Hilfslieferungen kommen nur schwer ins Land, internationale Journalistinnen und Journalisten ebenso, weil Saudi-Arabien den Jemen abriegelt. Die Folge ist die größte humanitäre Krise unserer Zeit ohne größere Berichterstattung. Wir haben neben Suha Basharen auch Huda Al-Sarari gesprochen, die uns aus dem Land berichten.

Geheimgefängnisse im Jemen

Deutschlandfunk Kultur: Huda Al-Sarari - Sie sind in Jemen geboren und aufgewachsen, haben Jura- und Sharia-Wissenschaft studiert und arbeiten seit 2011 als Anwältin. 2017 waren Sie entscheidend daran beteiligt, rund um die jemenitische Hafenstadt Aden ein Netzwerk geheimer Gefängnisse aufzudecken. Dafür haben Sie jetzt den Martin Ennals Award erhalten, einen der renomiertesten Menschenrechtspreise. Wie ist Ihnen das gelungen?

Sarari: Wir als Menschenrechtsverteidiger sind in einer besonders schwierigen Situation, denn auf uns wird großer Druck ausgeübt und wir werden bedroht – das geht soweit, dass man uns und unserer Familie mit dem Tod droht. Mein Sohn zum Beispiel wurde von den Sicherheitskräften getötet, 2019, da war er 18. Er ist schwer verletzt ins Krankenhaus gekommen, aber aufgrund der schlechten Gesundheitsversorgung im Land ist er vier Wochen später an seinen Verletzungen gestorben. Das war schwer für mich.

Aber ich arbeite weiter, trotz aller Risiken – auch das gehört zu meinem Leben. Denn ich und meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter wollen so viele Menschenrechtsverletzungen aufdecken wie möglich. Weil die Menschen in Jemen sich auf uns verlassen, sie brauchen rechtlichen Beistand – deshalb versuchen wir alles, um ihnen zu helfen, auch wenn es nie genug ist.

Willkürliche Verhaftungen

Die Suche nach den geheimen Gefängnissen begann, als die Hafenstadt Aden von den Huthis, die die Stadt besetzt gehalten hatten, befreit wurde. Man dachte, jetzt ist der Krieg endlich zu Ende! Doch dann übernahmen die Vereinigten Arabischen Emirate die Verantwortung für die Sicherheit in der Provinz Aden. Und setzten dafür  bewaffnete Milizen ein, die nicht dem jemenitischen Staat unterstellt sind. Sie führen willkürliche Verhaftungen durch, bis heute, ohne gesetzliche Grundlagen. Die Verhafteten werden verschleppt, sie verschwinden einfach.

Huda Al-Sarari war 2017 als Menschenrechtsanwältin maßgeblich daran beteiligt, rund um die jemenitische Hafenstadt Aden ein Netzwerk geheimer Gefängnisse aufzudecken. Sie trägt ein rotes Kopftuch beim Interview in Berlin. (Margarete Wohlan)Menschenrechtsanwältin Huda Al-Sarari war maßgeblich daran beteiligt, rund um die jemenitische Hafenstadt Aden ein Netzwerk geheimer Gefängnisse aufzudecken. (Margarete Wohlan)

Ich habe sehr viele Anzeigen erhalten, von den Angehörigen, und wir fingen an zu suchen. Zuerst wussten wir nicht genau, ob das durch staatliche Stellen passiert oder durch Milizen, fanden dann aber heraus, durch Zugang zu den staatlichen Gefängnissen, dass die verschwundenen Menschen dort nicht waren. Und dann fanden wir dieses Netz von geheimen Gefängnissen, die von den Milizen der Vereinigten Arabischen Emirate betrieben werden. Sie gehören zur so genannten Sicherheitsgürtel-Truppe – das sind also Geheimgefängnisse der Regierungs-Allianz!

Was sollten wir aber damit tun? Bei uns gibt es kein Rechtssystem, es gibt keine Strafverfolgungsbehörden, und deshalb habe ich mich – in Abstimmung mit den Angehörigen der Opfer – an internationale Menschenrechtsorganisationen gewandt, die es veröffentlichten. Das machte mich zur Zielscheibe von Angriffen im ganzen Land – ich bin mir zum Beispiel sicher, dass der Tod meines Sohnes das Werk dieser Milizen gewesen ist. Aber es ist schwer, dazu Nachforschungen durchzuführen, auch die staatlichen Stellen machen da so gut wie nichts. Mir ist auch über Twitter mit dem Tod meines zweiten Sohnes gedroht worden. Ich bekam die Nachricht: 'Der Tod eines Sohnes reicht wohl nicht aus?!!' Insofern bin ich ziemlich sicher, dass die Milizen schuld sind.

Deutschlandfunk Kultur: Sie sind eine sehr mutige Frau. Und doch, wie gehen Sie damit persönlich um?

Sarari: Es war ja nicht das erste Mal, dass ich Angriffen ausgesetzt gewesen bin. Und gerade als Frau ist es für mich auch besonders schwierig, denn in der jemenitischen Gesellschaft ist die Frau für die Familie verantwortlich. Auch meine eigene Familie hat Druck auf mich ausgeübt, sie hat natürlich auch Angst, wird bedroht – und möchte schon, dass ich mit meiner Arbeit aufhöre. Aber ich bin nicht die einzige, die mit solchen Problemen zu kämpfen hat. Meine Kolleginnen sind beschossen worden, manche wurden auch ermordet. Alle möglichen Verbrechen werden an ihnen begangen, ohne dass staatliche Stellen sie beschützen.

Es gibt auch geheime Frauengefängnisse mit sexueller Gewalt

Deutschlandfunk Kultur: Ich komme auf die Rolle der Frau noch mal zurück – vorher würde ich aber gern nachfragen: In Jemen herrscht ja seit 2015 Jahr Krieg. Verschiedene Kriegsparteien sind involviert. Sie haben jetzt ganz offiziell und ganz deutlich die Vereinigten Arabischen Emirate benannt. Würden Sie sagen, alle Kriegsparteien sind in irgendwelche Menschenrechtsverletzungen eingebunden? Oder sehen Sie die Vereinigten Arabischen Emirate besonders im Fokus bei diesen Menschenrechtsverletzungen?

Sarari: Es gibt natürlich viele kriegsführende Parteien, und es ist leider so, dass alle von ihnen Menschenrechtsverstöße begehen. Im Norden des Landes, wo die Huthis die Kontrolle haben, gibt es auch geheime Gefängnisse. Ihr Führer Abdel Malik El Hussein hat vor kurzem sogar in einer Fernsehansprache allen Aktivisten, Menschenrechtsverteidigern und Journalisten offen gedroht, wenn sie nicht aufhören mit ihren Aktivitäten, müssen sie mit Konsequenzen rechnen.

Es gibt auch geheime Frauengefängnisse, wo Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Es gibt Fälle, wo sich Frauen deshalb umgebracht haben. Wir haben das sowohl im Norden als auch im Süden! Warum ich so dezidiert auf die Vereinigten Arabischen Emirate hinweise, ist, weil sie ja Teil dieser internationalen Allianz sind, die eigentlich zuständig ist für den Wiederaufbau des jemenitischen Staates. Aber das Gegenteil ist leider der Fall. Es gibt nach unseren Schätzungen etwa 17.000 Menschen, die willkürlich verhaftet und verschleppt worden sind. Es gibt überall im Land geheime Gefängnisse! Und das alles mit der Duldung der Allianz dieser ausländischen Staaten.

Deutschlandfunk Kultur: Wie kann ich mir denn die Situation der Frauen in Jemen vorstellen, in einem kriegszerstörten Land ohne Strukturen, ohne Rechtsstaatlichkeit? Die Frau ist eines der schwächsten Glieder in der jemenitischen Gesellschaft. Sie arbeiten viel mit Frauen und versuchen, sie zu vertreten, auch rechtlich. Wie würden sie die Situation der Frau in Jemen heute bewerten?

Sarari: Für die Frauen im Jemen ist es durch den Krieg noch schwieriger geworden. Zu ihrem normalen Alltag, wo sie für die Familie und deren Sicherheit zuständig sind, kommen jetzt noch andere Belastungen hinzu: zum Beispiel der Tod von Angehörigen, verletzte Angehörige, die sie pflegen. Auf dem Lande kommt hinzu, dass alle durch Minen bedroht sind. Dann ist da auch der fehlende Rechtsschutz, sie sind den Bedrohungen schutzlos ausgeliefert. Und dann werden im Norden die Männer einfach so an die Front geschickt, und es werden sogar Kinder rekrutiert.

Die Huthis haben auch Frauen-Milizen gebildet, wo sie Frauen zwingen, an Ausbildungskursen teilzunehmen, die zum Teil im Iran, zum Teil in Jemen stattfinden. Und diese Frauen-Milizen werden eingesetzt, um andere Frauen oder Mädchen zu verhaften. Dafür rekrutiert man insbesondere Studentinnen von den Universitäten. Die Frauen, die dann noch übrigbleiben, insbesondere auch deren Töchter, werden entführt, um Lösegeld von den Vätern oder Ehemännern zu erpressen. Man nutzt also auch hier noch die Situation der Frauen aus, um damit Geld zu machen.

Deutschland und USA sollten Druck auf VAE ausüben

Deutschlandfunk Kultur: Angesichts dieser katastrophalen Situation – was können Sie da tun, was sollte man tun?

Sarari: Ich möchte als erstes die Gelegenheit hier nutzen, nicht nur Ihren Zuhörern, sondern auch der deutschen Regierung zu sagen, wie sehr wir in Jemen auf die Unterstützung des Auslands angewiesen sind. Es geht, glaube ich, in der nahen Zukunft vor allem darum, die staatlichen Behörden in Jemen zu stärken. Was die humanitäre Hilfe betrifft, die Unterstützung bei der Verteidigung von Menschenrechten – da bekommen wir viel und dafür sind wir dankbar.

Aber nun ist die Zeit gekommen, dass man sich darauf konzentriert, den jemenitischen Staat wieder aufzubauen und zwar als Rechtsstaat aufzubauen, so dass sich Jemen wieder entwickeln kann. Und ich denke, da kann insbesondere Deutschland, das ja schon so lange gute Beziehungen zum Jemen unterhält, eine wichtige Rolle spielen. Es wäre auch gut, wenn die europäischen Medien mehr über die Menschenrechtsverletzungen in den von den Huthis kontrollierten Gebieten berichten würden. Man muss da nämlich auch sehen: Wer hat denn diese ganze Sache losgetreten in Jemen, durch wen wurde das alles begonnen?

Ich denke, da sollte auch Druck ausgeübt werden. Damit die Waffen, die sich in den Händen der Huthis befinden, aber auch in denen anderer Milizen, dass diese an den Staat übergeben werden. Bei den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es so, dass sie gute Beziehungen zu den europäischen Ländern haben und dadurch einen gewissen Schutz genießen, den sie natürlich nutzen, um das, was in Jemen geschieht, sozusagen unter den Teppich zu kehren.

Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate haben gute Beziehungen. Und auch mit dem US-Präsidenten Trump haben sie gute Beziehungen. Das sollte genutzt werden. Denn solange kein Druck ausgeübt wird auf Länder wie eben die VAE, solange werden auch die Menschenrechtsverstöße nicht nur anhalten, sondern sie werden mehr. Also ist meine Bitte an alle, die uns hier zuhören: Helfen Sie uns dabei, wieder einen funktionierenden jemenitischen Status zu errichten.

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