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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.09.2013

Französisches Kino trotzt Homophobie

In "Der Fremde am See" geht es Alain Guiraudie darum, Sex zwischen Männern auch wirklich zu zeigen

Von Jörg Taszman

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In Frankreich startete "Der Fremde am See“ im Juni, als die ersten homosexuellen Ehen geschlossen wurden. (picture alliance / dpa / Gerard Julien/Pool)
In Frankreich startete "Der Fremde am See“ im Juni, als die ersten homosexuellen Ehen geschlossen wurden. (picture alliance / dpa / Gerard Julien/Pool)

Der französische Filmemacher Alain Guiraudie lotet auf der Leinwand die Grenzen zwischen Sex und Pornografie aus. Er hat einen sinnlichen Film gedreht, in dem es nicht nur um Homosexualität, sondern um universelle Liebe geht. Gleichzeitig hinterfragt er die sexuelle Befreiung.

Es ist Sommer an einem idyllischen See in Südfrankreich. An einem FKK-Strand treffen sich ausschließlich Männer. Schnell finden sich spontane Sexpartner, die in den Büschen und im Wald verschwinden. Auch der junge Franck kommt an diesen Ort, freundet sich platonisch mit dem älteren Michel an, verliebt sich jedoch leidenschaftlich in den mysteriösen, schnauzbärtigen Henri. Zunächst wirken der See und seine Umgebung wie ein sinnenfrohes Paradies. Zunehmend jedoch wird diese Idylle getrübt. Ein Kommissar ermittelt, denn es hat Tote gegeben. In ruhigen, festen Kameraeinstellungen filmt Alain Guiraudie zunächst die Lust und den Sex unter Männern, den er
offen und explizit darstellt.

Alain Guiraudie: "Das war eine große Herausforderung. In dem Film geht es um Sexualität, um Homosexualität. Ich habe ihn auch deshalb so gemacht, weil ich Homosexualität und den Sex zwischen Männern in meinen vorherigen Filmen nicht wirklich gezeigt hatte."

"Ich wollte hier auch darüber reden, wie es ist, wenn man sich körperlich liebt. Bisher hatte ich immer nur eher platonische Spielarten der Liebe gefilmt, aber nie wirkliche Leidenschaft – und das hat dann eben mit Liebe, mit Sex und mit Sexualorganen zu tun, die dann auch ‚funktionieren‘ müssen."

"Ich wollte aber gleichzeitig diese explizite Form der Darstellung von der Pornografie losreißen und stattdessen wieder von der Umklammerung der Liebe, dem Lyrismus, der Poesie sprechen. Eine Ejakulation kann ja auch etwas sehr Schönes sein.""

Alain Guiraudie möchte mit Konventionen des Kinos brechen. So werden Küsse und angedeutete Liebesszenen im Mainstreamkino meistens mit Romantik und der wahren Liebe assoziiert, reine Sexszenen dagegen gelten als schmutzig, als etwas, das negativ besetzt ist oder als moralisch verwerflich gilt. Mit seinem Film möchte er nun beide Extreme wieder miteinander verbinden.

Heute redet Guiraudie offen über seine Homosexualität

Alain Guiraudie ist nicht der einzige französische Filmemacher, der die Grenzen zwischen Sex und Pornografie auslotet. Seine Regiekollegin Catherine Breillat, drehte vor zehn Jahren in "Romance - Anatomie einer Frau" mit dem Pornodarsteller Rocco Siffredi. Für Alain Guiraudie kein gelungenes Beispiel, weil er den Film in seiner Darstellung der Sexualität als zu kalt, zu lustfeindlich empfand. Alain Guiraudie hat einerseits einen sinnlichen Film gedreht, hinterfragt aber auch das Konsumverhalten der ‚freien Liebe‘.

"Mir ging es auch darum, ein anderes Licht auf die sexuelle Befreiung zu werfen. Am Anfang war das eine emanzipatorische Bewegung. Aber irgendwann ging es nur noch um Lusterfüllung. Wir leben in einer Gesellschaft, die immer nur die Befriedigung sucht. Das beunruhigt mich sehr. Wo bleibt denn das gemeinsame Erlebnis, wenn jeder nur seine individuelle Lust ausleben will?"

Von den bisherigen drei Filmen des 1964 geborenen Regisseurs kam in Deutschland nur "Der König der Fluchten" auf DVD heraus. Anders als früher redet Alain Guiraudie heute offen über seine Homosexualität. Er freut sich über den Erfolg seines Filmes mit über 100.000 Besuchern auch im Kontext der jüngsten Ereignisse in Frankreich, als ein konservativ-katholisches Bündnis offen Front gegen die ‚mariage pour tous‘ machte, die Heirat für alle, also auch die gleichgeschlechtliche Ehe.

explizite Sexszenen gibt es im Film von Alain Guiraudie (Alamode Film)Filmplakat von "Der Fremde am See". (Alamode Film)In Frankreich startete "Der Fremde am See" im Juni, als die ersten homosexuellen Ehen geschlossen wurden. Das vom Grafiker Tom de Pékin entworfene Plakat des Films wurde in Versailles und Saint Cloud - zwei konservativen Hochburgen rund um Paris - verboten, weil es gezeichnete Männer zeigt, die sich küssen. Im Hintergrund wird verschwommen auch Oralsex suggeriert. Der deutsche Verleih hat dieses sehr schöne Kinoplakat übrigens eins zu eins übernommen. Provozieren wollte Guiraudie mit dem Filmposter nicht. Er sieht sich nicht als einen schwulen Aktivisten. Es gab jedoch den Fall eines Abgeordneten, der ihn erzürnte.

"Kürzlich hat eine Organisation, ich weiß nicht mehr welche, einen Abgeordneten geoutet, der schwul war, aber an Demonstrationen teilnahm, in denen Plakate wie ‚Schwule auf den Scheiterhaufen‘ gezeigt wurden. Das ist der einzige bekannte Outing-Fall in Frankreich. Ich habe aber nie verstanden, wozu das Outing gut sein soll. Aber wenn ich von diesem Abgeordneten gewusst hätte, wäre ich auch an die Öffentlichkeit gegangen. Wenn ich einen Bekannten hätte, der schwul wäre und gleichzeitig so etwas macht, dann wäre es vollkommen klar, dass ich das öffentlich machen würde."

Für den Filmemacher war es als junger Mann schwer, zu seiner Sexualität zu stehen. Heute lebt er damit problemloser. Als ein anerkannter Filmemacher, der sich im Süden Frankreichs in der Nähe von Toulon frei und unbeobachtet fühlt. Den Erfolg seines Filmes vermag er sich wie jeder Filmemacher nicht zu erklären, aber er freut sich, dass "Der Fremde am See" nicht nur als ein Werk über Homosexualität wahrgenommen wird, sondern als ein Film mit einem universellen Thema: der Liebe.

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