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Tonart | Beitrag vom 23.07.2019

Französischer Hip-HopDer harte Sound der Banlieues als Inspirationsquelle

Matthieu Praun im Gespräch mit Andreas Müller

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Der französische Rapper MHD im Jahr 2017 bei einem Konzert in London. (Getty Images Europe)
Der französische Rapper MHD bei einem Konzert in London: Zu sagen, sein Einfluss ist groß, wäre untertrieben. (Getty Images Europe)

Hip-Hop gehört in Deutschland zu den erfolgreichsten Musikgenres. Die großen Vorbilder deutscher Rapper kommen nicht nur aus den USA, sondern auch aus Frankreich. Dort werden Trends gesetzt – die die deutschen Reim-Künstler gern aufgreifen.

Andreas Müller: In Frankreich ist Hip-Hop ähnlich populär wie in Deutschland – wenn nicht sogar populärer. Wie klingt denn französischer Hip-Hop der Gegenwart?

Matthieu Praun: Französischer Hip-Hop ist extrem divers. Das liegt vor allem daran, dass es neben dem klassischen harten Straßenrap immer mehr eine Entwicklung gibt hin zum Pop. Ein Massenphänomen zum Beispiel sind die beiden Brüder Tarik und Nabil Andrieu, die unter dem Namen PNL ganz Frankreich begeistern. Sie stehen buchstäblich an der Spitze, für ihr letztes Album haben sie ein Video auf dem Eiffelturm gedreht.

Müller: Die Rapper, die von unten kommen, und jetzt ganz oben, also auch im ganz physischen Sinne, angekommen sind? Wie haben PNL das hingekriegt?

Praun: Das Besondere ist: PNL rappen nicht nur, sondern singen oder summen und setzen ihre Stimme wie ein Instrument ein.

Debut-Album mit Drogengeld finanziert?

Müller: Es sind sphärische Klänge und teilweise sehr ruhige, melancholische Melodien, die wir bei PNL hören. Worum geht es in den Texten?

Praun: Neben Drogengeschäften geht es da auch um weniger verbreitete Hip-Hop-Themen: um Hoffnungslosigkeit, psychische Belastung und Trauer. Das finde ich besonders spannend: Die beiden sind vorbestrafte Gangster, die ihr erstes Album angeblich mit Drogengeld finanziert haben sollen. Und jetzt packen sie ihren Weltschmerz in tieftraurige Balladen, das ist eben kein Widerspruch mehr.

Müller: Rapper, die auch mal Gefühle zulassen, das hat man ja auch in Deutschland. In dem, was man als Cloud-Rap bezeichnet. Ist das in Frankreich eine Parallel-Entwicklung, inspiriert vom großen Hip-Hop-Mutterland Amerika? Oder besteht da eine direkte Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich?

Praun: Ich sehe darin auch einen klaren Einfluss französischer Rapper. Im Straßenrap zum Beispiel ist Frankreich wichtiges Vorbild für Deutschland. Französischer Rap aus den Banlieus gilt als der härteste, weil er weniger verspielt ist als der amerikanische.

Künstler wie Niska oder Kaaris haben auch den deutschen Straßenrap stark geprägt. Auf "Russisch Roulette" von Haftbefehl, was 2014 ein sehr wichtiges Album war, ist Kaaris zum Beispiel einer von nur zwei Feature-Gästen. Das ist kein Zufall. Auch diesen sehr eigenen Umgang mit Sprache, für den Haftbefehl bekannt geworden ist, hat er aus dem Französischen übernommen.

Der Rapper Aykut Anhan, alias Haftbefehl, posiert am 14.07.2016 vor einem Interview für die Kamera. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)Der Rapper Aykut Anhan alias Haftbefehl. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Müller: Haftbefehl kann Französisch sprechen?

Praun: Im französischen Rap ist es üblich, Wörter zu verdrehen und Silben auszutauschen. Verlan nennt man das. Und das hört man bei Haftbefehl eben auch ganz stark raus. Oder die Art, wie er türkische, kurdische und arabische Wörter benutzt und sich die Worte zurechtbiegt, wie es ihm passt. Das hat er in Deutschland als einer der ersten gemacht, in Frankreich ist das schon lange üblich. Aber auch die Ästhetik der Videos und sogar der Stil der Kollektion, die er herausgebracht hat, erinnern stark an die ganzen französischen Rapper.

Müller: Ein weiteres Phänomen, das in den letzten Jahren nach Deutschland geschwappt ist, heißt Afrotrap. Die Dancehall-Beats des französischen Künstlers MHD haben maßgeblich den Sound der letzten Jahre beeinflusst und werden zum Beispiel für das Album "Palmen aus Plastik" von RAF Camora und Bonez MC verantwortlich gemacht.

Praun: Zu sagen, MHD hätte einen starken Einfluss auf Raf Camora und Bonez MC gehabt, ist eigentlich untertrieben, es gab sogar Plagiatsvorwürfe gegen die beiden Rapper aus Deutschland. Wer "Palmen aus Plastik" kennt und sich zum Vergleich Afrotrap Nr. 5 von MHD anhört, erkennt auch sofort, wieso. Das ist genau der Sound, der hier in den letzten Jahren so dominant war. Daran lässt sich eigentlich sehr gut erkennen, wie stark der Einfluss aus Frankreich ist, auch wenn das nicht immer so wahrgenommen wird.

Keine klaren Genregrenzen mehr

Müller: Das bedeutet: Wenn Rap aus Frankreich hört, hört heute schon die Trends der Deutschrapper von morgen? Was kommt da denn noch so auf uns zu?

Praun: Das kann man schon so sagen. RAF Camora hat selbst mal in einem Interview gesagt, dass er mit Blick nach Frankreich erwartet, dass in ein paar Jahren keiner mehr in Deutschland rappt. Dann wird nur noch mit Autotune gesungen. Ich denke, da ist auf jeden Fall was dran.

Ich denke vor allem, dass all diese klaren Genregrenzen zwischen Pop, Rap, Hip-Hop, Dancehall und vielen anderen Genres immer mehr aufweichen werden, weil die Künstler sich nicht mehr damit aufhalten, sondern machen, worauf sie Lust haben.

Diese neue Generation an Rappern fühlt sich keinem Rap-Erbe mehr verpflichtet, sondern nutzt jede Form von Musik, um Gefühle auszudrücken - und das ist auch gut so.

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