Franziska Gänsler: "Orca"

Eine Generation unter Druck

05:33 Minuten
Cover des Romans "Orca" von Franziska Gänsler
© Kein & Aber

Franziska Gänsler

OrcaKein & Aber, Zürich 2026

368 Seiten

25,00 Euro

Von Sarah Elsing |
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In ihrem neuen Roman „Orca” erzählt Franziska Gänslers von einer Generation, deren Leben vom Klimawandel geprägt ist. Ihr ist ein hervorragend erzählter, vielschichtiger Coming-of-Age-Thriller gelungen. Er ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Als Franziska Gänsler 2022 ihr Debüt „Ewig Sommer“ in einer von Waldbränden eingeschlossenen Ferienanlage spielen ließ, mag das einigen noch wie eine Dystopie vorgekommen sein. Vier Jahre später drohte das Thema Klimawandel zeitweilig, hinter all den anderen Kämpfen an geopolitischen, ökonomischen und demokratischen Fronten zu verschwinden.
Dann brannte Europa einen ganzen Sommer lang, in einem Ausmaß, das alles bisher Vorstellbare übertraf. Damit steht Gänsler mit ihrem dritten Roman „Orca” wieder ganz im Zentrum des öffentlichen Diskurses.

Im Inneren des Protestes

Diesmal ist die 39-Jährige ins Innerste des Protests vorgedrungen. Im Buch plant eine Gruppe junger Klimaaktivistinnen und -aktivisten Aktionen wie die von "Fridays for Future" und der "Letzten Generation".
Aus der Perspektive von Cora erzählt Gänsler, wie aus einer ehrgeizigen Hochbegabten, die sich den "rich kids" ihrer Eliteschule anzunähern versucht, erst eine manipulatorische Antreiberin im Klimakampf wird, bis sie nach einem schrecklich missglückten Überfall auf eine Villa als Schulabbrecherin an der Wursttheke endet.
Dabei ist „Orca“ nicht nur die Geschichte einer Radikalisierung, sondern vor allem die Geschichte einer ungleichen Freundschaft, als einziger Halt in einer immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft. Auf dem Supermarktparkplatz trifft Cora Olympia wieder, eine Freundin aus Kindheitstagen. Fasziniert beobachtet sie, wie diese mit einem Stein den Kopf eines sterbenden Kaninchens zertrümmert: "Dann zerschlug sie ihn wie ein Ei."

Gasballon und Gegengewicht

Damit ist das Verhältnis der beiden schon auf den ersten Seiten gesetzt. Cora ist die schüchterne Beobachterin, Olympia die skrupellose Frau der Tat.
Von nun an richtet Cora ihre ganze Energie darauf, Olympia nah zu sein. Zwar kann und will sie nicht so sein wie Olympia. Aber sie kann ihr Gegengewicht geben. Wenn Olympia der Gasballon ist, wird Cora zum Gewicht, das ihn am Boden hält.
Wie oft in Adoleszenzbeziehungen vermischen sich hier freundschaftliche, romantische und erotische Impulse. Als in der Elson-Villa jedoch die Klimaaktivistin Ariel in die symbiotische Dynamik eintritt, kippt Coras Hingabe in Eifersucht und Hass.
Während Cora vordergründig weiterhin mit den anderen trainiert und beim Umbau der Villa zur Selbstversorgerfarm hilft, entwickelt sie einen geheimen Plan. Der sprengt am Ende nicht nur die drei Freundinnen, sondern die ganze Gruppe auseinander.

Große Liebe zum Detail

Mit feiner Motivarbeit und großer Liebe zum Detail steigert Gänsler die Spannung bis hin zur scheinbar unvermeidlich eskalierenden Gewalt. Wie sie dabei die Zeitebenen – vor und nach dem Knall – miteinander verschaltet, zeugt von wahrer Erzähllust und großem Kompositionsvermögen.
Mit "Orca“ ist Franziska Gänsler ein vielschichtiger Coming-of-Age-Thriller gelungen. Der schaut der vom Klimawandel am meisten betroffenen Generation mitten ins Herz.
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