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Interpretationen / Archiv | Beitrag vom 03.06.2018

Franz Schuberts "Impromptus" op. posth. 142"...als Kleinigkeiten zu schwer"

Gast: Mathias Hansen, Musikwissenschaftler; Moderation: Michael Dasche

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Der Komponist Franz Schubert (1797-1828) (   picture-alliance / dpa)
Meister der himmlischen Länge ebenso wie der kleinen Form: Franz Schubert ( picture-alliance / dpa)

Klein heißt nicht leicht. Die Annahme, Franz Schuberts "Impromptus" seien am Klavier locker zu realisieren, ist ein Trugschluss. Vielmehr sind die knappen Stücke seit jeher eine Herausforderung für Pianisten.

Als Franz Schubert den Mainzer Verlegern Schott seine "Vier Impromptu’s fürs Pianoforte allein" anbot, stellte er ihnen anheim, "jedes Stück einzeln oder alle vier zusammen" erscheinen zu lassen. Damit ließ er offen, ob es sich um eine geschlossene Werkgruppe oder um eine lose Folge von Einzelsätzen handelt. Eben dieser Punkt ist bis heute strittig geblieben. Es gibt Stimmen, die sich der berühmten Rezension Robert Schumanns anschließen, der hinter den "Impromptus" ein größeres Format, nämlich das einer Sonate, erkannte. Andere neigen zu der Auffassung, dass Schubert die formalen Kriterien eines Sonatenzyklus nur ansatzweise erfüllt hätte.

Hie geht es zur Playlist der Sendung.

Die Anfänge des Charakterstücks

Wie immer man es sieht: Entscheidend ist die gattungsstiftende Wirkung, die von den "Impromptus" ausging. Im Grunde hat Schubert mit ihnen ein neues Genre wenn nicht erfunden, so doch etabliert und zum ersten Höhepunkt geführt: die Gattung des Charakterstücks, die später so bedeutsam wurde – etwa bei Schumann (man denke an seine "Noveletten") oder bei Brahms (in Gestalt seiner "Balladen") oder bei Franz Liszt (mit seinen "Années de pèlerinage").

Ob verkappte Sonate oder nicht: außer Frage steht, dass namentlich die Stücke der heute besprochenen zweiten Reihe der "Impromptus" mehr darstellen als leichte Divertissements, als effektvolle Zugaben oder gehobene "Klavierstundenmusik". Das bemerkten schon die Brüder Schott, wenn auch unter negativem Vorzeichen. Das kaufmännische Risiko im Blick, lehnten sie eine Veröffentlichung ab. Diese Werke seien "für Kleinigkeiten zu schwer", so der knappe Bescheid. Erst elf Jahre nach Schuberts Tod erschienen die Stücke beim Wiener Verleger Diabelli, zunächst ohne kommerziellen Erfolg.

Kleine Werke mit großem Anspruch

Tatsächlich ist der Anspruch der vermeintlichen "Kleinigkeiten" beträchtlich. Pianistisch durchaus herausfordernd, bieten sie große Spiel- und Freiräume für individuelle Handschriften der Interpreten. Unsere Auswahl von Aufnahmen mit Wilhelm Kempff, Emil Gilels, Maria Yudina, Grigory Sokolov, Radu Lupu, Vladimir Horowitz, Artur Schnabel, Swjatoslaw Richter, Murray Perahia, Alfred Brendel und Krystian Zimerman mag dafür stehen, wie verschiedenartig diese Möglichkeiten ausgelotet werden.

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