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Interpretationen | Beitrag vom 17.01.2021

Franz Schuberts "Arpeggione-Sonate"Ein unsterbliches Werk für ein vergessenes Instrument

Moderation: Mascha Drost

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Keine Angst vor Experimenten: Franz Schubert, hier gemalt von Wilhelm August Rieder, schrieb seine "Arpeggione"-Sonate für ein kurzlebiges Instrument (imago images / Leemage)
Keine Angst vor Experimenten: Franz Schubert, hier gemalt von Wilhelm August Rieder, schrieb seine „Arpeggione“-Sonate für ein kurzlebiges Instrument (imago images / Leemage)

Das Werk wurde unsterblich, das Instrument geriet in Vergessenheit, denn die "Arpeggione-Sonate" von Franz Schubert lässt sich auch auf der Bratsche oder dem Cello spielen. Es bleibt die Frage, wie wohl ein Arpeggione klang?

Das Cello und die Bratsche sind nicht mit einem so hochkarätigen klassischen Repertoire gesegnet wie die Geige, vom Klavier ganz zu schweigen. Beispiel Franz Schubert: Für Violine und Klavier schrieb er eine Sonate und drei Sonatinen. Für Violoncello und Klavier, für Viola und Klavier schrieb er: nichts. Kein Wunder, dass sich Cellisten und Bratschisten gleichermaßen auf die "Arpeggione-Sonate" stürzen.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Mit welchem Recht dies geschieht, ist gar nicht so leicht zu beurteilen. Aus heutiger Sicht kann nämlich leicht der Eindruck entstehen, Schubert habe die Sonate für ein Phantom geschrieben. Ein Arpeggione gibt es nur in dieser a-Moll-Sonate (Deutsch-Verzeichnis 821); der Begriff geht auf den Komponisten selbst zurück und taucht sonst nirgendwo auf.

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Hinter der geheimnisvollen Bezeichnung verbirgt sich ein Instrument, das im Wien des Vormärz unter dem Namen "Gitarre-Violoncell" oder "Guitare d’amour" kurzzeitig hervortrat. Dieser sechssaitige Zwitter, von dem Gitarren- und Geigenbauer Johann Georg Staufer ersonnen, wird wie eine Gambe zwischen den Knien gehalten und mit einem Bogen gestrichen. Aus heutiger Sicht ist es ein Instrument irgendwo zwischen Bratsche, an deren Register es erinnert, und Cello, mit dessen Spieltechnik es vergleichbar ist.

Sechs Saiten mit Bünden, zu spielen wie ein Cello: "Arpeggione" von Johann Georg Staufer, Wien 1831 (imago images / Artokoloro)Sechs Saiten mit Bünden, zu spielen wie ein Cello: „Arpeggione“ von Johann Georg Staufer, Wien 1831 (imago images / Artokoloro)

Das Instrument, das Schubert im November 1824 mit einer seiner populärsten Sonaten bedachte, wurde schnell vergessen und lebte auch in der instrumental verwandten Wiener Schrammelmusik des späteren 19. Jahrhunderts nicht wieder auf. Als die Sonate viele Jahrzehnte nach dem Tod des Komponisten erstmals im Druck erschien, war die Arpeggione-Stimme für Geige und Cello bearbeitet worden.

Melancholie statt Schwermut

Die Frage, in welchen Lagen, mit welchen Oktavierungen das Stück zu spielen ist, wird von jedem Interpreten – oft abweichend von den Notenausgaben – individuell beantwortet. Im Gespräch mit dem herausragenden Bratschisten Nils Mönkemeyer, der die Sonate mit dem Pianisten Nicholas Rimmer eingespielt hat, wird schnell deutlich, dass die Viola das Instrument der Wahl ist. Mit ihrem nobel-zurückhaltenden Klang kommt sie wohl nicht nur dem Original nahe, sondern trifft vor allem die intime Stimmung dieses melancholischen, nicht allzu schwermütigen Werks.

Hüter zerbrechlicher Musik: Der Bratschist Nils Mönkemeyer (imago images / Future Image)Hüter zerbrechlicher Musik: Der Bratschist Nils Mönkemeyer (imago images / Future Image)

"Die Musik ist so zerbrechlich und fein, man darf das nicht kaputt machen", so das Credo Mönkemeyers, der allerdings auch ganz anderen Interpretationen als der seinen viel abgewinnen kann. Nicht zuletzt denen, die auf den vergleichsweise leise klingenden Nachbauten des Originalinstruments gespielt werden. Die Alte-Musik-Szene hat hier seit den 1970er-Jahren Pionierarbeit geleistet.

Beliebtes Werk in zahlreichen Einspielungen

Aber ob Schuberts a-Moll-Sonate nun von Mstislaw Rostropowitsch auf dem Cello, Nicolas Deletaille auf dem Arpeggione, Anner Bylsma auf dem Violoncello piccolo oder Yuri Bashmet auf der Bratsche gespielt wird, die Herausforderungen bleiben die gleichen: Originell sein, ohne sich in den Vordergrund zu spielen, eine gute Balance mit dem Klavier- oder Hammerklavier-Partner zu finden und den richtigen Bogen für dieses große "Lied ohne Worte" zu formen.

Diese Sendung ist eine Wiederholung aus dem Jahr 2015. Der ursprünglich vorgesehene Beitrag über Johannes Brahms muss aus aktuellem Anlass auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

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