Franz von Assisi
Franz von Assisi brach radikal mit den Erwartungen seiner Zeit © picture alliance / dpa / Malin Wunderlich
Der Schutzpatron aller Dissidenten
04:36 Minuten

Vor rund 800 Jahren starb Franz von Assisi. Der italienische Ordensgründer lebte in freiwilliger Armut und predigte Frieden. Sein Nein zu Besitz und Rang verweist auch heute noch auf die Freiheit, anders zu denken und zu leben.
Es ist einer der berühmtesten Sätze der Literatur: "I would prefer not to" – "Ich möchte lieber nicht".
Der Schriftsteller Herman Melville, Autor von "Moby-Dick", legte ihn 1853 dem blassen Antihelden seiner Erzählung "Bartleby, der Schreiber" in den Mund. Der sitzt in einer Wall-Street-Kanzlei, kopiert Akten – und verweigert sich irgendwann fast allem. Nicht laut, nicht heroisch. Nur mit diesem höflichen Satz: "Ich möchte lieber nicht." Einer Formel, die jede Aufforderung ins Leere laufen lässt.
Philosophen haben aus Bartleby deshalb mehr gemacht als einen schrulligen Angestellten. Seine Verweigerung wurde für manchen zur Widerstandsgeste gegen den noch jungen US-Finanzkapitalismus.
Slavoj Žižek sah in der Passivität von Melvilles hagerem Helden eine Absage an jene Pseudo-Aktivität, die uns ständig zum Mitmachen anhält, ohne dass sich dadurch viel ändert. Gilles Deleuze nannte Bartleby sogar den "neuen Christus" und "Bruder von uns allen".
Verzicht aufs Erbe
Das klingt kühn. Aber im Jahr 2026 führt die Spur tatsächlich zu einem anderen Meister der Verweigerung. Vor 800 Jahren nämlich, am 3. Oktober 1226, verstarb in einer Kapelle am Fuße des Monte Subasio der Schutzpatron aller Nein-Sager und Dissidenten: der umbrische Wanderprediger Franz von Assisi.
Angeblich soll der in seiner Todesstunde noch die letzte Strophe seines berühmten "Sonnengesangs" auf den Lippen gehabt haben: "Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod." Selbst das Sterben also nahm er in jene große Geschwisterschaft auf, zu der für ihn Sonne und Mond, Wasser, Feuer und Erde gehörten. Wegen seiner radikalen Christusnachfolge galt Franziskus – wie eben später auch Bartleby – als "alter Christus", als ein anderer Christus.
Sein berühmtestes Nein hatte er rund 20 Jahre zuvor gesprochen. Vor dem Bischof von Assisi verzichtete der Sohn des wohlhabenden Tuchhändlers Pietro Bernardone auf sein Erbe und gab sogar seine Kleider an den Vater zurück. Von nun an, so erzählen frühe Lebensbeschreibungen, wolle er nicht mehr Pietro, sondern nur noch den "Vater im Himmel" Vater nennen. Ein mittelalterliches "I would prefer not to" – ein Versprechen nur noch in Gott und somit in der eigenen Wahrheit zu leben.
Das heilige Nein: Freiheit zum eigenen Weg
Fortan suchte Franziskus die Nähe zu Leprakranken, lebte freiwillig arm und predigte Frieden. Dabei hätte er gesellschaftliches Ansehen und Wohlstand haben können. Denn eigentlich war dieser Franziskus ein Snob – in jungen Jahren war er ein Lebemann gewesen. Hineingeboren in die nach Unabhängigkeit strebenden Stadtstaaten Italiens erlebte er die Geburtswehen des Frühkapitalismus: Seine eigene Familie war durch diesen reich geworden. Doch der spätere Heilige, der eigentlich Ritter hatte werden wollen, stieg vom hohen Ross herab und wurde der Ärmste der Armen. Ein minderer Bruder als dialektisches Gegenmodell zu einer früh-bürgerlichen Gesellschaft, die sich mehr und mehr um ihr eigenes materielles Wohlergehen kümmerte.
Mit seinem "heiligen Nein", wie Friedrich Nietzsche die Entsagungsgeste des Franz von Assisi vermutlich nennen würde, – um es mit Nietzsche zu sagen – nahm sich der "Gaukler Gottes" die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen. Und in der damit einhergehenden Negierung der bestehenden Ordnung hat er sich letztlich selbst erwählt. Es ist der Individualismus der bald einsetzenden Renaissance, der in dieser Verweigerungspose erste zaghafte Konturen entwickelt.
Vorbild für Gandhi oder Havel
Doch das Nein von Franziskus war deshalb nicht das letzte Wort. Es öffnete den Raum für ein anderes Ja: zu Genügsamkeit statt Status, zu Nähe statt Abgrenzung, zu Friede statt Selbstbehauptung.
Späteren Nein-Sagern ist er damit ein Vorbild geworden: dem "indischen Franziskus" Mahatma Gandhi oder dem tschechischen Dissidenten Václav Havel. Und auch in unserer Gegenwart, einer Zeit hermetisch abgesteckter Meinungskorridore, algorithmischer Nivellierung, "Alternativlosigkeit" und Konformität, verweist Franziskus auf die weiterhin bestehende Freiheit, anders zu denken und anders zu leben; Nein zu sagen für ein besseres Ja.




















