Frankreichs spitze Feder

Von Anette Schneider |
Zum 200. Geburtstags des politischen Karikaturisten Honoré Daumier zeigt Schloss Gottorf in Schleswig eine umfangreiche Ausstellunge mit Lithographien und Skulpturen des Künstlers. "Provocation et Finesse" zeigt, was der Titel verspricht: Der radikal-demokratische Daumier war ein einzigartiger politisch-satirischer Zeichner und Künstler.
Niemand war vor Daumiers spitzer Feder sicher. Ob Politiker, Richter, Aktienspekulanten oder brave Kleinbürger - Honoré Daumier zeigt die Vertreter der herrschenden Klasse feist und selbstgefällig, hager und abgebrüht, zusammengekrümmt und devot, dabei stets auf ihren Vorteil bedacht. Und: Er zeigt ihre Opfer. Zwischen 1832 und 1872 schuf Daumier etwa 4000 Lithographien.

Die Zeit, in der er lebte, provozierte ihn zu unermüdlichem Widerspruch. Denn nicht die Forderungen der Julirevolution von 1830, nicht die Forderungen der Februarrevolution von 1848, erst Recht nicht die der Pariser Kommune von 1871 bestimmten seine Epoche, sondern die jeweils auf die Revolutionen folgenden Jahrzehnte bürgerlicher Reaktion. Ausstellungsleiter Thomas Gaedecke:
"Daumier reagiert als unerbittlicher Kritiker. Als ein Anwalt für Freiheit und die Menschenwürde. Er hat sich besonders gestoßen an dem Bürgerkönig Louis Philipp, dessen Regime so korrupt war. Und an den Parlamentariern, die in der französischen Nationalversammlung saßen, die er ja unvergesslich entlarvt hat."
Daumier, der 1808 in armen Verhältnissen geboren wurde und 1879 in ebensolchen starb, musste als Jugendlicher mit schlecht bezahlten Kanzleijobs sich und seine Familie über Wasser halten. Dabei wollte er nur eines: Künstler werden. So brachte er sich das Zeichnen selbst bei und wurde 1832 von Charles Philipon entdeckt, der die Zeitschrift "Caricature" herausgab.

Kaum eingestellt, brachte ihn eine Zeichnung für sechs Monate ins Gefängnis, doch Daumier ließ sich nicht einschüchtern. Er, der die Armut kannte, sah die Widersprüche seiner Zeit genau: die skrupellose Bereicherung vor allem der Finanzbourgeoisie auf der einen - Zensur, Unterdrückung und Elend der Arbeiter auf der anderen Seite.

So begegnen einem in der grob chronologisch gehängten Ausstellung Bourgeoies, die mit schweren Geldsäcken auf ihren Schultern das Weite suchen und ein windiger Börsenspekulant, der seine Aktienpapiere loswerden will. Gleichzeitig zeigt Daumier, wodurch dieses Verhalten möglich wurde: Da gibt es Spitzel gegen politisch Unliebsame und ein Massaker, bei dem Nationalgardisten Zivilisten im Schlaf ermordeten, weil - so ihre spätere Erklärung - sie die Staatsmacht gefährdet sahen.

Besonders ätzend aber führt er die Volksvertreter vor, die das System legitimieren. Die Ausstellung präsentiert die gesamte Serie, die Daumier diesen Herren widmete, und die er - um sie möglichst plastisch zeichnen zu können - vorher in Ton knetete.
"Das sind dann diese verfetteten Menschen, die sich selbst bedienen und die so etwas unglaublich Selbstgerechtes haben, und dabei aber immer wieder behaupten, als Parlamentarier eben, als gewählte Vertreter im Namen des Volkes zu sprechen. In diesen Widerspruch hat er also allzugerne reingegriffen."

Fast 100 Blätter aus Privatsammlungen sowie einige Skulpturen versammelt die Ausstellung. Ihre Auswahl verdeutlicht nicht nur, wie aktuell Daumier noch immer ist. Sie führt auch vor, wie schnell er einen eigenen künstlerischen Stil entwickelte. Anders als seine Kollegen von "Caricature" arbeitete er nicht skizzenhaft, sondern malerisch: Er nutzte Licht- und Schattenwirkung, zeichnete plastisch und gab so seinen Protagonisten Gewicht.

Auch inhaltlich entwickelte Daumier Neues: Er führte keine Individuen vor, sondern Haltungen. Typen. Anstatt auf die aktuelle Tagespolitik blickte er aufs Ganze, fragte nach dem Wesentlichen und entlarvte damit das Charakteristische der herrschenden Gesellschaft. Dafür nutzte er auch zwei Figuren aus der Literatur, an denen er typische Haltungen vorführte.
"Der Robert Macaire, der aus einem Theaterstück entnommen ist. Das ist dieser unerhörte, dreiste Betrüger, dieser Lump, der das Volk verführt und sich aus allem rauswindet. Wie dann in der Epoche später der Ratapoi, der Inbegriff des Schurken ist, der in der Zeit von Louis Napoleon, der ja einen Staatsstreich unternimmt - und dann wenig später als Kaiser Napoleon III. sein eigenes Regime, auch ein Regime der Ungerechtigkeit und der Korruption, aufführt."

Während in dieser Zeit viele seiner Kollegen resignierten, sich anpassten und fortan biedere Humoresken zeichneten, gehörte Daumier zu den wenigen, die nicht kapitulierten. Er demaskierte weiterhin den egoistischen Bourgeois und stellte klar, dass er die Elenden sympathischer fand als die Urheber des Elends: Er machte Obdachlose, bettelnde Frauen und sich schindende Arbeiter bildwürdig. Und viele seiner Zeitgenossen registrierten genau, dass er damit inhaltlich wie formal Neues schuf. Thomas Gaedecke:
"Er ist immer als Künstler, als Maler auch gesehen worden. Führende Künstler seiner Zeit, wie Delacroix und später Degas haben seine Werke gesammelt. Und er war durch die Umstände gezwungen, sein Geld als Karikaturist zu verdienen, hat dadurch weniger gemalt, als er mochte."

Daumiers letzte Blätter galten der Pariser Komune von 1871, und damit der ersten Arbeiterregierung in der Geschichte. Schon 20 Jahre zuvor hatte er eine programmatische Zeichnung geschaffen, die erklärt, weshalb er damals nicht resignierte - die aber in der Ausstellung leider fehlt: Man sieht da einen riesigen Arbeiter mit den Gesichtszügen des utopischen Kommunisten Blanqui, vor dem sich - klein wie Spielfiguren - Louis Bonaparte, Adolphe Thiers und ein Bourgeois um die Macht prügeln. Die Bildunterschrift lautet: "Das Volk kann warten".

Nun, 1871, nach der blutigen Niederschlagung der Pariser Kommune, kapitulierte Daumier noch immer nicht: Kurz vor seiner Erblindung zeichnete er einen wuchtigen, gewaltsam zerstörten Baum, aus dem ein winziger, frischer Trieb wächst.