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Fazit | Beitrag vom 14.02.2018

Frankfurter Kunstverein - "I am here to learn"Künstlerische statements zur künstlichen Intelligenz

Von Rudolf Schmitz

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Eine Besucherin sitzt vor der aus drei Bildern bestehenden Installation (Frankfurter Kunstverein, Foto N.Miguletz)
Bildinstallation von Zach Blas & Jemima Wyman in der Ausstellung "I'm here to learn" (Frankfurter Kunstverein, Foto N.Miguletz)

Was passiert, wenn Wahrnehmung und Interpretation auf lernende Maschinen übertragen werden? Der Frankfurter Kunstverein präsentiert internationale Künstler, die sich mit der rasanten Entwicklung der Computertechnologie beschäftigen.

Elektronische Musik, komponiert aus Stimmproben digitaler Archive. Die sollen lernende Systeme darauf trainieren, Sprache zu erkennen. Das ist der Soundtrack einer Arbeit des New Yorker Künstlers Trevor Paglen, die auf der Bildebene vorführt, womit Computer gefüttert werden, um Gesichter zu erkennen. Man sieht schier unendliche Folgen von Mimik aus Fotografie, Videos und Filmen und dann das, was die lernende Maschine daraus macht: linkisch wirkende Pixel-Schemata. Franziska Nori, Leiterin des Frankfurter Kunstvereins:

"Wir haben mit dieser Ausstellung 15 Künstler und Künstlerinnen aus zehn unterschiedlichen Ländern eingeladen, die sich mit einem Phänomen beschäftigen, das zwar unsere Gesellschaft in der Zukunft sehr prägen und verändern wird, was aber vom Sichtbarkeitsfaktor relativ verschwindend erscheint. Und das ist die Herausforderung, die die Künstler und Künstlerinnen hier mit uns angegangen sind: zu visualisieren, was die Wahrnehmung der Maschinen sein kann".

Blamage für Microsoft

Vor zwei Jahren ging der Fall durch die Medien: Microsoft entwickelte einen sogenannten Chatbot, also einen Sprachroboter, der das Kommunikationsniveau einer 19jährigen Amerikanerin erreichen sollte. Er wurde dazu mit zahlreichen Online-Chats gefüttert. Aber musste dann abgeschaltet werden, weil der Chatbot überraschend menschenfeindliche, rassistische, homophobe und faschistoide Äußerungen von sich gab. Die Künstler Zach Blas und Jemima Wyman haben nun diesem Chatbot ein weibliches Gesicht gegeben, es bewegt sich in einer halluzinierten Bildlandschaft, gespickt mit realen Nachrichtenspots, mit Werbung, mit Bildern von Militäreinsätzen. Und dazu sinniert der weibliche Chatbot über die eigenen Fähigkeiten und über uns Menschen.

Gesichterkennung künstlerisch ausgetrickst

Kann die Kunst tatsächlich das visualisieren, was sonst in der technologischen Entwicklung unsichtbar bleibt? Wenn Überwachungskameras definieren, was abweichendes und damit tendenziell kriminelles Verhalten ist? Die Eigentätigkeit entsprechender Algorithmen kann weitreichende und diskriminierende Folgen haben. Wenn Adam Harvey vorführt, wie sich Gesichtserkennung heute noch austricksen lässt, nämlich durch Schminken zusätzlicher Formen und Linien im Wangenbereich oder durch punkige Frisuren, dann geht das über nützliche Tipps für Aktivisten künstlerisch weit hinaus.  

Kunst mit dem 3-D Drucker

Spannend auch die Geschichte des Whistleblowers Manning. In der Haft unterzog er sich einer Geschlechtsumwandlung, niemand wusste jetzt, wie Chelsea E. Manning aussah. Wenn Heather Dewey-Hagborg aufgrund einer Haarsträhne und eines Wangenabstrichs der seinerzeit noch inhaftierten Whistleblowerin mithilfe algorithmischer Typisierung 30 verschiedene Gesichtsmodelle präsentiert, vom 3D-Drucker erstellt – dann ist das eine ästhetisch gelungene Kritik entsprechender Genomverfahren. Was man hier sieht, ist keine Täterfahndung, sondern eine Galerie der Menschheit: wir alle könnten Chelsea E. Manning sein. Franziska Nori:

"Was ich interessant finde: dass diese künstlerischen Positionen alle uns auffordern, noch mal über das eigentlich Menschliche nachzudenken. Über Autorenschaft zum Beispiel. Wer ist jetzt der Autor? Bei Patrick Tressiers Arbeit, einem Zeichenroboter, veranschaulicht sich das sehr gut. Er hat übertragen die Fähigkeit zu skizzieren, das Porträt eines Sitzenden, an Roboter".  

Heraus kommen giacomettihafte Impressionen.

Science Fiction wird Realität

"Träumen Roboter von elektrischen Schafen" , fragte schon 1968 der geniale Science-Fiction-Autor Philip K. Dick in seinem Roman, der dann den Film "Blade Runner" inspirierte. Der Frankfurter Kunstverein greift diese Frage nach dem Innenleben künstlicher Intelligenz im Jahr 2018 wieder auf. Mit beunruhigenden, absurd poetischen oder auch ironischen Werken. Und zeigt damit, wie die Technologiekonzerne schon jetzt unsere Träume, Wünsche, Bewusstseinsströme, Werte kapern. Schockierend daran: Das ist alles andere als Science Fiction. Das ist jetzt schon – Gegenwart.  

Die Ausstellung "I am here to learn"
im Frankfurter Kunstverein
vom 15.02.- 08.04.2018
Weitere Informationen

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