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Buchkritik | Beitrag vom 04.12.2020

Frank Westerman: "Was uns zu Menschen macht"Auf der Suche nach sich selbst

Von Michael Lange

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Buchumschlag "Was uns zu Menschen macht" von Frank Westerman (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)
Journalist Frank Westerman will die Ursprünge der Menschheit erkunden. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

Lebendig geschriebene Reportagen sind das Markenzeichen des niederländischen Journalisten Frank Westerman. In seinem neuen Buch nimmt er seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise zum Ursprung des Menschen.

Zufällig oder bei professionellen Grabungen kommen immer wieder menschliche Knochen zum Vorschein, die dann ein neues Licht werfen auf die Geschichte der Menschheit. Sie sollen erklären helfen, wer wir sind, woher wir kommen und was den Menschen ausmacht.

Als Gastschreiber der Universität Leiden setzt sich der Journalist Frank Westerman ein großes Ziel: Er will die Ursprünge der Menschheit erkunden und herausfinden, was die neuesten Erkenntnisse über das Menschsein verraten.

Fundorte und Forschende

Dabei zählt er keine Fakten auf. Auch auf Details wissenschaftlicher Diskussionen verzichtet der Niederländer. Stattdessen nimmt er seine Leserinnen und Leser mit zu den Fundorten der Knochen.

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Ausführlich und lebendig beschreibt er, was er sieht und hört. In Gesprächen mit Forschenden erkundet er eine Welt voller interessanter Entdeckungen - geprägt von großem Wissensdurst, aber auch von Konkurrenz und Missgunst.

Auf die Spurensuche begibt sich Westerman mit einigen Studierenden. Gemeinsam sammeln sie Informationen und lernen so einige Pioniere der Anthropologie und deren Motivation kennen. Einer von ihnen war der niederländische Missionar Theodor Verhoeven.

Ein Pionier der Anthropologie

Die Rechercheure vertiefen sich in seine Lebensgeschichte. Der Missionar geriet in Konflikt mit seinem Kloster, heiratete und suchte in Höhlen auf der Insel Flores nach Überresten von Tieren und Menschen. Hätte er ein wenig weiter gegraben, hätte er einen der wichtigsten Funde der letzten Jahrzehnte gemacht. Denn dort, wo Theodor Verhoeven suchte, wurde später der Mensch von Flores entdeckt.

Diese Urmenschen wurden nicht viel größer als ein Meter. Eine kleine Seitenlinie der Menschheit, die den Experten bis heute Rätsel aufgibt. Diese kleinen Menschen stehen am Beginn einer Reise, bei der Westerman immer tiefer vordringt in die Welt der Knochensucher und Evolutionsforscher.

Urmenschen, Klimawandel und Genforschung

Als Reporter beschreibt er jeden Schritt seiner Suche. Und auch die Ideen der Studierenden fließen in sein Buch mit ein. Manchmal führen die Recherchen auch nicht zum Ziel und leiten weg vom Thema.

Luftverschmutzung, Klimawandel oder Genforschung erlangen vorübergehend die Aufmerksamkeit des Autors, ebenso wie das Zölibat katholischer Priester oder die Kirche der Mormonen.

Immer wieder verlässt Westerman so die Rolle des reinen Beobachters und zieht seine Leserinnen und Leser in seine Gedankenwelt hinein. So mag er sich zum Beispiel nicht damit abfinden, dass Menschen aus Sicht der Evolutionsbiologie Tiere sind.

Knochen und Geschichten

Genau dieses Mäandern ist Westermans Stärke. Denn letztlich handelt sein Buch weniger von der Geschichte der Menschheit, sondern von der Suche des Menschen nach sich selbst, nach seiner eigenen Geschichte.

Das gilt für den Reporter Frank Westerman, aber auch für die Wissenschaftler, die er trifft. Auch sie suchen nicht einfach nur nach Knochen, sondern auch nach Geschichten.

Frank Westerman: "Was uns zu Menschen macht. Eine anthropologische Detektivgeschichte"
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Aufbau, Berlin 2020
278 Seiten, 22 Euro

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