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Interview | Beitrag vom 15.04.2021

Frank Schätzing: "Was, wenn wir einfach die Welt retten?""Maßhalten ist der Schlüssel zum Erfolg"

Moderation: Stephan Karkowsky

Porträt des Autoren Frank Schätzing auf einer Brücke. (Paul Schmitz)
Reiche Länder sollen armen grüne Technologien kostenlos zur Verfügung stellen, fordert Autor Frank Schätzing. (Paul Schmitz)

Ein Thrillerautor wird zum Klimamahner: In seinem Buch "Was, wenn wir einfach die Welt retten?" beschreibt Frank Schätzing die Dramatik des Klimawandels – und zeigt auf, was getan werden muss, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Noch sei das möglich.

Stephan Karkowsky: Am 15. April erscheint das neue Buch von Bestsellerautor Frank Schätzing, wieder mal ein Thriller – aber diesmal einer, den er sich nicht ausgedacht hat. Der Titel macht das klar: "Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise". Herr Schätzing, die Fakten sind alle bekannt, Sie präsentieren die allerdings spannender, informativer und, wie ich finde, auch unterhaltsamer als jeder Klimamahner vor Ihnen. Wird das reichen, um die Welt zum Umdenken zu bewegen?

Schätzing: Nein. Das wäre Hybris, wenn ich der Meinung wäre, es würde reichen, dass ich jetzt das Buch geschrieben habe. Es ist ein kleiner Beitrag im Rahmen meiner Möglichkeiten, und meine Möglichkeiten sind vor allem die des Geschichtenerzählens. Und da wir ja in einer Geschichte leben, da wir ja täglich den Roman in unserer Wirklichkeit fortschreiben, dachte ich mir, dass diese sehr schwere Materie vielleicht am besten zu vermitteln ist, wenn man sie tatsächlich so spannend wie möglich erzählt. Denn es ist ja auch eine spannende Herausforderung, vor der wir da stehen.

"Letztes Jahr fand Klimaschutz praktisch nicht mehr statt"

Karkowsky: Aber Sie fänden es natürlich auch schade, wenn dieses Buch gar nichts bewirken könnte, oder? Was erhoffen Sie sich denn?

Schätzing: Natürlich, darum hab ich es ja geschrieben. Ich habe dafür ein anderes Buch unterbrochen, das ich schon in Arbeit hatte. Da war ich schon auf Seite 250 – ein Thriller übrigens, aber diesmal fiktionaler. Aus dem Stand heraus habe ich gedacht, du musst jetzt was tun, du musst einen Beitrag leisten, denn letztes Jahr in der Coronapandemie fand ja Klimaschutz praktisch nicht mehr statt. Da gab es hingegen so komische Diskussionen, ob man nicht die Kosten für Klimaschutz jetzt herunterfährt, weil die Pandemie so teuer ist.

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Was ich mir erhoffe, sind zweierlei Dinge. Einmal: Ich habe festgestellt, dass die Angst vor dem Thema Klimawandel, aber auch die Ignoranz einhergehen mit großen Wissenslücken. Das ist ja auch ein extrem komplexes Thema, sodass ich erst einmal versucht habe, in der ersten Hälfte des Buches Wissenslücken zu schließen oder das Thema vollumfänglich zu beschreiben: Was ist überhaupt der Unterschied zwischen Wetter und Klima, zwischen natürlichem und menschengemachtem Klimawandel? Warum ist Klimawandel keine Glaubenssache, sondern wissenschaftlich Fakt? Was sind Kippelemente, also, was kann in der Natur, im Ökosystem passieren, und wo führt es uns letzten Endes hin?

Was heißt es eigentlich überhaupt, in einer zwei, drei oder vier Grad wärmeren Welt zu leben – und das wollen wir alle nicht. Wenn man sich damit auseinandersetzt, stellt man fest, da kommen wir nämlich in die Hölle.

Handlungsoptionen für jeden Einzelnen aufzeigen

Der zweite Teil des Buches ist ganz der Aufgabe verpflichtet, die Optionen aufzuzeigen, also: Was können wir alle tun? Und die erste frohe Botschaft ist: Der Werkzeugkasten ist gut gefüllt, wir müssen also nichts fundamental Neues erfinden, sondern tatsächlich liegt alles da, wir müssen es nur implementieren und wir müssen verstehen, dass das nur im Dreiklang Gesellschaft, Wirtschaft und Politik geht.

Karkowsky: Und da findet man wirklich jede Menge Ratschläge für ein klimafreundlicheres Leben: Ökostromanbieter nehmen, die Kühlschranktür nicht zu lange offen lassen, das Wasser nicht laufen lassen beim Zähneputzen, den Fleischkonsum reduzieren. Herr Schätzing, wie streng sind Sie zu sich selbst bei den eigenen Ratschlägen?

Schätzing: So streng es geht, ich bin ja kein Dogmatiker. Es geht ja gar nicht darum, dass ich jetzt fordere, dass alle Veganer werden oder eben alle dies nicht mehr tun und das lassen. Sondern mir geht es ja darum, dass wir verstehen, dass wir maßhalten müssen, dass das Maßhalten der Schlüssel zum Erfolg ist.

Das heißt erst mal, uns aus diesem Narrativ verabschieden, in dem wir es uns gemütlich gemacht haben, von der ständigen Verfügbarkeit von allem und jedem zu jedem Zeitpunkt und zu immer billigeren Preisen. Das ist ein Bild, was wir uns hier geschaffen haben, das müssen wir dringend überdenken beziehungsweise neu erzählen.

Wir müssen lernen zu teilen

Oder eben die Erzählung vom endlosen Weltwirtschaftswachstum, dass auf einem begrenzten Raum mit begrenzten Ressourcen dennoch unbegrenzt Turbowachstum herrschen kann und Konsumüberschuss, die reine Fixiertheit auf Gewinnmaximierung und eben auf einen immer wachsenderen Konsum hin zu mehr Wertigkeit.

Dann natürlich, dass wir teilen müssen, dass wir lernen müssen, in der Welt gibt es einige wenige reiche Länder, aber es gibt sehr, sehr viele arme, die übrigens akut schon von der Klimakatastrophe betroffen sind, und dass es natürlich ohne die nicht geht. Das heißt, wir müssen schauen, wohin müssen wir grüne Technologien exportieren – und zwar kostenlos zur Verfügung stellen, damit diese Länder klimafreundlich prosperieren können, denn sie haben ja ebenso wie wir ein Anrecht darauf, dass es ihnen besser geht.

Filmszene aus Roland Emmerichs "The Day After Tomorrow": Von einer durch starken Regen überfluteten Straße flüchten Menschen sich auf die Treppenstufen eines erhöht gelegenen Gebäudes. (imago / United Archives)Roland Emmerichs Thriller "The Day After Tomorrow" von 2004 hat viel bewirkt, was das Bewusstsein für die Klimakrise angeht. (imago / United Archives)
Karkowsky: Nun gibt es ja Menschen, die behaupten, Roland Emmerich, mit dem Sie die Vorliebe teilen fürs Zerdeppern von Städten und Kontinenten in Ihren Thrillern, der habe mit seinem Klima-Thriller "The Day After Tomorrow" mehr für die Aufklärung über den Klimawandel getan als alle Weltklimakonferenzen zuvor. Das war 2004, also dasselbe Jahr, als Ihr Welterfolg "Der Schwarm" rauskam, und auch da ging es ja durchaus ums Klima. Was glauben Sie, warum das Fieberthermometer der Erde seitdem nur eine Richtung kennt, aufwärts?

Schätzing: Weil die maßgeblichen Entscheider, nämlich die Politik und die Wirtschaft, die ja bei allem Wichtigen, was die Bevölkerung tun kann, letztendlich aber die großen systemischen Weichenstellungen vornehmen müssen, weil sie dennoch nicht die Notwendigkeit erkannt haben und weil sie der Meinung waren, zugunsten des Erhalts profitabler Modelle kann man so weitermachen.

In der Politik ist es natürlich vielfach so, sie wollen gewählt werden, und dann schauen sie sich um, wie groß die Bereitschaft in der Bevölkerung zum Klimaschutz ist. Dann stellen sie fest, dass da doch sehr viele sind, die das eigentlich nicht gut finden. Und sie wissen genau, wenn sie da jetzt zu aktiv werden, dann werden sie im Zweifel nicht gewählt. Das war zu dieser Zeit so.

Wenn die Not groß ist, kann alles ganz schnell gehen

Karkowsky: Aber das wird sich auch in Zukunft nicht ändern, Herr Schätzing, das sind ja dann eigentlich schlechte Aussichten.

Schätzing: Doch, das ändert sich gerade.

Karkowsky: Was macht Sie da so optimistisch?

Schätzing: Ja, indem wir einfach in unsere Geschichte blicken. Wir sehen dort immer, dass wir – das ist ein Signum unserer Spezies –, dass wir immer auf den allerallerletzten Drücker, wenn die Not am größten ist, dann wachen wir auf, reiben uns die Augen. Und dann gehtְ es aber auch oft ganz schnell, weil Sie eine relevante Gruppe brauchen – das ist übrigens keine Mehrheit, das ist eine Minderheit, aber eine relevante Minderheit, die sagt, jetzt reicht’s, jetzt gehen wir in eine andere Richtung, und wenn die das konsequent tun, ziehen sie den großen Rest nach sich. Was Sie gerade sehen, ist, Joe Biden hat einen Green Deal, Xi Jinping hat einen Green Deal, China, Südkorea hat einen, Japan hat einen, die EU, das heißt, gerade häufen sich die Green Deals, und das könnte dazu führen, dass wir ein politisches Umdenken kriegen.

Die Hoffnung ist "noch ziemlich groß"

Karkowsky: Sie haben aber auch im Buch eine Thriller-Serie entworfen auf Grundlage der Prognosen des Weltklimarates. Darf ich das Ende verraten im Finale der letzten Staffel? Da stirbt die Menschheit nämlich aus.

Schätzing: So ist es.

Karkowsky: Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass das bis 2100 nicht passiert, was Sie da aufgeschrieben haben?

Schätzing: Die ist immer noch ziemlich groß, wenn wir in den nächsten zehn Jahren wirklich das Richtige tun: konsequent handeln und wie gesagt die Weichen dafür stellen, dass die Erde sich nicht weiter erwärmt.

Denn es ist so, das sagt der Weltklimarat auch: Wir können die ökologischen Systeme maximal stressen bis zu einer Erwärmung um zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Level, und das ist schon kritisch. Aber alles, was darüber hinausgeht, setzt Kaskadeneffekte in Gang, die wir nicht mehr kontrollieren können.

Das Problem ist eben, wenn ökologische Systeme kippen, die können Sie stressen bis zu einem gewissen Grad, dann pendeln sie sich wieder ein. Aber ab einem gewissen Punkt bewegen die sich irreversibel in eine Richtung, die uns nicht gefallen kann, und dann ist es zu spät. Dann summiert sich das sehr schnell auf drei, vier, fünf Grad auf, und dann könnten wir irgendwann aussterben, ja.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Frank Schätzing: "Was, wenn wir einfach die Welt retten?"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
336 Seiten, 20 Euro

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