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Buchkritik | Beitrag vom 26.06.2020

Franca Parianen: "Hormongesteuert ist immerhin selbstbestimmt"Ohne Hormone geht gar nichts

Von Michael Lange

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Das Cover von Franca Parianens "Hormongesteuert ist immerhin selbstbestimmt" auf orangefarbenem Hintergrund.  (Rowohlt  / Deutschlandradio)
Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen erklärt gekonnt, wie Hormone uns formen. (Rowohlt / Deutschlandradio)

Wer sich selbst und seinen Körper kennen lernen will, der muss das neue, rasant geschriebene Buch von Franca Parianen lesen. Die Neurowissenschaftlerin erklärt gekonnt, wie Hormone uns formen. Zwischendurch melden sich sogar die Hormone persönlich zu Wort.

Wenn Hormone unser Verhalten steuern, heißt das noch lange nicht, dass wir fremdbestimmt sind. Vielmehr sind die vielseitigen Botenstoffe Teil unserer Persönlichkeit. Hormone formen den Charakter und verbinden Körper und Geist zu einer Einheit.

In ihrem rasant geschriebenen, abwechslungsreichen Buch verknüpft Franca Parianen ihre Ausbildung und Erfahrung als Neurowissenschaftlerin mit ihrem Talent für lebendige Präsentation, das sie auf der Bühne in vielen Science Slams bewiesen hat.

Ohne die gängigen Vorurteile

Ihr Anliegen ist es, die allgegenwärtigen Hormone ohne gängige Vorurteile und falsche Vereinfachungen darzustellen. Denn unsere Vorstellungen von Östrogen, Testosteron oder Adrenalin sind oft von Missverständnissen geprägt. Wir betrachten Hormone als eine Art Störfunk, der uns genau dann behindert und durcheinanderbringt, wenn wir es am wenigsten gebrauchen können.

Franca Parianen räumt gründlich auf mit diesen Vorstellungen und ersetzt sie durch aktuelle Informationen aus der Wissenschaft. Ohne die genau abgestimmte Choreografie unserer Hormone gäbe es weder Euphorie noch Orgasmus. Sie prägen unsere Persönlichkeit und sind verantwortlich für spontane Begeisterung, aber auch für Konzentration und Zielstrebigkeit. Kurz: Hormone halten den Laden am Laufen.

Jedes Hormon hat mehrere Jobs

Dabei hat jedes Hormon nicht nur einen Job. Östrogen ist nicht nur weiblich, sondern organisiert auch bei Männern das Sexualleben. Und Testosteron sorgt ebenso für Prügeleien und Karrierestreben bei Männern wie bei Frauen.

Oxytocin ist keinesfalls nur das "Kuschelhormon", als welches es gerne bezeichnet wird. Es sorgt ganz allgemein für Vertrauen und Miteinander. Das alles sind jedoch lediglich Einzelbeispiele, die dem Wirken der Hormone nicht gerecht werden. Es ist stets das komplexe Wechselspiel verschiedener Hormone, das auf vielfältige Weise unsere Sexualität ebenso lenkt wie unser Denken.

Unterhaltsam, klug und temporeich

Franca Parianen verbindet die unterhaltsame Präsentation eines Science Slam mit der Seriosität eines Fachbuchs. Sachliche Hintergrundinformationen und neueste Forschungsergebnisse wechseln sich ab mit schrägen Bemerkungen und lustigen Geschichten. Zwischendurch melden sich sogar die Hormone persönlich zu Wort.

Immer wieder bezieht die Autorin klar Stellung, benennt unerwünschte Wirkungen von Pille und anderen Hormontherapien. Sie fordert Gleichberichtigung von Frau und Mann in Medizin und Wissenschaft und kritisiert die ungebremste Verbreitung hormonähnlicher Stoffe in der Umwelt.

Das Tempo, das die junge Neurowissenschaftlerin auf etwa 500 Seiten an den Tag legt, kann Lesende gelegentlich überfordern. Sie wirft mit griffigen Formulierungen und Sprachbildern nur so um sich. Aber bei den Fakten bleibt sie kompromisslos. Ein Parforceritt durch die Welt der Hormone, unterhaltend und voller interessanter Informationen.

Franca Parianen: "Hormongesteuert ist immerhin selbstbestimmt"
Rowohlt Polaris, Hamburg 2020
544 Seiten, 18 Euro

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