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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.12.2016

Fotos von Robert Doisneau in Berlin"Mit dem Blick auf das Hässliche entsteht Schönes"

Von Jochen Stöckmann

Ein Mann steht in der Ausstellung mit Werken des französischen Fotografen Robert Doisneau im Martin-Gropius-Bau. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Ein Mann steht in der Ausstellung mit Werken des französischen Fotografen Robert Doisneau im Martin-Gropius-Bau. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)

Robert Doisneau gehört zu den berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Im Martin Gropius-Bau in Berlin werden jetzt Fotos von ihm ausgestellt, die sein überraschend differenziertes Lebenswerk zeigen.

Ein Bistrotisch, dahinter das Rathaus von Paris – und auf dem Gehweg ein junges Paar, das sich küsst. Im Vorbeigehen, lässig und intensiv. So kennt man den Fotografen Robert Doisneau, mit diesem Postkartenmotiv wirbt der Berliner Martin-Gropius-Bau für seine Ausstellung. Und erntet Widerspruch von Doisneaus Tochter Francine Deroudille:

"Das Foto hat ihn überhaupt nicht interessiert. Mit dem Auftrag von "Life" war das Thema  vorgegeben: junge Franzosen wagen es, sich in aller Öffentlichkeit zu küssen."

Um genau diese bestellten Klischees, um Doisneau als Fotografen des "Paris sucré", des süßen Pariser Lebens geht es nicht. Sondern um den Chronisten der Vorstädte, den professionellen Fotografen, der – selber in der banlieue aufgewachsen – an die Orte seiner Kindheit zurückkehrt. Ohne Auftrag.

"Seine Fotografien sah er als Selbstporträts. Er erzählt von seinem Viertel, die anderen von ihrer vertrauten Umgebung. Ganz ohne Nostalgie. Nicht: früher war es besser. Sondern: so ist es."

450.000 Negative sind im Nachlass

Doisneau, der als Werksfotograf bei Renault begonnen hatte, war Handwerker. Formulierungen wie "Nostalgie" kamen ihm nicht in den Sinn, er nannte es ganz einfach "Gedächtnisschwäche, das Falschgeld der alten Leute". Dagegen setzte der Fotograf die kleine, aber harte Münze seiner Schwarzweißaufnahmen.

450.000 Negative sind im Nachlass des Atelier Doisneau. Mit einer kleinen Auswahl demonstriert diese Wanderausstellung exemplarisch seinen Blick auf die 40er-, 50er-Jahre. Kriegs- und Nachkriegszeit, wie sie wirklich war: Verängstige Pariser, die in den Metroschächten Schutz vor Bombenangriffen suchen. Ein Pferd, zusammengebrochen auf dem Trottoir, umringt von hilflosen Passanten. Sinnbild für das von Nazideutschland in die Knie gezwungene Frankreich. Dann – nach der Befreiung – Kinder, die ihren Bollerwagen mit Laub und Zweigen tarnen, "Camouflage" spielen: wie sie es zuvor an deutschen Panzern gesehen hatten.

Da zeigt sich der Menschenkenner, der aufmerksame Beobachter. Nur hatten Magazine und Zeitungen kaum Verwendung für diese wenig "aktuellen" Motive. Bis dann ein junger Kunsthistoriker 1983 im Gespräch mit Robert Doisneau auf die ungehobenen Schätze aufmerksam wurde.

"Jean-François Chevrier wollte wissen: wie sind die Fotos entstanden, welche Recherche, welche Idee stand dahinter? Seine Fragen begleiten uns heute bei der Suche in den Archivkästen."

Fast schon exotische Details

Die jetzt gezeigten Bilder, 2010 zusammengestellt für eine Pariser Schau, waren größtenteils längst veröffentlicht, nämlich 1959. Aber der Bildband über das Alltagsleben in der Banlieue mit Texten des Schriftstellerfreundes Blaise Cendrars interessierte kaum jemanden:

"Es ist nicht die Welt des Glamour, des sozialen Aufstiegs, des Konsums. Sondern das Gegenteil. Aber mit diesem Blick auf das Hässliche entsteht etwas außerordentlich Schönes."

Doisneau lenkt den Blick auf sprechende, aus heutiger Sicht irritierende, fast schon exotische Details: Kinder, die am zugefrorenen Kanal Kohle sammeln. Metzger im Schlachthof, die nach Feierabend andächtig dem Akkordeonspieler in der Eckkneipe lauschen. Die seltsam abstrakte Geometrie der Vorstadthäuser oder das bizarre Formenspiel der Bauruinen. Diese Bildästhetik setzt der Fotograf gekonnt ein.

"Hier das Handwerk, da die Kunst – diese Zweiteilung war nichts für meinen Vater. Er hat beides in seiner Person aufs innigste verschmolzen. Er konnte Auftragsarbeiten für die Industrie erledigen und auf dem Rückweg spontan ein Mädchen fotografieren, das über den Rinnstein springt."

Es ist ein doppelter Doisneau, ein überraschend differenziertes Lebenswerk, das hier sichtbar wird. Wenn man sich nicht von den Postkartenmotiven ablenken lässt. Und wenn man ausdauernd hinschaut. Denn zu einem Katalog hat es – wieder einmal – nicht gereicht. Dafür war einfach kein Geld da.

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(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 19.01.2013)

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