Fotokünstler Horst Wackerbarth

    "Ich bin ein Menschensammler"

    33:31 Minuten
    Horst Wackerbart mit seiner Couch auf einer Pferdekutsche an einem Strand im Senegal 2020.
    Wackerbart und sein Sofa haben schon die ganze Welt bereist, gemeinsam waren sie auf Gletschern, in der Wüste, auf afrikanischen Bäumen. © Horst Wackerbarth
    Moderation: Ulrike Timm · 30.09.2021
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    Seit über 40 Jahren reist Horst Wackerbarth mit einem roten Sofa um den Globus und fotografiert Menschen in ungewöhnlichen Situationen. 1200 Menschen aus 43 Ländern sind zusammengekommen. "Galerie der Menschheit" nennt Wackerbarth sein Lebensprojekt.
    "Sie hat mich in Geiselhaft genommen. Sie spielt eine unheimlich große Rolle in meinem Leben." Mit "sie" meint Horst Wackerbarth nicht etwa eine Frau, sondern sein rotes Sofa. Seit über 40 Jahren leben beide in einer Art Beziehung. Geht der Fotokünstler auf Reisen, ist die rote Couch mit dabei, oder umgekehrt? In jedem Fall haben Wackerbart und das Mobiliar die ganze Welt bereist, gemeinsam waren sie auf Gletschern, in der Wüste, auf afrikanischen Bäumen.
    Seit 1979 macht er das. Das Sofa solle nach Möglichkeit nie ausgetauscht werden. "Ich kann jedem Fleck eine Geschichte zuordnen." Mit dem jetzigen Sitzmöbel ist Wackerbarth seit 1996 "zusammen". Davor brannte eines ab, eines verschwand im Meer, ein anderes Sofa wurde versehentlich entsorgt.

    Stargeiger auf dem Müllplatz

    "Galerie der Menschheit" nennt der Künstler sein Lebensprojekt. Was es vor allem so besonders macht: Wackerbarth fotografiert Menschen aller Gesellschaftsschichten, meist in sehr ungewöhnlichen Situationen, die rote Couch ist immer dabei. "Es ist schon fast ein bisschen vermessen von einer Galerie der Menschheit zu sprechen. Aber dieses Sofa ist ein Thron, der alle Menschen auf Augenhöhe bringt. Ich achte immer darauf: Wenn du einen Milliardär hast, brauchst du einen Bettler. Wenn du einen Nobelpreisträger hast, brauchst du einen Analphabeten."
    Über 1200 Menschen haben auf seinem Möbel schon Platz genommen. Den Violinisten Yehudi Menuhin fotografierte Wackerbarth auf einer Müllhalde. Zwischen Abfall und Baggern hält der Musiker Noten in der Hand. Warum in dieser Umgebung?

    "Was ist deine größte Angst?"

    "Du kannst nicht einen Yehudi Menuhin, so einen berühmten Geiger, Komponisten und Dirigenten, in einem Konzertsaal fotografieren. Das ist völlig albern, es ist völlig überflüssig. Wenn du die Person aber auf einem Müllplatz platzierst, und er liest inmitten dieses Abfalls aus einer Bachpartitur, entsteht eine ganz andere Bedeutungsebene, ganz andere Sichtweisen, es entsteht eine ganz andere Inspiration."
    Seine Art der Bildkomposition, "ist ein fließender Übergang zwischen Dokumentation und Inszenierung", erzählt Wackerbarth.
    Zu den Porträtbildern auf seinem roten Sofa, gehören auch Gespräch mit den jeweiligen Protagonisten. Egal ob Michail Gorbatschow oder der Fischer aus Gambia, allen stellt er Fragen wie: "Was macht das Leben lebenswert?" Und: "Was ist deine größte Angst?"
    Der Fischer wäre ein gutes Beispiel dafür, was vor allem hinter seinem Lebenswerk stecke. Über all die Jahrzehnte sei seine Arbeit nämlich auch eine Erzählung der Welt. So habe er den Fischer aus Gambia deshalb portraitiert, um sich mit dem Thema "Flucht" zu beschäftigen.

    "Ich war schon ein ziemlicher Arsch"

    Also "suchte ich mir einen Protagonisten, der dafür glaubwürdig stehen kann. Ich weiß, dass viele Menschen aus Gambia versuchen, nach Europa und Deutschland zu kommen. Warum ist das so? Weil dort die meisten Fanggründe leergefischt sind, übrigens auch von der EU."
    Aus all diesen Begegnungen, ob auf venezolanischen Äckern oder in russischen Plattenbausiedlungen, habe der Fotokünstler vor allem eines erkannt: "Wir Menschen haben viel mehr gemeinsam. Wir teilen viel mehr, als uns Religion, Einkommensstufen, Hautfarben, vor allem Nationalitäten weismachen wollen."
    Zwischenzeitlich jobbte Wackerbarth auch als Modefotograf. "Ich war mal arm, hatte kein Geld. Irgendwann wollte ich mal richtig Kohle haben, Frauen, Koks und Autos. Ich war schon ein ziemlicher Arsch in dieser Zeit." Heute brauche er das alles nicht mehr: "Der ganze Konsumscheiß geht mir ziemlich auf die Nerven."
    Horst Wackerbarth mit seinem roten Sofa auf einer einsamen Landstraße in Island 2003.
    Mit dem jetzigen Sitzmöbel ist Wackerbarth seit 1996 "zusammen". Davor brannte eines ab, eines verschwand im Meer, ein anderes Sofa wurde versehentlich entsorgt.© Horst Wackerbarth
    Die Begegnungen und Gespräche auf dem roten Sofa, die könnten für Wackerbarth dagegen noch lange weitergehen. "Ich bin ein Menschensammler aus Fleisch und Blut. Für mich ist jeder Mensch, ob Neonazi, Gefängnisinsasse oder ein Heiliger wie Yehudi Menuhin, jede Produktion ist für mich ein ganz großes Abenteuer."
    (ful)
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