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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 08.06.2016

Fotokünstler Arwed MessmerVisueller Chronist deutscher Geschichte

Moderation: Ulrike Timm

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Arwed Messmer, Fotograf und Künstler (privat)
Arwed Messmer, Fotograf und Künstler (privat)

Deutsche Geschichte mit Bildern erzählen: Das ist die Spezialität des Fotokünstlers Arwed Messmer. Sein Experimentierfeld ist Berlin. Was fasziniert ihn daran, Archivbilder zu neuem Leben zu verhelfen?

Geschichte habe ihn schon immer interessiert, erzählt der 1964 geborene Arwed Messmer. Der Fotograf entdeckte 1995 zufällig rund 5000 Fotos der Berliner Mauer in einem Militärarchiv. Die Fotos hatten DDR-Grenzer Mitte der 60er-Jahre geschossen, um den damaligen Ist-Zustand der Mauer zu dokumentierten.

Nach jahrelanger Sichtung und Archivierung dieser Fotos haben Arwed Messmer und die Schriftstellerin Annett Gröschner jetzt in zwei aufwendigen Bildbänden und einer Ausstellung die kompletten 160 Kilometer Mauer, die West-Berlin umgeben haben durch Einzelbilder, Panoramen, Textcollagen und Skizzen wieder entstehen lasse. Und zwar aus der DDR-Perspektive:

"Ich bin der Meinung, dass man ohne auch nur eine Zeile gelesen zu haben, ganz viel von der Mauer versteht, was es eben bedeutet, 160 Kilometer wirklich auch abzuriegeln, was das für ein wahnsinniger logistischer Einsatz ist, ein Materialaufwand, und es ist bei aller Sprödigkeit des Materials doch ein sehr emotionaler Zugang. Das ist zumindest das Ziel."

Erstmals kann der Betrachter jetzt mit den Augen der Grenzer in das Westberlin der Mauerzeit blicken. Ein bemerkenswerter Positionswechsel, mit dem Messmer "frei von Empörungsrhetorik" im besten Fall eine Veränderung "des kollektiven Bildgedächtnisses" erreichen möchte.

In Zukunft will sich der preisgekrönte Fotokünstler nach den langen Jahren der Berlin und DDR-Geschichte mit dem Linksterrorismus in Westdeutschland beschäftigen. Auch in diesem Fall werden Archivfotos erneut eine große Rolle spielen:

"Es gab ein Foto, dass ich durch Zufall im Polizeiarchiv in die Finger bekam. Das waren die Wildlederschuhe von Rudi Dutschke in der Hohlkehle der Berliner Polizei, also im Fotostudio fotografiert als table top - als Produktfoto sozusagen, und das war für mich der Ausgangspunkt. Ich habe immer gezögert, weil das so ein sensibles und breitgewalztes Thema ist, und ich brauchte sozusagen einen Auslöser und dieses Bild war der Auslöser, das jetzt doch in Angriff nehmen zu wollen."

Die Ausstellung "Inventarisierung der Macht – Die Berliner Mauer aus anderer Sicht" ist bis zum 14.o8. 2016 im Berliner Haus am Kleistpark zu sehen.

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