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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.09.2015

Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-HeidelbergWarum die ganze Gesellschaft prekarisiert ist

Von Thomas Frank

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Mehrere Euro-Banknoten liegen auf einem Tisch. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)
Geld ist ein Thema des Fotofestivals (dpa / picture alliance / Jan Woitas)

Bei dem Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg wird in diesem Jahr über die "prekären Felder" unserer Gesellschaft nachgedacht. Dabei geht es um mehr als nur um prekäre Arbeitsverhältnisse und soziale Unsicherheit.

Der kleine abgedunkelte Raum im Mannheimer "Zephyr" ist in UV-Licht getaucht. Man darf ihn nur mit Schutzbrille betreten. Die Foto-Tableaus aus Polaroids und Schwarzweiß-Fotografien hingegen sind ungeschützt. Sie zeigen verlassene Baustellen, unfertige Gebäude oder umzäunte Brachflächen, die zum Verkauf stehen – alles Relikte der spanischen Immobilienkrise, die im grellen Sonnenlicht dahindämmern. Das UV-Licht brennt die Fotografien nach und nach aus, am Ende der Ausstellung wird kaum noch etwas zu erkennen sein. "Standards & Poors" hat der französische Fotokünstler Sylvain Couzinet-Jacques seine Arbeit betitelt:

"Und er spielt damit an erstens auf den überhitzten Immobilienmarkt und zweitens auch auf die brennende Sonne in Spanien."

Urs Stahel, Kurator des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg:

"Und auf der anderen Seite hat er Arbeiten, die sind mit ganz dickem Glas, fast so Panzerglas eingekleidet, und das Glas ist noch eingefärbt, als wären es die Gläser von fetten Limousinen oder von Sonnengläsern von Immobilienhändlern, die sich in Spanien umschauen. Dahinter, hinter diesen Gläsern, sieht man aber nur Baustellen von nie vollendeten Gebäuden."

Immobilien als Machtsymbole und Architektur als Waffe

Die zerstörerischen Kräfte des Immobilien-Crashs überführt Couzinet-Jacques in eine innovative Ästhetik der Zersetzung und Zerstörung. Damit zählt "Standards & Poors" zu den imponierendsten Arbeiten des Fotofestivals. Genauso wie die Ausstellung im "Zephyr" selbst. Ihr Thema: "Urbanismus & Real Estate". Sie demonstriert, wie Immobilien als Machtsymbole und Architektur als Waffe eingesetzt werden.

"Es wird ganz eindeutig Architektur auch als Teil des Brands benützt [...] und man setzt es ein als Investition. Man baut ein Gebäude wie die Gurke in London, das war ein Gebäude einer Schweizer Versicherungsgesellschaft, man baut es für 300 Millionen, man benutzt es als Symbol für ein paar Jahre und verkauft das gleiche Gebäude dann für 3 Milliarden und hat einen gigantischen Gewinn gemacht."

Insgesamt sieben Themen präsentiert das Fotofestival in sieben Ausstellungshäusern in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg. Themen, die momentan politisch und gesellschaftlich brisanter nicht sein könnten: Hoch-Technologie, Gewalt, Geld, Wissen, Kommunikation und Selbstbilder von heute. Kurator Urs Stahel nennt sie "prekäre Felder". Er versteht darunter aber nicht nur prekäre Arbeitsverhältnisse und soziale Unsicherheit. Laut Stahel ist die ganze Gesellschaft prekarisiert, ohne dass wir es richtig wahrnehmen:

"Wir weigern uns häufig, sie uns genauer anzuschauen, weil wir unserem Alltag nachgehen, wir alle, auch ich, aber wir sollten sie uns anschauen, weil da so untergründig sich langsam Dinge entwickeln, die größeres Ausmaß haben werden."

Wissenshoheit von Archiven hinterfragt

So auch in der Sphäre von "Wissen, Ordnung und Macht", die im Mannheimer "Port25" beleuchtet wird. Hier macht die israelische Künstlerin Ilit Azoulay in ihrer beeindruckenden Wandarbeit "Shifting Degrees of Certainty" – "Gleitende Gewissheiten" – auf die Manipulation von Wissen aufmerksam, die auch in Museen stattfindet. Mit einem Puzzle aus 85 Fotos in unterschiedlichsten geometrischen Formen.

Sie zeigen Objekte und architektonische Fragmente – aufgenommen in deutschen Städten wie Berlin, Dessau oder Regensburg. Von Treppenfluren über Grabsteine bis hin zu ausgestopften Giraffen im Schaufenster. Zu jedem Objekt hat Azoulay eine Geschichte geschrieben, der man mit einem Audioguide lauschen kann. Aber stimmt das, was uns da erzählt wird?

"Zum Teil lasse ich in den Geschichten Dinge wahr werden, die es in Wirklichkeit nicht gegeben hat. Ich würde aber nicht sagen, dass es sich dabei um eine Lüge oder eine Fiktion handelt, sondern vielmehr um etwas, das hätte passieren können."

Ilit Azoulay mischt Fiktionen mit historischen Fakten, hinterfragt die Wissenshoheit von Archiven und Museen, verwandelt Geschichtsschreibung in ein kontrafaktisches Spiel, also Spekulationen, wie Geschichte anders hätte verlaufen können. Ebenfalls prekär: die Überwachung und Kontrolle unserer Kommunikation und unseres sozialen Lebens durch Geheimdienste oder globale Digitalkonzerne. Davon zeugt die Ausstellung im Heidelberger Kunstverein.

So widmet sich die multimediale Installation "AutoVision" des kalifornischen Medienkunst-Kollektivs "ExpVisLab" der Überwachung von Menschen durch autonome Roboter-Kameras. Sie durchsuchen den Ausstellungsraum nach den Gesichtern der Besucher und fotografieren sie. Die Bilder erscheinen auf den Leinwänden und formen schwebende 3D-Architekturen. Über eine bloße technologisch-digitale Spielerei geht "AutoVision" allerdings nicht hinaus.

Doch trotz schwächerer Kunstwerke ist Urs Stahel eine hochkarätige Foto-Schau gelungen. Sie animiert dazu, sich mit den gesellschaftlichen und politischen Problemen ernsthaft und intensiv auseinanderzusetzen. Damit kämpfen die rund 50 Künstler auch gegen unseren Zeitgeist an. Obwohl wir von den dramatischen Zuständen auf der Welt wissen, wollen wir uns nicht näher mit ihnen befassen. Es dominiert die Hoffnung auf ein "american ending", also ein Pseudo-Happy-End. Wenn sich diese Haltung aber nicht ändert, wird die Welt endgültig in ein Drama stürzen.

 

Kulturpresseschau

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