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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.04.2017

Fotoausstellung in Frankfurt am MainPostmoderne Blicke auf die Realität

Von Rudolf Schmitz

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"Fotografien werden Bilder - Die Becher-Klasse" im Kunstmuseum Städel  (picture alliance/dpa/Foto: Arne Dedert)
Porträtaufnahmen des Becher-Schülers und Künstlers Thomas Ruff im Frankfurter Kunstmuseum Städel (picture alliance/dpa/Foto: Arne Dedert)

Ob Andreas Gursky, Candida Höfer oder Thomas Ruff - sie alle waren Schüler von Bernd und Hilla Becher und eroberten mit ihren zumeist großformatigen Fotografien die Kunstszene. Unter dem Titel "Fotografien werden Bilder" zeigt das Städel-Museum in Frankfurt am Main nun 200 Werke.

Klein, bescheiden, schwarzweiß fängt alles an. Mit den seriellen Fachwerkhäusern, Hüttenanlagen und Kohlesilos der Bechers, frontal aufgenommen, vor gleichmäßig neutralem Himmel. Mit den zentralperspektivisch fotografierten Straßen von Thomas Struth. Oder mit den kleinen Eisenbahnunterführungen im Bergischen und Märkischen Land von Volker Döhne, einem der weniger bekannten Becher-Schüler. Was war nun bei Bernd und Hilla Becher zu lernen, was prägte den Blick der jungen Fotografen, deren Lehrer mit der unhandlichen Plattenkamera unermüdlich eine untergegangene Industriekultur dokumentierten? Wodurch sind Sie beeinflusst worden, Herr Döhne?

"Bestimmt durch das Großformat, was präferiert wurde. Weil, wenn Sie mit dem Stativ arbeiten, was dann zwingend ist, kommen Sie in ganz andere Situationen des Beobachtens. Und dann auch der Begriff des Bildes, den der Bernd immer ganz besonders betont hat. Grade im Hinblick auf die Malerei, dass er auf die Niederländer als Vorbild verwiesen hat, das war dann sehr maßgeblich."

Alles ist da - nur die Menschen muss man suchen

Volker Döhne ist einer der Ersten, der es dann mit Farbfotografie versucht. Kleine Formate, 37 mal 47 Zentimeter, gelb-rot-blaue Autos vor strengen grauen Hausfassaden, das kleine, farbig gefasste Glück der Schrebergartenbehausungen. Und was auffällt, schon in der frühen Zeit der Becher-Schüler: Es sind Bilder fast ohne Menschen. Die Lebensumstände, die Siedlungsarchitekturen, die Grünanlagen sind da, die Menschen muss man suchen.

Döhne: "Viele haben ja früher den Menschen auch in seiner Bewegung – denken Sie an Otto Steinert oder die ganzen Leute, die in der Nachkriegszeit gearbeitet haben – thematisiert. Und hier sind Menschen thematisiert, aber die sind dann so eingefroren, sagen wir mal, wie jeder andere Gegenstand auch."

Candida Höfer ist bekannt geworden durch elegisch fotografierte Orte der Kultur: Museen, Bibliotheken, fotografiert in aller Frühe, ganz ohne Besucher und Benutzer. Hier sieht man überraschenderweise auch ihre 1979 entstandene Serie "Türken in 'Deutschland". Eine Werkserie voller Menschen: Türken vor ihren Geschäften, im Familienkreis, beim Picknick. Die Fremdheit, die wir erst heute als Problem wahrnehmen, ist da schon mit Händen zu greifen.

Die Ausstellung im Städel zeigt nicht nur die ikonisch gewordenen Bilder der Becher-Klasse, sondern auch die Jahre der Entwicklung. Wie sie wurden, was sie heute sind. Kurator Martin Engler:

Engler: "Uns war es sehr wichtig zu verstehen, was ist wirklich dieser Moment der Becher-Schule und ich glaube, was man zeigen kann: dass diese Loslösung vom Einzelbild, dieses Aufsplitten der Perspektive, dieses Arbeiten in Serien, in Typologien, dass das der Impuls ist. Ein typisch postmoderner Blick auf die Realität. Der die Becher-Schüler, aber auch viele Generationen von bildenden Künstlern der Fotografie, in der Malerei nach ihnen wesentlich beeinflusst hat."

Geheimnisvolle karge Landschaften

Mit den beginnenden 90er-Jahren kommen dann die großen Formate, kommen die digitale Fotografie und ihre Bearbeitung. Auch heute, wo fast jeder mit Photoshop-Methoden vertraut ist, lösen die Bilder noch Staunen aus: die geheimnisvollen kargen Landschaften von Axel Hütte, die Museums- und Familienbilder von Thomas Struth, die Börsensäle und Pradashops von Andreas Gursky.

"Auch diese Bilder werden immer noch oder wurden angegriffen als Lügen, weil sie eben die Wirklichkeit verändern, aber diese Fähigkeit, die Wirklichkeit als Fiktion in der Kunst zu benutzen, das ist etwas, was die Becher-Schüler ausmacht, was auch ausstrahlt, auch auf die Malerei unserer Gegenwart und andere bildgebende Verfahren."

Die Wirklichkeit, als Fiktion behandelt, steigert den Erkenntniswert des fotografischen Bildes. Das ist die merkwürdige und bahnbrechende Entdeckung der Becher-Klasse. Ebenso wie Jörg Sasse verfremdet Thomas Ruff schließlich gefundene und anonyme Fotografien, um unsere Bild- und Wirklichkeitsauffassung noch nachhaltiger zu irritieren und genussvoll durchzuschütteln. Seine ersten digitalen Bilder, so erinnert er sich, kamen damals gar nicht gut an.   

"Nee, das war damals einfach eine Sensation. Als ich meine ersten großen Porträts ausgestellt habe, waren die Leute schockiert. Sowas hatten die noch nie gesehen, so eine Präzision, so eine Brillanz, so eine piktoriale Qualität war total anders als Malerei, Siebdruck und andere Medien. Also die Leute waren damals echt schockiert." 

Dieses vom Frankfurter Städel-Museum inszenierte Klassentreffen serviert auf gekonnte Art beides: die Erinnerung daran, wie alles anfing, und den Moment, als die Becher-Schüler den Knopf drückten, um sich in neue Bildräume zu katapultieren. 

Die Fotoausstellung "Fotografien werden Bilder" im Städel-Museum in Frankfurt am Main ist bis zum 13. August zu sehen.

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