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Zeitfragen | Beitrag vom 02.07.2020

Forschung zum CoronavirusWie Umweltzerstörung neue Pandemien begünstigt

Von Sven Kästner

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Großaufnahme einer Fledermaus, die in behandschuhten Händen gehalten wird. (Getty Images / Los Angeles Times / Carolyn Cole)
Laut Weltgesundheitsorganisation deutet alles darauf hin, dass das Coronavirus seinen Ursprung bei Fledermäusen genommen hat. (Getty Images / Los Angeles Times / Carolyn Cole)

Weltweit versuchen Forschende, die Ausbreitung des Coronavirus zu rekonstruieren. Klar ist: Der Erreger hat seinen Ursprung in Tieren. Die Wissenschaft sieht zudem unsere Wirtschaftsweise und ihre Folgen als Faktor bei der Entwicklung von Seuchen.

Deutschland, Anfang Januar. Die Medien berichten über eine mysteriöse Lungenkrankheit im chinesischen Wuhan – es sind Randnotizen in den Nachrichten. Buschbrände in Australien, der Konflikt zwischen den USA und Iran sind zu Jahresbeginn die bestimmenden Themen.

Zwar warnen erste Experten vor einem neuen Virus, den die Fachwelt SARS-CoV-2 tauft. Doch sie finden wenig Gehör. Noch können die Forschenden wenig sagen, eines aber vermuten sie schnell: Das Coronavirus ist von Tieren auf den Menschen übergesprungen.

Deutschland, Anfang Juli. Ein halbes Jahr nach den ersten Berichten, kennt das Land kaum ein anderes Thema. Mehr als zehn Millionen Menschen haben sich weltweit infiziert, mehr als 500.000 sind gestorben. Abstandsregeln, Ausgangsbeschränkungen, verwaiste Innenstädte – das Virus hat die Welt verändert.

Und noch immer gibt es Forschenden viele Rätsel auf. Doch der Verdacht vom Jahresbeginn zur Herkunft des Virus hat sich verdichtet: Forschende konnten belegen, dass Sars-CoV-2 Erregern ähnelt, die sich in der Java-Hufeisennase eingenistet haben. Eine Fledermausart, die in Asien zu Hause ist. 

"Es hat ja da schon recht früh auch Sequenzuntersuchungen gegeben und Vergleiche zu anderen im Labor generierten Viren", sagt Anne Balkema-Buschmann, Fachtierärztin für Virologie am Friedrich-Löffler-Institut. 

"Und da konnte gezeigt werden, dass das kein im Labor entstandenes Virus ist, sondern ein aus der Natur übergesprungenes Virus. Man hat in Fledermäusen in China sehr eng verwandte Coronaviren nachgewiesen. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit ist schon sehr groß, dass auch dieses Virus aus solchen Fledermäusen stammt."

Wildtier auf dem Markt als Zwischenwirt wahrscheinlich

Den Weg zum Menschen hat der Erreger vermutlich über einen Zwischenwirt gefunden. Welches Tier das ist, konnten Wissenschaftlerinnen noch nicht abschließend klären. Doch sie haben eine Vermutung: Es war ein Wildtier, das auf dem Markt von Wuhan angeboten wurde.

Dort schlachten Händler direkt vor Ort unter zum Teil unhygienischen Bedingungen. Der enge Kontakt hat wahrscheinlich dazu geführt, dass der Erreger einen Menschen infiziert hat. Und damit ist klar: Die Lungenkrankheit Covid-19, die das Coronavirus auslöst, gehört zur Gruppe der Zoonosen.

"Das kommt aus dem Altgriechischen. Was praktisch so viel bedeutet wie Tier und eben Krankheit", erklärt Carola Sauter-Louis, Fachtierärztin für Epidemiologie am Friedrich-Löffler-Institut.

"Es gibt ganz, ganz viele Krankheiten, die zu den Zoonosen gehören. Allen voran zum Beispiel Tollwut. Oder genauso Tuberkulose oder Brucellose. Es gibt zum Beispiel Viren, die eben vom Tier auf den Menschen übertragen werden - das sind eben solche Krankheiten wie Ebola oder Gelbfieber oder auch die Hantaviren oder Influenzaviren. Oder ganz vor kurzem eben das West-Nil-Virus."

Die Wissenschaft kennt etwa 1500 Krankheitserreger, die Menschen anstecken können. Mehr als zwei Drittel davon sind Zoonosen. Die Erreger wechseln entweder, wenn Wirtstier und Mensch direkt in Kontakt kommen. Oder sogenannte Vektoren übertragen sie: Zwischenwirte, die nicht selbst erkranken. Etwa der Rattenfloh, der den Pesterreger von Nagetieren zum Menschen bringt.

Nachzulesen auch in "Die Pest" von Albert Camus:
Am Morgen des 16. April trat der Arzt Bernard Rieux aus seiner Wohnung und stolperte mitten auf dem Flur über eine tote Ratte. Im Augenblick schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und stieg die Treppe hinunter. Aber auf der Straße fiel ihm ein, die Ratte sei dort oben nicht recht am Platz, und er kehrte zurück, um den Hauswart zu benachrichtigen. An der Reaktion des alten Herrn Michel merkte er erst, wie ungewöhnlich seine Entdeckung war. Ihm war die Gegenwart dieser toten Ratte nur seltsam vorgekommen, während sie für den Hauswart einen Skandal bedeutete. Seine Haltung war übrigens eindeutig: Es gab keine Ratten im Haus, sie mussten hereingebracht worden sein. Es konnte sich nur um einen Bubenstreich handeln.

Albert Camus erzählt in seinem Roman, wie sich eine nordalgerische Hafenstadt ein Jahr gegen die Seuche stemmt. Und davon, dass die ersten Anzeichen der Epidemie nicht ernst genommen werden.

Die älteste bekannte Pandemie soll im Mittelalter mehr als ein Drittel der Europäer dahingerafft haben. Damals ahnten die Menschen nicht, woher die Krankheit kommt und wie sie sich überträgt. Viele schriftliche Quellen überliefern die Ausbrüche: Testamente, Grabstein-Inschriften oder die Novellen des "Decamerone" von Giovanni Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert. Dass damals tatsächlich die Pest grassierte, steht noch gar nicht so lange fest.

"Wir haben ja seit ungefähr 10, 15 Jahren auch die Möglichkeit, historische Krankheitserreger buchstäblich nachzuweisen", sagt Karl-Heinz Leven, Medizinhistoriker an der Universität Erlangen.

"Denn in den Zähnen, in der Pulpa des Zahnes sind die Pesterreger oder andere Krankheitserreger wie in einem kleinen Tresor eingeschlossen. Und selbst nach vielhundertjährigem Aufenthalt in der Erde kann man noch Bruchstücke, manchmal sogar ganze genetische Anteile von Erregern nachweisen. So hat man in den letzten Jahren zunehmend häufiger in Pest-Friedhöfen aus der frühen Neuzeit, teilweise auch aus dem Spätmittelalter, dem 14. Jahrhundert, hat man tatsächlich dann doch Yersinia Pestis nachweisen können."

Gemälde von Giuseppe Crespi, auf dem eine Frau im Bett sich nach Flöhen absucht. (Picture Alliance / Prisma Archivo / Giuseppe Crespi)"Frau auf der Suche nach Flöhen" heißt das Barockgemälde von Giuseppe Crespi - ein Rattenfloh gilt als Überträger der mittelalterlichen Pest. (Picture Alliance / Prisma Archivo / Giuseppe Crespi)

Nach den ersten Infektionen breitete sich die Krankheit in einer mittelalterlichen Stadt rasend schnell aus. Die Bedingungen waren ideal: Ein Erreger, der vorher in dem Gebiet nicht existierte, traf auf eine Bevölkerung ohne Immunität. Zudem lebten die Menschen auf engstem Raum zusammen. 

"Die erste Welle des Schwarzen Todes war wie ein Hammerschlag", erzählt Karl-Heinz Leven. "Das heißt: Man erfährt praktisch nichts über irgendeine Art von regelhafter Bekämpfung. Das war so eine Katastrophe. Man muss sich vorstellen, dass innerhalb von wenigen Monaten in einer Stadt wie Florenz mehrere zehntausend Menschen gestorben sind. Jetzt stellen Sie sich vor, innerhalb von drei Monaten sterben in einer Stadt von 100.000 Einwohnern 30.000."

Prinzipien des Pest-Regiments bis heute gültig

Um für wiederkehrende Epidemien gewappnet zu sein, führten die Städte ein Pest-Regiment ein. Dessen Prinzipien haben sich bis zu heutigen Quarantäne- und Shut-Down-Verordnungen gehalten: Einwohner durften ihre Stadt nicht verlassen, Fremden war der Zutritt verboten. Kranke wurden isoliert und Pest-Spitäler eingerichtet. Die meisten der Infizierten dort starben.

"Man hatte ja keine Ahnung, was da genau los ist im Körper. Die Vorstellung, einen lebenden Erreger zu haben oder so was, das gab es ja nicht. Man glaubte, das ist so eine Art Gift. Man hat versucht die Sachen, von denen man glaubte sie seien verdächtig, abzuwaschen - mit Essig oder mit anderen Sachen. Man hat geräuchert mit aromatischen Substanzen. Immer unter der Vorstellung, hier ist irgendein Stoff, der uns krank macht, den wir neutralisieren müssen", sagt Karl-Heinz Leven.

Bakterien, Viren und Parasiten rückten erst mit der aufkommenden Mikrobiologie im 19. Jahrhundert ins Blickfeld der Mediziner. 1876 beschrieb Robert Koch den Erreger des Milzbrandes und entdeckte sechs Jahre später den Auslöser der Tuberkulose. Heute ist die oberste deutsche Gesundheitsbehörde nach ihm benannt. 

Hier am Robert-Koch-Institut in Berlin liegen rechts und links eines langen Flures die Labore von Fabian Leendertz. Mit 25 Kolleginnen und Kollegen erforscht der Tiermediziner, welche Wege Erreger vom Tier zum Menschen nehmen.

"Wir machen verschiedene Projekte zu zoonotischen Erregern. Das heißt, mal sind es tierische Proben, mal auch humane Proben. Und schauen uns eben an: Wo kommt welcher Erreger vor? Und ist er auch in dem entsprechenden anderen Wirt zu finden?"

Dazu analysieren die Forschenden Gewebe- und Kotproben, Körperflüssigkeiten oder Insekten. Das Testmaterial liegt sicher aufbewahrt bei minus 80 Grad in riesigen Eisschränken. 

Hotspots für die Entstehung neuer Zoonosen

Leendertz und sein Team arbeiten mit Partnern in fünf afrikanischen Ländern zusammen. Die Regionen südlich der Sahara gelten als Hotspots für die Entstehung neuer Zoonosen. In den Regenwäldern dort leben besonders viele Tierarten – und damit auch besonders viele Krankheitserreger. Die Forschenden wollen ergründen, warum manche Keime plötzlich den Sprung zum Menschen schaffen. Das Ebola-Virus zum Beispiel. 

"Es gab viele Ausbrüche im Kongobecken, Zentralafrika. Und der westafrikanische Ausbruch war dann eher eine Überraschung. Wobei das eben immer darauf beruht, dass wir glauben, das Krankheitserreger nur da vorkommen, wo wir auch schon Ausbrüche hatten. Und das muss halt nicht stimmen."

Zwei Schimpansen sitzen in den Baumwipfeln eines Regenwaldes. (Getty Images / The Washington Post / Nichole Sobecki)Primaten werden immer wieder als potenzielle Überträger von Erregern wie etwa dem Ebolavirus genannt. (Getty Images / The Washington Post / Nichole Sobecki)

Nach früheren Ausbrüchen in Zentralafrika hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Theorie entwickelt: Der Seuche unter den Menschen vorangegangen sei eine Epidemie unter Waldantilopen, Gorillas oder Schimpansen. Jäger hätten die frisch verendeten Tiere als Beute mitgenommen und sich infiziert. Aber der Ausbruch in Westafrika lief offenbar anders, wie das Team von Fabian Leendertz vor Ort entdeckte. 

"Es waren gar keine Wildtierbestände mehr da. Also weit und breit, da kann man wirklich einen Tag lang fast fahren, bis man im nächsten Wald ist, wo sie Menschenaffen finden würden. Das heißt, da haben wir gute Hinweise, dass die Übertragung direkt aus dem Reservoir - dem vermuteten Reservoir - auf den Menschen stattgefunden hat. Und das sind immer noch Fledertiere, da sind die Flughunde und die Fledermäuse im Augenblick die Top-Kandidaten."

Als Reservoir bezeichnen Fachleute die Tiere, in denen die Erreger ursprünglich leben – und die daran meist nicht erkranken. Sehr oft sind das Fledertiere – nach den Nagetieren die Säugetierordnung mit der zweitgrößten Artenvielfalt. Sie gelten als äußerst widerstandsfähig gegenüber Viren und Bakterien. Allerdings schaffen nur wenige den Sprung über Artgrenzen. 

Gerade für Viren ist das eine große Hürde. Anders als ein Bakterium kann sich ein Virus nicht selbst vermehren – es braucht den Stoffwechsel seines Wirtes. Im nächsten Schritt muss der Erreger das Immunsystem des Menschen überleben. Und: Er muss an bestimmte Stellen im Körper vordringen, von wo aus er den nächsten Menschen infizieren kann. 

"Also irgendwo in den Rachenraum oder in den Genitaltrakt oder irgendwo, wo man Kontakte zu anderen hat. Und da eben dann in so großer Kopienzahl vorkommen, dass er es auch schafft, dann auf den anderen Menschen überzuspringen", sagt Fabian Leendertz.

Unsere Wirtschaftsweise begünstigt Übersprung auf Menschen

Dass Krankheitserreger auf Menschen überspringen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Und mit den Techniken von heute auch für Infektionen zu analysieren, die schon Jahrhunderte zurück liegen. Forschende des Robert-Koch-Instituts haben gerade in einer Studie nachgewiesen, dass das Masernvirus schon vor fast 2500 Jahren aus dem Erreger der Rinderpest entstanden ist.

Die Wissenschaft geht mittlerweile davon aus, dass unsere Wirtschaftsweise das Überspringen begünstigt. 

"Gerade im tropischen Afrika ist eine große Nachfrage nach diesem ganzen sogenannten Bush Meat, also Wildtierfleisch. Und das ist nicht nur der lokale Verbrauch. Sondern da gibt es richtig einen Handel in die großen Städte hinein. Mit professionellen Jägern, die sehr viel raus holen", sagt Fabian Leendertz.

"Und irgendwann sind die großen Tiere weg, die viel Fleisch liefern. Und dann wird eben auch angefangen, kleinere Tiere zu jagen. Also Nagetiere, Fledermäuse, Flughunde stehen viel mehr auf dem Speiseplan als früher. Und das sind Tiere mit einem ganz anderen Erregerspektrum."

Wildtierfleisch liegt auf einem Marktstand in Brazzaville, Kongo aus.  (Getty Images / The Washington Post / Nichole Sobecki)Ein Marktstand im Kongo: Im tropischen Afrika gibt es eine große Nachfrage nach Wildtierfleisch. (Getty Images / The Washington Post / Nichole Sobecki)

Jagd, Handel, Schlachtung und Zubereitung – am Geschäft mit dem Bush Meat sind immer mehr Menschen beteiligt. Dabei kommen sie intensiv in Kontakt mit den Tieren, mit deren Speichel und Blut. Weil zudem die Bestände schrumpfen, müssen die Jäger immer tiefer in die Wälder vordringen, um noch Tiere zu finden. Die Wege kreuzen sich, das Übertragungsrisiko steigt.

Nicht nur Wildtiere beherbergen Viren, auch Nutztiere können zur Gefahr werden. 2009 etwa brach die Schweinegrippe H1N1 in den USA aus und verbreitete sich von dort aus auf der Nordhalbkugel. 

"Die Schweinegrippe war tatsächlich so, dass das ein Influenzavirus ist. Teile des Virus waren vom Schwein. Und Teile waren auch von diesen ganz normalen Grippeviren, also diese Influenzaviren, die wir beim Menschen haben", erklärt Carola Sauter-Louis, Tierepidemiologin am Friedrich-Löffler-Institut.

"Man nennt das Mixing Vessel, also im Schwein können sich die Teile sehr schnell austauschen zwischen den Viren. Und demzufolge ist das Schwein immer etwas kritisch, quasi dass da einfach Influenzaviren entstehen können, die dann für den Menschen wieder gefährlich sind."

Fatale Zustände in der Massentierhaltung

Ein solches Virus kann sich schnell ausbreiten, wenn tausende Schweine auf engem Raum zusammengepfercht sind. So wie in den riesigen Ställen der Massentierhaltung, die US-amerikanische Tierfarmen ebenso prägen wie die konventionelle Landwirtschaft hierzulande. Unter anderem deshalb lassen Landwirte große Schweinebestände nie ins Freie, wo Krankheitserreger lauern. Für das Tierwohl ist das fatal, es verringert aber das Ansteckungsrisiko.

"Wenn wir unsere großen Betriebe haben, dann ist es ja oft so, dass wir da extrem vorsichtig sind mit Hygienemaßnahmen und Biosicherheit. Deshalb ist es ja bei der Tierseuchenbekämpfung tatsächlich so, dass der ganze Bestand dann einfach getötet wird, um eben quasi Tierleid zu vermindern, da sich die Infektionskrankheit ja ausbreiten würde. Und eben auch zu verhindern, dass sich die Viren in dieser großen Menge dann irgendwie verändern oder sich anpassen oder ein Selektionsdruck stattfindet."

Eingepferchte Schweine in der Massentierhaltung. (Picture Alliance / AP Images / Charlie Riedel)Unter den engen Bedingungen der Massentierhaltung können sich Erreger rasend schnell verbreiten. (Picture Alliance / AP Images / Charlie Riedel)

Viele Tiere auf engem Raum oder der Handel mit Wildtierfleisch sind nur zwei Gründe, weshalb sich Zoonosen verbreiten. Anlässlich der Covid-19-Pandemie wies der Weltbiodiversitätsrat vor wenigen Wochen auf einen weiteren, oft unterschätzten, hin. Die UN-Organisation veröffentlichte ein Papier, in dem Forschende sich mit der Rolle des Artenschwunds beschäftigen.

"Der Effekt ist letztendlich der, dass wir, wenn wir in neue Gebiete vordringen, Bedingungen schaffen, die es für bestimmte Tierarten noch ermöglichen, zu überleben. Die sogenannten Generalisten. Während viele andere Tierarten an Vielfalt einbüßen", sagt Josef Settele, Agrarökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Halle und Experte des Weltbiodiversitätsrates.

"Das heißt letztlich, dass wir Bedingungen schaffen, die erst mal zu Dominanzen führen bestimmter Arten. Und dort eben zur besseren Ausbreitung von Viren. Das nennt sich im Umkehrschluss eigentlich der Verdünnungseffekt, der dann besteht, wenn ich hohe Vielfalt hab. Weil dann habe ich weniger Individuen der selben Art auf engerem Raum. Und damit ist die Chance, sich auszubreiten, geringer."

Die UN-Fachleute schätzen, dass in den kommenden Jahrzehnten eine Million Tier- und Pflanzenarten aussterben könnten. Sie verweisen auf Luft- und Wasserverschmutzung, abgeholzte Urwälder, Flächenversiegelung und intensive Landwirtschaft. 

"Nehmen wir zum Beispiel Amphibien, da ist es am extremsten", sagt Josef Settele. "Da haben wir bislang ausgestorben weltweit etwa 150 Arten von 6000. Sind 2,5 Prozent in der Summe. Wovon aber zwei Prozent der 2,5 in den letzten fünfzig Jahren ausgestorben sind."

Pandemien mit höherer Frequenz wahrscheinlich 

Zur Evolution gehört nicht nur die Entwicklung neuer Arten, sondern auch das Verschwinden bestehender. Doch der Artenschwund verläuft gegenwärtig bis zu einhundertmal schneller als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre. Menschen nutzen inzwischen zwei Drittel der Erde – für Tiere bleibt immer weniger Platz. 

"Wir werden natürlich - egal, wie die Zukunft weiter läuft - immer mit Pandemien rechnen müssen. Die wird es auch geben, wenn wir jetzt ganz nachhaltig wirtschaften würden", sagt Josef Settele. "Es ist nur so, dass wir einfach mit höheren Frequenzen und vielleicht auch mit gravierenden Auswirkungen rechnen müssen. Und dass sie eben schnellere Verbreitung finden können."

Überwindet ein Erreger die Artgrenze, hat das zunächst nur für die betroffenen Menschen Folgen – nicht aber für die ganze Menschheit. Zunächst.

Ein weiteres Zitat aus "Die Pest" von Albert Camus:
Im Morgengrauen eines schönen Februartages öffneten sich endlich die Tore, begrüßt von der Bevölkerung, den Zeitungen, dem Radio und den Mitteilungen der Präfektur. Es bleibt also dem Erzähler nur noch übrig, von den Stunden der Freude zu berichten, welche dieser Öffnung der Tore folgten, obwohl er selber zu denen gehörte, die nicht die Freiheit besaßen, sich ihr ganz hinzugeben. Am Tag und am Abend wurden große Festlichkeiten veranstaltet. Zur gleichen Zeit begannen im Bahnhof Lokomotiven zu rauchen, während Schiffe, die von fernen Meeren herkamen, bereits ihren Bug auf unseren Hafen richteten und auf ihre Weise anzeigten, dass dieser Tag für alle jene, die unter der Trennung litten, der Tag der großen Wiedervereinigung war.

Der Roman spielt in der Gegenwart. Er erzählt vom Wiederaufflammen des heimtückischen Fiebers in den 1940er-Jahren. Die Krankheit breitet sich rasend schnell aus, weil der Alltag zunächst weitergeht. Dazu gehören auch Reisen und Handel. Nicht nur im Roman spielt das die entscheidende Rolle für die Verbreitung des Erregers.

"Die Pest kam 1347 mit genuesischen Schiffen aus dem Schwarzen Meer, aus Kaffas, das ist das heutige Feodossija, über Konstantinopel nach dem Westen, nach Messina. Und dann in die anderen italienischen Seestädte", weiß Karl-Heinz Leven, Medizinhistoriker.

"Man kann sich das bildlich vorstellen, dass nicht nur die Erkrankten dort ausstiegen und dann die Krankheit verbreiteten. Sondern dass auch die mitfahrenden Ratten dann über die Seile der Schiffe an Land balancierten. Und sich in der Stadt ausbreiteten, und dort in den dortigen Rattenpopulationen die Krankheit verbreiteten. Und dann breitet sich die Krankheit von den Seehäfen über die Landwege, also über die Handelswege aus. Und sie tut das über ganz Westeuropa. Und sie erreicht auch Island und auch abgelegene Gebiete in Russland. So dass nach ungefähr zwei Jahren, Ende 1349, dann im Grunde das ganze Europa - so wie wir es heute bezeichnen - auch von der Pest betroffen war."

Zwei Jahre für ganz Europa – das klingt aus heutiger Sicht langsam. Denn Reisen ist kein Abenteuer mehr für Entdecker auf Schiffen, sondern Alltag. Billigflieger haben die Welt zusammenschrumpfen lassen. Fast 1,5 Milliarden Menschen reisen jährlich ins Ausland – die Zahl ist seit den 1950er-Jahren um das Fünfzigfache gestiegen. Und fast die Hälfte der internationalen Touristinnen und Touristen kommt nach Europa. 

Gute Bedingungen für die Ausbreitung von Viren

"Wenn ich ein Virus wäre und ich wollte die ganze Welt bereisen, hätte ich mir keine bessere Zeit gesucht als 2019/2020", sagt Johannes Vogel, Generaldirektor des Naturkundemuseums Berlin.

"Flugverkehr auf einem einmalig hohem Niveau, es geht den Menschen gut - jedenfalls in der Nordhemisphäre. Konsum boomt, man trifft sich, man geht ins Restaurant, man hat Geld. Jedes Jahr kommt eine neue Grippewelle. Und jetzt passiert es mit einem neuartigen Erreger."

Brauchte der Pest-Erreger zwei Jahre um sich in Europa auszubreiten, hat es das Coronavirus in gerade einmal zwei Monaten um die halbe Welt geschafft. Im März erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Lungenkrankheit Covid-19 offiziell zur Pandemie.

"Die immer größer werdende Mobilität ist natürlich einfach auch ein gutes Vehikel für alle möglichen Organismen, sich auszubreiten", sagt Josef Settele, Agrarökologe.

"Wir kennen das Phänomen der invasiven Arten ganz generell. Man könnte natürlich auch Viren, wenn man so will, als Invasoren betrachten, invasive Elemente der Natur. Die sich dann dadurch, dass wir uns intensiv austauschen, entweder wir direkt als Menschen oder zum Beispiel über den Tierhandel, entsprechend Bedingungen schaffen, die dazu führen, dass sie überall hinkommen und in sehr kurzer Zeit."

Und wieder Albert Camus in "Die Pest":
"Da haben wir‘s", sagte Rieux, "jetzt kommen sie wieder hervor."
"Wer?"
"Nun, die Ratten!"
Seit dem Monat April war keine tote Ratte mehr gefunden worden.
"Man muss ihnen nur zuschauen, wie sie laufen! Eine Freude!" Er hatte zwei lebende Ratten zur Haustür hereinspazieren sehen. Nachbarn hatten ihm berichtet, dass die Tiere auch bei ihnen wieder erschienen waren. In gewissen Balken war wieder das seit Monaten vergessene Rascheln zu hören. Rieux wartete die Veröffentlichungen der allgemeinen Statistik ab, die zu Beginn jeder Woche erschien.
Sie offenbarte einen Rückgang der Krankheit. 

Camus' Romanheld Rieux lässt sich vom Blick in die Statistik nicht täuschen: Verschwinden, sagt der Arzt in der literarischen Vorschlage, werde der Erreger nie. Die potenzielle Gefahr bleibt. Heute ist der Blick auf das Infektionsgeschehen der Covid-19-Pandemie geprägt von Live-Daten aus aller Welt, doch eines ist geblieben: Auch wenn das Coronavirus irgendwann bekämpft sein wird, drohen neue Pandemien. Begünstigt von globalen Veränderungen, wie der Erderwärmung.

"Weil zum Beispiel sich exotische Arten - also zum Beispiel exotische Stechmückenarten - halt in Gebiete ausbreiten können, wo sie vorher natürlicherweise nicht vorkamen. Und da zum Beispiel dann auch neue Krankheitserreger übertragen können", sagt Renke Lühken, Arbovirologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

"Ein Beispiel in Europa ist das Chikungunyavirus. Das wird in Europa ausschließlich von der Asiatischen Tigermücke übertragen. Und wie der Name schon sagt: Die Asiatische Tigermücke stammt ursprünglich aus dem asiatischen Raum und wurde in den achtziger Jahren nach Italien eingeschleppt. Und breitet sich seitdem vor allem ums Mittelmeer sehr gut aus. Aber hat inzwischen auch Deutschland erreicht, mit etablierten Populationen in Heidelberg und Freiburg."

Weltweiter Gesundheitsnotstand durch Zikavirus

Schiffe, Flugzeuge oder Lastwagen transportieren für den globalen Handel nicht nur Waren rund um den Globus, sondern unbemerkt auch die Eier exotischer Stechmücken. Ob Malaria, West-Nil- oder Zika-Fieber – auch diese von Insekten übertragenen Krankheiten können sich zur Seuche entwickeln. 

"Beim Zikavirus haben wir schon eine Pandemie beobachtet. Also es wurde dann entsprechend auch ähnlich wie bei Corona der weltweite Gesundheitsnotstand durch die WHO damals ausgerufen. Es gab diesen massiven Ausbruch in Südamerika. Und von dort ein ähnlicher Prozess: Durch die Vernetzung der Welt konnte sich das Virus dann weltweit rasend schnell ausbreiten."

Eine Fleischverkäuferin steht mit dem Messer in der Hand hinter ihren Fleischauslagen. (AFP / Hector Retamal)Auf einem Markt in Wuhan soll der erste Fall von COVID-19 festgestellt worden sein. (AFP / Hector Retamal)

Schweinegrippe, SARS, MERS, Vogelgrippe oder Aids – in den vergangenen Jahrzehnten haben viele Zoonosen-Pandemien die Welt in Atem gehalten. China hat aus der aktuellen Covid-19-Krise erste Konsequenzen gezogen, die bei der Entstehung ansetzen sollen: Die Regierung verbot Wildtiermärkte wie den in Wuhan.

Schon im Februar hatten mehr als 70 Umweltschutzorganisationen, Medizinerinnen und Wissenschaftler an die Vereinten Nationen appelliert, solche Märkte generell zu verbieten. Die Naturschutzorganisation WWF hat sich dieser Forderung allerdings nicht angeschlossen. 

"Grundsätzlich war das in China jetzt sicherlich eine sehr gute Entscheidung, dort erst mal den Konsum von landlebenden Wildtierarten fast komplett zu verbieten", meint Katharina Trump, WWF-Expertin für Wildtierhandel.

"Global gesehen ist es einfach immer eine sehr differenzierte Situation. Es gibt lokale Gemeinden, die essenziell von Wildtierfleisch abhängig sind. Was ist die Alternative für die Menschen, die von solchen Verboten betroffen sind? Und die einfach den Handel und den Konsum von Wildfleisch zum Beispiel für Einkommensgenerierung und Ernährungssicherung brauchen? Dafür braucht es erst mal nachhaltige Alternativen und sozial akzeptierte Alternativen. Bevor man solche Handelsverbote umsetzen kann."

Nebenfolgen des Verbots von Märkten mit Wildtierfleisch

Menschen in manchen Regionen Afrikas oder Asiens könnten sich kaum anders als mit Wildtierfleisch ausreichend ernähren. Deshalb fürchtet der WWF bei einem schnellen Verbot unerwünschte Nebenfolgen – unter anderem für die so wichtige Artenvielfalt. 

"Wie zum Beispiel ein Anstieg von Wilderei, ein Anstieg von Schwarzmärkten, die ja dann noch größere Gesundheitsrisiken bergen. Aber zum Beispiel auch die Umwandlung von Wildtierhabitaten in landwirtschaftliche Nutzflächen. Weil die Proteinversorgung ja irgendwie gedeckt werden muss. Und wenn das nicht mehr durch Wildfleisch gedeckt werden kann, dann müssen eben zum Beispiel landwirtschaftliche Nutztiere großgezogen werden", sagt Katharina Trump.

Johannes Vogel geht noch einen Schritt weiter. Der Chef des Berliner Naturkundemuseums sagt: Die Menschheit muss weg vom Fleisch. Er meint nicht, dass alle Vegetarier werden müssen, doch ein Umdenken hält er für nötig.

"Das wird keine einfache Sache. Fleisch ist uns sehr ans Herz gewachsen. Gerade für die Generation meiner Großeltern. Ich bin noch damit groß geworden, dass es einmal in der Woche Fleisch gab. Heute können sich viele Menschen erlauben, jeden Tag mehrere Male Fleisch zu essen. Wir müssen eine mehr pflanzen- eine mehr nachhaltig basierte Nahrungsmittelproduktion global hinkriegen."

Mit Fleischverzicht mögliche Pandemien bekämpfen? Das allein wird die Ausbreitung von Krankheitserregern nicht stoppen. Doch auch der Weltbiodiversitätsrat nennt Monokulturen in der Landwirtschaft und Massentierhaltung als Punkte, die Zoonosen begünstigen. Ganz oben auf der Forderungsliste der UN-Experten steht ein ganzheitlicher Blick auf die Zusammenhänge in der Natur.

"Dass wir die Gesundheit nicht nur des Menschen betrachten, sondern die Gesundheit des Menschen eingebettet in die Gesundheit von Tieren und Pflanzen und in die Gesundheit von Ökosystemen", Josef Settele, Experte des Weltbiodiversitätsrates.

"Das klingt erst mal sehr abstrakt. Aber im Wesentlichen geht es darum, dass wir versuchen, eben die Systeme funktionsfähig zu halten, die Vielfalt zu halten, auch für unsere eigene Zukunft. Also auch im Sinne von: Was wir in Zukunft vielleicht brauchen und nutzen können, jenseits dessen, was wir vielleicht aus ethischen oder ästhetischen Gründen schützen wollen."

Ausbreitung der Covid-19-Krise zeigt globale Verstrickung

Außerdem weisen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darauf hin, dass Land und Boden nachhaltiger genutzt werden müssen: Extreme Abholzungen stoppen, in der Landwirtschaft weniger intensiv arbeiten und vor allem nicht so viel Fläche für den Anbau von Tierfutter verbrauchen. Ein weiterer Punkt betrifft die Vorbereitung auf den Seuchenfall.

"Die Verbesserung der Infrastruktur für die ganze Gesundheitsvorsorge. Auch die Gesundheitsbildung, auch die Verhaltensbildung, im Sinne von: Wie verhalte ich mich in Regionen, die besonders betroffen sein könnten. Bis hin einfach zur Ausstattung von Krankenhäusern und Kliniken", rät Josef Settele.

Es ist ein ganzes Bündel aus grundsätzlichen Ideen, vagen Empfehlungen und konkreten Vorschlägen, um das Artensterben zu bremsen und das Ökosystem besser zu schützen. Neu sind diese Forderungen allesamt nicht. Doch die globale Ausbreitung der Covid-19-Krise zeigt: Krankheiten auf anderen Kontinenten zu verhindern, liegt in unserem ureigenen Interesse. Zumal wir daran beteiligt sind, dass in fernen Landstrichen ein Virus vom Tier auf den Menschen überspringt.

"Es gibt das schöne Beispiel - schön in Anführungszeichen: Der Anbau von Soja für unsere Tierernährung. Der dafür sorgt, dass entsprechende Flächen im Regenwald verloren gehen und wir dann entsprechend billig Fleisch produzieren können", sagt Josef Settele. "Sehr vereinfacht gesagt. Aber damit exportieren wir Umweltschäden. Und die kommen auf so eine Weise wie Covid-19 dann plötzlich zu uns wieder zurück."

Autor: Sven Kästner
Sprecher: Rosario Bona, Christian Brückner
Regie: Stefanie Lazai
Technik: Jan Fraune
Redaktion: Martin Mair

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