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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.02.2011

Forscher: Computer könnte in TV-Quiz siegen

Frank Kirchner über künstliche Intelligenz

Moderation: Katrin Heise

Moderator mit den Kandidaten Ken Jennings (Mitte) und Brad Rutter (r.) und dem Computer Watson bei der US-Show "Jeopardy!". (AP)
Moderator mit den Kandidaten Ken Jennings (Mitte) und Brad Rutter (r.) und dem Computer Watson bei der US-Show "Jeopardy!". (AP)

Zu Klugheit gehöre auch eine "Körperlichkeit des Systems", sagt der Bremer Forscher Frank Kirchner. Gewinne der Computer bei der US-Show "Jeopardy!" gegen die Kandidaten, sei dies noch kein Beweis für Intelligenz.

Katrin Heise: Was würden Sie eigentlich sagen – wer gewinnt in der amerikanischen Quizsendung "Jeopardy", in der zwei Rätselcracks menschlicher Herkunft gegen einen Supercomputer antreten? Der ist gefüllt mit all dem Wissen, was das Internet so hergibt, die Menschen aber können assoziieren, sie kennen sich mit sprachlichen Feinheiten aus, sie erkennen Ironie. Was gibt dagegen die künstliche Intelligenz her? Darüber unterhalte ich mich mit dem Bremer Forscher Frank Kirchner.

Watson gegen die Menschheit – Christian Schmidt erläuterte uns den Wettkampf im US-Fernsehen zwischen Kandidaten und Supercomputer. Am Telefon begrüße ich jetzt den Institutsleiter am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DFKI in Bremen, Professor Frank Kirchner. Guten Tag, Herr Kirchner!

Frank Kirchner: Guten Tag!

Heise: Wer wird Ihrer Meinung nach heute den Wettstreit gewinnen – Mensch oder Maschine?

Kirchner: Schwer zu sagen, aber ich tendiere fast dazu, die Maschine als Sieger zu setzen, weil ich gelesen habe, dass es da auch schon Vorwettkämpfe gegeben hat, in denen die Maschine deutlich besser war.

Heise: Welche besondere Leistung muss bei diesem Quiz eigentlich erbracht werden?

Kirchner: Ja, man muss natürlich zurückgreifen können auf ein fundiertes Wissen, Allgemeinwissen, und in der Lage sein natürlich – das ist für uns Menschen Trivialität –, deutsche beziehungsweise englische Sätze zu formulieren, und zwar als Frage zu formulieren. Das ist, wie ich sagte, für einen Menschen eine Trivialität, für eine Maschine durchaus nicht trivial.

Heise: Das heißt, das sind die Schwierigkeiten, die der Computer hat, denn mit dem fundierten Wissen hat er ja keine, der hat ja sämtliche Lexika irgendwie intus und alles, was man sonst so an Text auf der Welt bekommen kann. Das heißt, die Schwierigkeit des Computers liegt im sprachlichen Bereich?

Kirchner: Nicht nur, also Sie wissen, wie das so ist: Man hat eine Menge Bücher im Regal, man muss sie auch gelesen haben, um das Wissen wirklich im Kopf zu haben, und beim Computer ist es noch schlimmer, er muss es nicht nur gelesen haben, sondern er muss auch – und das ist beim Menschen wieder eigentlich eine triviale Geschichte – das Verständnis dafür entwickelt haben, was er denn da gelesen hat. Also aus diesen Zeichenfolgen, die er da in Millionen oder milliardenfach zur Verfügung hat, muss er sinnvolle Zusammenhänge bilden können, und das heißt, auf so eine Frage, die der Moderator stellt, dann in seiner unglaublich umfangreichen Datenbank, die also mit Sicherheit sehr viel umfangreicher sein wird als die der einzelnen Mitspieler, der menschlichen Mitspieler, muss er diese Referenzen finden, er muss gleichlautende Begriffe finden, er muss möglicherweise Begriffe finden, die in räumlicher, also im Satz befindlicher Nähe zueinander sind, um Relationen darüber bilden zu können und so weiter. Und das ist die Schwierigkeit unter anderem, mit der der Computer dann zu kämpfen hat.

Heise: Und wenn er dann die richtige Lösung weiß, wenn er vielleicht sogar als Sieger, wie Sie ja vermuten, daraus hervorgeht, ist das schon Intelligenz, künstliche Intelligenz?

Kirchner: Nein, ich glaube nicht, dass das schon künstliche Intelligenz ist. Es ist auch nicht so, dass er die Lösung in der Form sofort findet, sondern er findet eine ganze Reihe von Lösungen, er findet eine Menge, Tausend oder so möglicher Antworten, und er muss dann noch mal bestimme Verfahren ansetzen, die mit Wahrscheinlichkeiten operieren, um dann von diesen Hunderten oder Tausenden möglichen Antworten, die er zur Verfügung hat, dann die auszuwählen, von der er jetzt – oder sie, ich weiß gar nicht, ist ja ein Computer – die beste und höchste Wahrscheinlichkeit errechnet hat, dass das die richtige Antwort ist. Das ist aber immer noch keine Intelligenz.

Heise: Was ist denn Intelligenz?

Kirchner: Ja, das ist eine gute Frage, also da streiten sich die Gelehrten ja schon seit vielen Hundert oder Tausend Jahren drüber, eine alte philosophische Fragestellung, die sich darum dreht, eben zu verstehen, wie wir eigentlich selber funktionieren und wie es sein kann, dass wir in den Himmel gucken und uns fragen: Was ist da draußen, sind wir alleine? Also das ist eine uralte Fragestellung, die schwer zu beantworten ist und auf die es unterschiedliche Ansätze der Antworten gibt, und eine, die wir hier natürlich verfolgen, die geht von dem Postulat aus, dass Intelligenz nicht etwas ist, was nur sich im Kopf sozusagen abspielt, was nur rein Gehirn basiert ist, sondern das durchaus etwas mit der Körperlichkeit des Systems, in dem diese Intelligenz entsteht, zu tun hat.

Heise: Frank Kirchner beschäftigt sich in Bremen am Deutschen Forschungszentrum mit künstlicher Intelligenz. Sie haben das ja jetzt gerade angesprochen: Sie in Bremen empfinden bei der Entwicklung intelligenter Computer die Entwicklung eines Kindes nach. Ein Kind erschließt sich ja über Bewegung den Raum. Wenn man sich das mal so vorstellt, diese Über-Kreuz-Bewegung zum Beispiel des Krabbelns, was Kinder ja auch immer machen, ist wichtig für eine spätere Bewältigung ganz anderer Aufgaben eher im kognitiven Bereich, also das hat dann gar nichts mehr mit Bewegung zu tun, aber das muss mal vorgeschaltet sein. Sie ahmen diese Entwicklung mit Computern nach.

Kirchner: Genau das ist der Punkt, dass im kindlichen biologischen System bestimmte Verknüpfungen erst hergestellt werden müssen, unter anderem eben auch das Wissen darüber, dass bestimmte Extremitäten tatsächlich zu einem gehören, also dass mein Arm, dass das eben mein Arm ist, und dass dieser Fuß mein Fuß ist, dass das irgendwie mich ausmacht oder mich definiert, und dass ich sogar – das kommt dann später noch dazu – gewisse Kontrolle darüber habe, dass ich also, wenn ich bestimmte Dinge mache, dann ich auf einmal bestimmte sensorische Eindrücke habe, also wenn ich mit meiner Hand vor dem Gesicht wedle, dann sehe ich eben meine Hand vor dem Gesicht, und wenn ich das langsamer mache, dann wird die auch langsamer. Das sind alles so Verknüpfungen, die sich erst langsam sozusagen bilden bei höheren Lebewesen, unter anderem eben auch Menschen, und die dann wichtige Grundlagen legen für die Repräsentation und für die Modelle, die ich mir auch über meine Umwelt, in der ich mich bewege und mit der ich zurechtkommen muss, bilde.

Heise: Das heißt, wie machen Sie das, dass Sie dem Computer diese Kontrolle des Körpers im Raum beibringen?

Kirchner: Ja, wir machen das ja konkret an einfacheren biologischen Systemen, unter anderem ein berühmtes Projekt ist das Skorpion-Projekt, wo wir uns die Laufbewegungen anschauen: Wie machen das tatsächlich echte Skorpione, nach welchem Muster, nach welchen Mechanismen bewegen die sich eigentlich? Das sind ja hochdynamische Läufer, das sind ja Jäger, die müssen ja ihre Beute fangen, das heißt, die müssen also ein sehr, sehr breites Spektrum an Bewegungen bereithalten, und das haben wir uns zum Vorbild genommen, um bestimmte Mechanismen der Repräsentation und der Umsetzung und der Kontrolle nachzuahmen in technischen Systemen.

Heise: 1997 war es, da hat ein Computer, nämlich "Deep Blue", den Schachweltmeister Garri Kasparow besiegt, und da dachte die Welt irgendwie, jetzt hat uns die Maschine schon eingeholt. Seitdem ist man mit der künstlichen Intelligenz irgendwie, mit der Weiterentwicklung nicht so richtig zufrieden, in den USA jedenfalls nicht. Wenn man Sie, Herr Kirchner, aber jetzt so hört, dann scheinen Sie alles andere als enttäuscht zu sein über den Stand der Entwicklung und gar nicht hoffnungslos. Wie erklären Sie sich das?

Kirchner: Ja, ich habe aber auch nicht gesagt, dass der Skorpion intelligent ist. Ich habe nur gesagt, dass er sich schon sehr flexibel und adaptiv anpassen kann und sich fortbewegen kann in einer bestimmten Umgebung, auch in schwieriger Umgebung. Ist das intelligent? Glaube ich nicht, dass das schon das ist, was wir an Intelligenz eigentlich erreichen wollen. Und deswegen bin ich da eigentlich sehr froh, weil wir den ersten oder einen der ersten Schritte jetzt gemacht haben, aber es liegt noch eine weite, weite Wegstrecke vor uns, jetzt auf dieser Basis aufzusetzen sozusagen noch komplexere Modelle, also nicht nur Modelle seines Körpers und wie die Kinematik ist, also wie die mechanischen Zusammenhänge seines Körpers beschaffen sind, sondern jetzt muss er zum Beispiel als Nächstes lernen: Was kann ich denn mit diesem mechanischen Körper, mit diesen Gelenken, die ich habe, mit meiner Umwelt tun? Also wieso kann ich jetzt hier gerade, Sie sehen es jetzt nicht, aber wieso kann ich meine Maus hochheben, wenn ich bestimmte Bewegungen mache? Was sind die Effekte, die bestimmte Bewegungen auf meine Umwelt haben, und was wird passieren in der Umwelt, wenn ich bestimmte Dinge mache? All das kommt jetzt erst noch, aber das erfordert erst mal diese Basis, die man erstmal schaffen muss.

Heise: Aber wir werden irgendwann künstliche Intelligenz haben. Wann glauben Sie wird das so weit sein?

Kirchner: Das weiß ich nicht, das ist schwer zu sagen, wie man das formulieren will – Sie wissen vielleicht, es gibt die sogenannte starke künstliche Intelligenz, die Theorie der starken künstlichen Intelligenz. Und das geht zurück auf die alten Philosophen, die ich vorhin eingangs genannt habe, die verstehen wollen: Wie funktioniert Intelligenz und wie kann ich es auch in technischen Systemen umsetzen, also letztendlich die Frage, wie funktionieren wir eigentlich selber, und wie können wir praktisch Abbilder von uns selbst machen? Das ist eine Sache, die sicherlich noch eine sehr, sehr weite Wegstrecke vor sich hat, wenn sie überhaupt geht. Wir müssen uns alle fragen: Wollen wir das überhaupt, dass die geht? Wollen wir uns selbst nachweisen, dass wir letztendlich berechenbare Maschinen sind? Davon abgeleitet und so ein bisschen realistischer sozusagen zurückgenommen ist die sogenannte schwache KI, und die ist sehr wohl implementierbar. Das kennen Sie aus Ihrem Auto, Sie haben wahrscheinlich heute Morgen auch mit Ihrem Auto geredet, Sie reden mit Ihrem Telefon, also Ihr Telefon erkennt Ihr Bild und Ihr Gesicht und sagt, hallo, wie geht's, und schön, Sie wiederzusehen – also das sind alles Ausprägungen der sogenannten schwachen Intelligenz, Methoden der Informatik zu nutzen, um Maschinen zu bauen, die so tun, als wären sie intelligent, und das ist aber etwas anderes als eben dieses hehre Ziel der starken Intelligenz.

Heise: Also warten wir mal ab, wann mein Auto mir antwortet. Frank Kirchner, Leiter des Bremer Instituts des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Danke schön, Herr Kirchner, für das Gespräch!

Kirchner: Sehr gerne!

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