Kommentar zu Foodporn
Auch renommierte Köche produzieren inzwischen Rezepte als Kurzvideos, um eine jüngere Zielgruppe in den sozialen Netzwerken zu erreichen © picture alliance / Goldmann / Goldmann
Die digitale Fetischisierung des Essens
04:12 Minuten

Social Media kann hungrig machen, etwa in den Videos auf TikTok oder Instagram. Doch die Inszenierung von Essen nimmt bizarre Züge an. Egal ob Ekel oder Lust ausgelöst werden: Das Verhältnis zum Essen verändert sich nicht zum Guten, meint Leni Karrer.
Schmelzender Käse, der aus einem „Philly Cheese Steak“ tropft, blubbernde „Hotpots“, riesige aufgeschnittene Burratas, das Crunch-Geräusch eines noch sizzelnden Pilz-Schnitzels und fluffiger, goldener Hefeteig, auf den Kräuterbutter geträufelt wird: Hier isst das Auge – nicht mit, sondern allein. Kochvideos sind in den sozialen Medien schon seit langem beliebt, unter dem Hashtag „Foodporn“ finden sich mehrere Millionen Beiträge.
Auch etablierte Kochportale wie Chefkoch.de oder renommierte Köch*innen wie Yotam Ottolenghi, Steffen Henssler und Jamie Oliver produzieren inzwischen Rezepte als Video-Shorts, um eine jüngere, scroll-affine Zielgruppe zu erreichen.
Die Videos sind eine Reizüberflutung par excellence. Meist starten sie mit dem Endergebnis: eine cremige Pasta, knusprige Dumplings, ein noch dampfender, geschmorter Krautkopf. Dann geht es in rasantem Tempo und schnellen Schnitten weiter, jede Einstellung dauert maximal zwei Sekunden und folgt einer bestimmten Ästhetik – kräftige Farben, warme Ausleuchtung und maximale Sinnesreizung.
Um Kochtipps geht es hier schon lange nicht mehr, sondern um Genuss, Lust und Überfluss. Der Blick spielt dabei eine wichtige Rolle, daher auch die Analogie von “Foodporn” zur Pornographie – über das Schauen allein wird eine Befriedigung erlebt.
Besonders perfektioniert hat diese Ästhetik die Influencerin Nara Smith, die im Haute-Couture-Look all ihre Gerichte „from scratch“ – also von Grund auf komplett selbst – zubereitet: Für die Hot Dogs ihrer Kinder befüllt sie nicht nur die Würste selbst, sondern stellt auch Senf, Ketchup, Brötchen und Röstzwiebeln zu Hause her – inklusive der Capri Sonne aus dem eigenen Entsafter. Der stundenlange Zubereitungsvorgang wird zusammengeschnitten und mit ihrer hypnotisch-beruhigenden Stimme unterlegt.
Doch schönes Essen allein reicht nicht mehr aus. Um in der Aufmerksamkeitsökonomie der Plattform Instagram zu bestehen, werden die Videos immer spektakulärer und absurder. Dass manche Clips auch sexuelle Untertöne tragen, erscheint dabei als Kalkül.
Wie etwa bei Cedrik Lorenzen, der seinen fertigen Hefeteig mit dem Finger penetriert, sich beim Abwasch mit dem schäumenden Spülschwamm über die nackte Brust reibt, oder seinen Nudeln einen Klaps gibt. Auch das Model Kate Shumskaya befeuert eine dekadente Fetischisierung von Essen: Top gestylt wirft sie in Nahaufnahme eine Kelle Kaviar auf ihre Brotscheibe, von dem die Hälfte zu Boden fällt, um das Brot dann im nächsten Schnitt ganz zu verschlingen.
Die bewusste Vermischung von Genuss und Ekel ist momentan nicht nur in der digitalen Welt zu finden. So stellt das Berliner „Disgusting Food Museum“ vermeintlich „eklige“ Gerichte aus, an denen sich das Publikum in einer Mischung aus Faszination und Abscheu labt. Häufig handelt es sich schlicht um traditionelle Speisen anderer Kulturen – „Nattō“ etwa, ein japanisches Gericht aus fermentierten Sojabohnen. Dass so immer wieder rassistische und koloniale Stereotype bedient werden, bleibt unentdeckt.
Was verrät diese neue Lust am Überreizten, Absurden und Abstoßenden über unser Verhältnis zum Essen? In jedem Fall erzeugt sie eine Distanz zum eigentlichen Sinn der Nahrungsaufnahme: Genuss, Gemeinschaft und Kultur. Stattdessen wird Essen zum Spektakel, das möglichst extreme Reaktionen hervorrufen soll.
Hinzu kommt ein gesundheitlicher Aspekt: Durch schnelle Schnitte, Nahaufnahmen und Reizüberflutung entsteht ein Dopamin-Overload. Essen wird so zum Reizverstärker, was ein ungesundes Verhältnis zu Nahrung erzeugt. Wer zwischen Genuss und Ekel kaum noch unterscheiden kann, verliert den Blick für das, was Essen eigentlich ausmacht.















