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Kompressor | Beitrag vom 12.04.2017

Folgen von Erdogans PolitikTürkische Künstler zieht es nach Berlin

Von Stephanie Rohde

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Ein buntes Graffiti zeigt einen Indianer mit großem Federschmuck. (imago/Schöning)
Viele türkische Künstler hadern mit den Bedingungen in der Türkei. Sie suchen Freiheit - auch in Berlin. (imago/Schöning)

Der türkische Präsident Erdogan greift in seinem Land mit aller Macht durch. Das hat natürlich auch Folgen für die Kunst und Kultur. Der Druck auf Künstler, Filmemacher und Andersdenkende wächst. Viele verlassen deshalb ihre Heimat. Ein Zufluchtsort: Berlin.

"Hier ist die Tür zum Raum, wir sind wirklich begeistert, ja es ist riesig, es ist eine alte Kegelbahn aus den 1940er oder 1950er Jahren."

Göktan Budakoglu steht in einer riesigen baufälligen Halle in Berlin Neukölln vor den rund zwanzig Kegelbahnen, an deren Ende noch verstaubte Kegel hängen.

"Wir haben so viele Pläne, Ausstellungen, Kulturveranstaltungen, Workshops, Konzerte, Festivals."

Istanbuler Club "Arkaoda": Jetzt in Berlin

Im Januar ist Göktan nach Berlin gezogen – den Namen seines neuen Clubs hat er aus Istanbul gleich mitgenommen: "Arkaoda".

So heißt auch seine Club-Bar in Istanbul mit angeschlossenem Garten. Der Laden läuft super, am Wochenende drängen sich junge Istanbuler im Hintergarten, DJs aus der ganzen Welt legen auf. Aber etwas Entscheidendes habe sich geändert, sagt Clubbesitzer Göktan:

"Heutzutage reden die Leute nur noch über Politik und darüber, dass sie die Türkei verlassen wollen. Das erzeugt eine sehr anstrengende Atmosphäre in der Stadt."

Künstlerszene blutet aus

Im zentralen Bezirk Beyoglu haben bereits mehrere Konzerthallen geschlossen oder sind umgezogen. Auch für Künstler ist es schwieriger geworden, in der Türkei zu leben und zu arbeiten.

Seit Anfang dieses Jahres bekommt die türkische Kunstszene keine Fördergelder mehr von der Europäischen Union. Viele Galerien in Istanbul, die von Kulturfonds und Stiftungen unterstützt worden sind, mussten schließen.

"Es ist schrecklich, weil so viele Künstler und Intellektuelle keine finanzielle Unterstützung bekommen, um sich auszudrücken und Kunst zu machen, das nährt die Unterdrückung."

Sagt Emre Busse, der in Istanbul aufgewachsen ist und inzwischen in Berlin beim Kollektiv "Pornceptual" mitarbeitet, das in Fotoserien, Filmen, Performances und auf Partys den Zusammenhang von Erotik, Porno und Kunst erforscht.

Auch Clubbesitzer Göktan kennt viele Künstlerinnen und Künstler, die in Istanbul nicht mehr arbeiten können oder wollen.

"Jeden Tag höre ich von Freunden oder Freunden von Freunden, die nach Berlin ziehen, es ist unglaublich. Es ist ein bisschen traurig für Istanbul und die Türkei, aber es ist eine komische Sache für mich, weil ich nach Berlin komme und mich hier sehr wie in meiner Stadt fühle."

Neu-türkische Diaspora mit Kontakten in alle Welt

Auch, weil schon so viele türkische Kreative hier im Exil leben. In den vergangenen Jahren habe sich hier eine neue Exilgemeinde gebildet. Das hat auch der Filmemacher Emre Busse beobachtet:

"Es gibt diese Community, das kann man nicht leugnen, aber ich denke, dass es multikulturell ist, diese neuen türkischen Exilanten reden nicht nur untereinander, sie haben Freunde hier aus der ganzen Welt."

Mit den alteingesessenen türkeistämmigen Migranten hätte die neue Diaspora aber kaum etwas zu tun, gibt Göktan zu.

"Wir sind ein bisschen gespalten, weil die Neuen anders sind, deshalb besteht diese große Lücke zwischen uns."

Die queer-migrantischen Communities

Von dieser Lücke spricht auch Aykan Safoğlu, der gemeinsam mit Emre Busse die Ausstellung "das weiche g" im Schwulen Museum in Berlin kuratiert hat, die queer-migrantische Erfahrungswelten erforscht. Kurator Safoğlu erklärt, dass diese Ausstellung sich gerade auch an neu zugezogene Türkinnen und Türken richtet:

"Zwei Tanten von mir sind als Gastarbeiterinnen nach Deutschland gezogen damals und auch ein Onkel, aber natürlich ist deren Erfahrung anders als meine. Wir haben da eine Lücke empfunden, weil die Neuzugezogenen, die Wahlberlinerinnen, die aus der Türkei kommen, die kennen diese Geschichte nicht – und deswegen wollten wir mit dieser Ausstellung dazu beitragen, dass sie über die Geschichte der queer-migrantischen Communities etwas mehr erfahren."

Auch Clubbesitzer Göktan will Lücken schließen. Er versteht seinen neuen Club als Brücke zwischen Istanbul und Berlin. Zur Eröffnung Ende Mai lässt er Freunde des alten Istanbuler Clubs mit dem Bus nach Berlin fahren.

"Wir hoffen, türkische Künstler mit den Berliner Künstlern zusammenzubringen, ich hoffe, dass das ein anderes Gefühl erzeugen wird – und eine neue Sache für die Berliner Szene sein wird."

Noch nicht in Berlin angekommen

Aber sind die Kreativen aus der Türkei schon in der Berliner Szene angekommen? Emre Busse ist skeptisch – er wünscht sich mehr Raum für radikalere Projekte:

"Wir brauchen erst einen Raum, um ihn zerstören zu können – und wir haben den Raum noch nicht, das liegt hauptsächlich an den Vorurteilen, wenn man nicht weiß ist, ist es schwer einen Raum zu finden, noch schwerer wird es, wenn man queer ist."

Clubbesitzer Göktan hat seinen Raum schon gefunden – und der unterscheide sich inzwischen spürbar von kreativen Räumen in der Türkei:

"Man fühlt die Freiheit in Berlin, in der Türkei fühlen wir uns nicht frei, nie."

Fazit

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