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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 16.10.2017

Flüchtlingsmanagement des Landes BerlinÜberforderte Behörden, überfüllte Unterkünfte

Von Manfred Götzke

Ein Flüchtlingskind läuft in Berlin durch den Hangar 2 der Flüchtlings-Notunterkunft auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof.  (dpa / Kay Nietfeld)
Der Hangar 2 der Tempelhofer Flüchtlingsunterkunft: Die Zustände dort sind nach wie vor nicht gut. (dpa / Kay Nietfeld)

Die Hangars am Tempelhofer Feld waren als Notlösung gedacht, um Geflüchtete kurzfristig unterzubringen. Doch noch immer müssen Flüchtlinge hier leben, weil die Stadt keine Alternativen findet. Die Zustände auf dem Tempelhofer Feld sind ein Sinnbild für die chaotische Berliner Flüchtlingsverwaltung.

Fereshes persönlicher Wohnraum hat sich vor ein paar Monaten verdreifacht. Von zwei Quadratmetern auf ganze sechs. Sie teilt sich mit ihrem Mann eine Schlafbox im Hangar 2 im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Wobei von Privatraum oder Privatsphäre eigentlich gar keine Rede sein kann:  

"Es ist wirklich schwer, es ist laut, man kann hier nicht einfach leben, wir gehen zur Schule, wir brauchen Licht, aber jeden Tag um zehn Uhr wird das Licht ausgemacht. Hier gibt es viel zu viel Probleme."

Lagerhaltung von Flüchtlingen?

Die Schlafboxen: Das sind fünf mal fünf Meter weiße Wand, ohne Decke. Statt Türen gibt es einen Vorhang – aus Brandschutzgründen. Darin stehen sechs Doppelstockbetten für zwölf Personen. Für Schränke, Tische, oder auch nur einen Stuhl ist hier drin kein Platz, erzählt Sophia Schäfer vom "Tamaja", dem privaten Betreiber der Unterkunft. Sie nennt das, was ihr Unternehmen im Auftrag des Landes Berlin betreibt: Lagerhaltung.

"Für Menschen die länger unter solchen Umständen leben müssen, kann es schwierig sein, in Extremfällen bilden sie Krankheiten aus, verschiedene Symptome, die zusammengefasst werden unter Hospitalismus, das bezeichnet eine Lagerhaltung, mit allen Begleiterscheinungen. Das geht von Konzentrationsstörungen bis hin zur Suizidalität."

Zu Hochzeiten, Ende 2015, haben fast 3000 Menschen in solchen Boxen in den Hangars in Tempelhof gehaust, zurzeit sind es immer noch gut 200. 89 von ihnen leben hier, seit die Unterkunft eröffnet wurde.

"Es ist wirklich schwer"

Wie Fereshe und ihr Mann. Die 20-jährige Afghanin ist vor zwei Jahren nach Deutschland geflohen, schließlich in Berlin gelandet. Seitdem lebt sie in der Flughafenhalle ohne Privatsphäre, ohne Ruhe zum Lernen.

"Zuerst haben uns Tamaja und die Leute hier gesagt, ihr müsst sechs Monate hier bleiben, dann können Sie umziehen. Wir sind immer noch hier. Und es ist wirklich schwer."

Durch die Gänge zwischen den weißen Boxen fahren drei kleine Jungs mit Tretrollern und Kettcars. Es ist laut. Sehr laut. Dabei ist der Hangar heute fast leer.

Katastrophales Flüchtlingsmanagement des Landes Berlin

Eigentlich ist die Unterbringung in Notunterkünften wie hier in Tempelhof auf sechs Monate begrenzt, so sieht es das Asylbewerberleistungsgesetz vor. Zwei Jahre geht gar nicht, sagt Sophia Schäfer von "Tamaja".

"Eine der Fragen, die uns täglich gestellt wird ist: Wann kommen wir hier raus, das ist 'ne Frage, auf die wir keine Antwort geben können." 

Kinderkleidung hängt am 07.07.2016 in Berlin vor einem Hangar der Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof an einem Bauzaun zum trocken in der Sonne. (dpa / picture alliance / )Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof (dpa / picture alliance / )

Die Notunterkunft in Tempelhof ist seit zwei Jahren Sinnbild für das katastrophale Flüchtlingsmanagement des Landes Berlin. Während im Rest Deutschlands kaum noch Flüchtlinge in Notunterkünften leben, sind es in Berlin etwa 8000. Neben dem Flughafen unter anderem: In einem Kaufhaus, einer Mehrzweckhalle, im früheren Rathaus Wilmersdorf. Alles Gebäude, die nicht zum Wohnen geeignet sind.

Doch die Situation entspanne sich langsam, sagt Elke Breitenbach. Die Politikerin der Linken ist seit gut einem Jahr Integrationssenatorin.

"Warum dauert es so lange, weil wir einfach neue Unterkünfte bauen müssen, und auch jetzt könnte ich ihnen viele nennen, wo ich aber nicht weiß, werden die auch wirklich fertig, oder gibt es da auch Risiken. Aber wir haben sukzessive für Verbesserungen gesorgt und da freu ich mich auch drüber."

Seit zwei Jahren im Krisenmodus

Für diese Verbesserungen soll eigentlich das neue Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten sorgen. Geschaffen hatte es noch der Vorgängersenat, weil das bis dato zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (kurz: LaGeSo) mit den Flüchtlingen heillos überfordert war.

Wirklich zufrieden ist die Linke-Senatorin mit der neuen Behörde aber auch nicht.  

"Ich habe ein schweres Erbe angetreten, weil, es wurde auch einfach nie gestärkt. Man muss dieses Landesamt weiter stärken, die Kollegen, die dort arbeiten, arbeiten im Prinzip auch seit zwei Jahren im Krisenmodus und sind seit dieser Zeit auch überfordert und es wird viel von ihnen abverlangt."

Eine dieser mit Risiken behafteten neuen Unterkünfte steht genau vor Fareshes jetziger Behausung. Vor dem Hangar auf dem Tempelhofer Feld hat die Stadt ein Containerdorf gestellt, Platz für 1000 Geflüchtete. Kosten 16 Millionen Euro. Es sollte eigentlich in diesem Sommer bezugsfertig sein. Dann hieß es Ende Oktober. Jetzt: Eröffnungstermin offen.

Abbau bis 2019

Wie auf dem Katastrophen-Flughafen gibt es Baumängel und Bauschäden. Außerdem hat der Senat noch keinen Betreiber für die Container gefunden. Denn das Dorf muss laut Tempelhofgesetz schon 2019 wieder abgebaut sein. 

"Als Betreiber braucht man auch Planungssicherheit", sagt Schäfer. "Man könnte frühestens nächstes Jahr mit der Arbeit anfangen und müsste eigentlich schon an den Abbau denken, wenn man die Arbeit gerade erst aufgenommen hat."

Für die junge Afghanin Fereshe sind die Container auf dem Rollfeld dagegen fast schon ein Sehnsuchtsort. Sie will einfach nur noch raus aus der Box im Flughafen-Hangar: "Wir hoffen, dass die die Container schneller fertig bauen, es ist besser als hier."

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