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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.11.2015

Flüchtlingskrise in der EUBayern steht wieder im Mittelpunkt

Von Michael Watzke

Flüchtlinge warten am 2. November 2015 in Passau (Bayern) am Bahnhof in einem Versorgungszelt auf ihre Registrierung.  (dpa / picture-alliance / Angelika Warmuth)
Flüchtlinge in einem Versorgungszelt in Passau: Bayern ist der geografische Mittelpunkt Europas. Zur Zeit ist der Freistaat es auch wieder politisch. (dpa / picture-alliance / Angelika Warmuth)

"Mia san mia" - der Spruch steht für bayerische Eigenheiten, genauso wie für pragmatisches Anpacken der Bayern in der aktuellen Flüchtlingsdebatte. Auch in der Vergangenheit hat es bemerkenswert gut geklappt mit der Integration vieler Einwanderer.

Irgendwie schaffen sie es immer, die Bayern, im Mittelpunkt zu stehen. Gerade wieder, in Paussau, oder neulich, Anfang September, als die ersten zehntausend Flüchtlinge an den Hauptbahnhof München kamen. "Wir schaffen das" - rief die Kanzlerin. Und die Münchner schafften das. Die ganze Welt sah Bilder von helfenden, klatschenden, jubelnden, zupackenden Münchnern.

"Thank you! Thank you! Thank youu!"
"Ganz freundlich. So freundliche Menschen."

Bayern schaffte es auf die Titelseiten sämtlicher Zeitungen - von der New York Times bis zur Asahi Shimbun in Tokio. "Völker der Erde, schaut auf diese Stadt", rief ein kanadischer Fernsehreporter. Das gefiel den Bayern.

"Gott mit Dir, Du Land der Bayern." Die Vorstufe zum Paradies nennen es seine Bewohner. Dass die Bajuwaren besonders sind - daran haben sie selbst noch nie gezweifelt. Mia san mia. Wir haben den besten Fußballverein, wir bauen die besten Autos, unsere Kühe geben die beste Milch. Und die CSU fügt noch gern hinzu: Wir haben die beste Volkspartei der Welt.

Seehofers Polterei gegen Merkel ist nicht mehr glaubwürdig

In der Flüchtlingskrise allerdings tut sich Horst Seehofer allerdings schwer, Bayerns Rolle zu definieren. Erst tat er so, als wolle er sich gegen die Kanzlerin stellen. Setzte ihr gar ein Ultimatum. Das verstrich, ohne dass auch nur eine seiner Forderungen in die Tat umgesetzt worden wäre. Nach jeder Unterredung mit Angela Merkel gibt sich Seehofer zufrieden - nur um ein paar Tage später wieder von neuem loszupoltern.

Glaubwürdig geht anders - das finden inzwischen sogar viele in der CSU. Der Chef drohe alle naselang mit Konsequenzen und kündige Bundesverfassungsgerichts-Klagen an, sagt ein junger CSU-Landtags-Abgeordneter. Aber Seehofer habe nicht den Mut, die CSU-Minister aus dem Bundeskabinett abzuziehen und die Große Koalition zu verlassen. "Bayern kann es auch alleine" heißt ein Buch der CSU-Ikone Wilfried Scharnagl. Seehofer hat mit dieser Botschaft immer wieder mal geflirtet. Dabei sei das nichts als harmlose Bayerntümelei, sagt der Münchner Politikwissenschaftler Prof. Werner Weidenfeld:

"Wer würde sich denn wirklich einbilden, dass Bayern alleine das Flüchtlingsproblem dieser Welt schultert? Bayern kann noch nicht mal alleine das Schuldenproblem lösen. Also, da können Sie die Themen dieser interdependenten Gesellschaft nehmen - da spielt am Ende Hongkong eine wichtigere Rolle für uns als die bayerische Aktion dazu."

Das hört man in Bayern natürlich nicht so gern. Man hält sich hier, vor allem politisch, für den Nabel der Welt. Man verweist gern auf die Erfolge - die florierende Wirtschaft, die unverwechselbare Kultur, die besondere Atmosphäre Bayerns.

Weidenfeld: "Diese Art Atmosphäre, dass Bayern eine besondere Kultur bietet, dass Bayern ein besonderes Lebensgefühl bietet - das stimmt ja auch. Und das können Sie, wenn sie politischen Erfolg haben, auch entsprechend entfalten und weitergeben. Da ist durchaus eine gewisse Cleverness dahinter, es so zu stilisieren. Nur: sie dürfen diese Art von PR-Cleverness jetzt nicht anlegen an diese existentielle Grundsatzfrage. Das ist eine andere Dimension."

Nach innen setzt Bayern das Zeichen: Wir wollen integrieren

Die existenzielle Grundsatzfrage spürt Bayern derzeit besonders heftig. Viel stärker als andere Bundesländer. Hier, im Süden der Republik, kommen täglich bis zu zehntausend Migranten an. An manchen Tagen sind es so viele Einwanderer, wie Altötting Einwohner hat. Und das in 24 Stunden.

Noch ist die Hilfsbereitschaft in Bayern groß - nicht nur in München, auch in Freilassing oder Passau. Die Einheimischen spenden weiter Lebensmittel und Kleidung, sie helfen beim Feldbetten-Aufbauen und Bänkeschleppen. "Wir schaffen das" - auf bayerisch heißt das "Pack ma's" - und wenn jemand zweifelt, sagt man "Geh weida!". Aber die Flüchtlinge gehen nicht mehr weiter. Sie bleiben in Deutschland, sie bleiben in Bayern. Zu Hunderttausenden. Die gute Stimmung, diese besondere bayerische Lebensart aus Selbstbewusstsein und Passt-scho-Mentalität, sie verändert sich. Auch in Freilassing.

Mann: "Wir dürfen auf keinen Fall weiter so tun, als hätten wir uneingeschränkte Möglichkeiten, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir setzen falsche, verlockende Zeichen!"

Nach innen setzt Bayern das Zeichen: Wir wollen integrieren. Mit Sprachkursen, mit einem bayerischen Flüchtlings-Fernsehkanal, mit 3.700 neuen Lehrern und einem Integrations-Paket von 480 Millionen Euro.

Integration. Die vielbeschworene Aufgabe der nächsten Jahrzehnte. In Bayern ist sie in der Vergangenheit gut gelungen.

Aus vier Gründen. Erstens gab und gibt es in Bayern viel und gute Arbeit. Ohne Arbeit keine Integration. Zweitens funktioniert die Verwaltung, es ist genug Geld da, um Sprache zu fördern, Bildung zu vermitteln, Ghettos zu verhindern.

Drittens: das bayerische Selbstbewusstsein. Die Bayern sind stolz auf ihr Land, sie leben gern dahoam, sie schätzen und pflegen ihre Bräuche und Traditionen. Sie machen den Zuwanderern ein verlockendes Angebot: so leben wir hier, und ihr seid herzlich eingeladen, mitzumachen. Die meisten Zuwanderer wollen mitmachen. Sie vergessen ihre alten Wurzeln nicht, aber sie oder ihre Kinder finden neue in Bayern. Das klappt mal gut und mal weniger gut - in Bayern klappt es aber insgesamt besser als in Nordrhein-Westfalen. In München gelingt Integration besser als in Dortmund, in Nürnberg besser als in Duisburg.

Und das hat mit dem vierten Grund zu tun: Integration ist immer auch eine Frage der Zahl. Kein Forscher kann diese Zahl genau quotieren. Ein Dorf mit 1.000 Einwohnern kann sich schon mit 20 Asylbewerbern überfordert fühlen. Manche Städte, wie Augsburg, haben zehntausende Migranten aufgenommen und zu Schwaben gemacht: Schwabentürken, Schwabenserben, Senegalschwaben.

Integration à la Pumuckl: Dem Gegenüber Platz lassen

Wie Integration in Bayern funktioniert, das lernen die Kleinsten schon an einer urbayerischen Bildergeschichte: dem Pumuckl und seinem Meister Eder.

"Hurra, Hurra, der Pumuckl ist da."

Der Pumuckl, als gebürtiges Klabautermännchen eigentlich ganz und gar kein Bayer per Abstammung, war irgendwann einfach da. Ähnlich wie in heutiger Zeit die Flüchtlinge aus Syrien. Der Pumuckl landete zufällig vor der Werkstatt des Schreinermeisters Eder.

"Das ist ja eine schöne Bescherung!"
"Ich glaub, ich spinn! Das ist doch keine Maus!"
"Ich bin keine Maus! Ich bin der Pumuckl! Und ich will weg da! Los! Mach' mich weg!"

So begann die Freundschaft zweier sehr ungleicher Wesen. Einem gemütlichen Bayern und einem durchgedrehten Winzling aus Irgendwo. In mehr als 60 Folgen lernt der Pumuckl, was es heißt, bayrisch zu sein. Er lernt "geh weida" zu sagen und "passt scho", er versucht eine Mass Bier zu trinken (auch wenn das furchtbar schief geht). Und er beginnt, Fotzenhobel zu spielen. Auf deutsch: Mundharmonika.

"Ich kann's! Ich kann blasen. Ich bin der erste blasende Kobold. Ein Blasgedicht vom Pumuckl: "Was für eine feine Sache, wenn ich frohe Musik mache! Wenn ich spreche, pfeife, schimpfe oder meine Nase rimpfe! Nie mehr leb' ich ohnika meine Mundharmonika!"

Folge 48. "Nur ich sag' ich zu mir" sagt der Pumuckl zu Meister Eder. "Zu Dir sag' ich Du." "Und mia san mia!" sagt Meister Eder. Besser hat das bayerische Selbstverständnis niemand je zusammengefasst . Dieses anarchische und lebensfrohe, manchmal lässige und manchmal lästige, aber immer zauberhafte Um-sich-selbst-Kreisen, das aber auch dem Anderen, dem Gegenüber, dem Mitmenschen einen Platz lässt. Auch, wenn er von weit her kommt. Aus Syrien zum Beispiel.

"Ja wo schlafs den jetzt?"
"Ja, da, guck mal hier. Ich habe dir so viel zu erzählen. Von der schönen blauen Donau. Und vom Schwarzen Meer. Und von singenden Küchenköchen. Leb wohl, du Schwarzes Meer."
"Hurra, Hurra, der Pumuckl ist da."

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(Deutschlandfunk, Interview, 10.10.2015)

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