Flüchtlingshilfe

Akt der Menschlichkeit

Flüchtlinge aus Afrika stehen in einem Schlauchboot, das im Mittelmeer treibt - sie werden schließlich von einem italienischen Rettungsschiff geborgen.
Flüchtlinge aus Afrika stehen in einem Schlauchboot, das im Mittelmeer treibt - sie werden schließlich von einem italienischen Rettungsschiff geborgen. © dpa / picture-alliance / Giuseppe Lami
Von Sieglinde Geisel · 26.11.2014
Die Debatte um eine gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik zieht sich in die Länge. Deutschland sollte die Initiative ergreifen – denn hierzulande habe man eine historische Verantwortung, meint die Journalistin Sieglinde Geisel.
Mit dem Ende des Kalten Kriegs schien vor 25 Jahren auch die Geschichte an ihr Ende gekommen zu sein – jedenfalls war die These von Francis Fukuyama damals nicht völlig abwegig. Heute ist die Weltgeschichte wieder in vollem Gang, und niemand wagt vorauszusagen, wie die Welt in 25 Jahren aussehen wird.
Die aktuellen Konflikte erzeugen Flüchtlinge: Seit dem Zweiten Weltkrieg waren nicht mehr so viele Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. In Syrien befindet sich bekanntlich das halbe Land auf der Flucht, viele innerhalb des Landes. Anderthalb Millionen harren in der Türkei in Lagern aus, der kleine Libanon beherbergt eine Million.
Eine Zukunft jedoch gibt es auch dort nicht. Eine solche können sich Flüchtlinge nur in Europa erhoffen, deshalb riskieren viele von ihnen alles, um dorthin zu gelangen, meist über das Mittelmeer, andere Wege gibt es kaum mehr.
Denn Europa tut alles, um die Flüchtlinge fern zu halten. Italien und Griechenland erhalten von der EU sehr viel mehr Geld für den Ausbau der Grenzkontrollen als für die Versorgung der Flüchtlinge. Eine Flüchtlingspolitik, die den Namen verdient, gibt es nicht, stattdessen wird an der Südküste Europas improvisiert und laviert, oft weit jenseits des menschlich Zumutbaren.
Bis zu 30.000 Menschen sind seit der Jahrtausendwende auf der Fahrt übers Mittelmeer umgekommen, so die Schätzungen. Nachrichten und Appelle gibt es durchaus: Ein Besuch auf Lampedusa war im vergangenen Sommer die erste Amtshandlung von Papst Franziskus, er sprach von einer fatalen "Globalisierung der Gleichgültigkeit".
Ist die Region uns menschlich zu fern?
Jüngst war eine Aktion des Berliner "Zentrums für politische Schönheit" in die Schlagzeilen gelangt: Die Aktionskünstler hatten die weißen Mauerkreuze an der Spree abgebaut und sie an die umkämpften Ränder Europas verbracht, um auf den Skandal der zigtausenden von Mittelmeertoten aufmerksam zu machen. Doch auch diese Aufregung blieb ein medialer Sturm im Wasserglas.
Wir wollen lieber nicht so genau wissen, was sich auf hoher See abspielt. Denn Wissen schafft Verantwortung – Mitwisser sind juristisch strafbar. Eine Gesellschaft, die wegschaut und nicht handelt, verliert jedoch auch ihre moralische Integrität.
An seinen Grenzen verrät Europa die Werte, für die es steht. Wir wehren uns gegen Flüchtlinge wie gegen einen Feind. Ihr Elend beschädigt auch uns: Wer sich dem Wissen über diese Tragödie aussetzt, sich das Elend auf den Booten vorstellt, ertrinkende Kinder zum Beispiel, empfindet Scham.
Der Westen kann die Probleme des Nahen Ostens nicht lösen, Katastrophen wie die Bürgerkriege in Syrien und dem Irak sind nicht beherrschbar. Doch ist uns diese Region menschlich so viel ferner als Bosnien?
Deutschland hat Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen
350.000 Flüchtlinge hatte Deutschland seinerzeit aufgenommen, über neunzig Prozent von ihnen sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Aus Syrien sollen nun 20.000 Menschen Aufnahme finden – damit liegt Deutschland in Europa sogar an der Spitze. Wie dramatisch die Lage ist, haben wir noch kaum begriffen. Millionen sehen nun den Schrecken des Winters entgegen.
Was würde geschehen, wenn wir die Bürgerkriegsflüchtlinge in einem Flugzeug über dieses Meer kommen ließen, so wie wir selbst es überwinden, wenn wir gerade Lust haben auf einen Urlaub in wärmeren Gegenden? Was würde eine unbürokratische, großzügige Flüchtlingshilfe die EU kosten?
Es wäre ein Akt der Menschlichkeit, zwar kostspielig und politisch unpopulär, dafür aber mutig. Die Deutschen hätten durchaus einen Grund dafür, den anderen Europäern damit voranzugehen. Schließlich hat Deutschland im 20. Jahrhundert Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen. Nun wäre Gelegenheit für eine echte Wiedergutmachung.
Sieglinde Geisel, 1965 im schweizerischen Rüti/ZH geboren, studierte in Zürich Germanistik und Theologie. Als Journalistin zog sie 1988 nach Berlin-Kreuzberg.
Nach dem Mauerfall schrieb sie Porträts über die Metropolen Ostmitteleuropas und lebte vorübergehend in Lublin (Polen). Für die Neue Zürcher Zeitung war sie von 1994 bis 1998 Kulturkorrespondentin in New York, seit 1999 ist sie es in Berlin.
2008 erschien ihr Buch "Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert", 2010 der Band "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille".
Sieglinde Geisel, freie Journalistin
Sieglinde Geisel, freie Journalistin© privat
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