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Zeitfragen | Beitrag vom 07.09.2020

Flüchtlinge und ArbeitsmarktCorona erschwert die Integration

Von Manfred Götzke

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Eine Frau mit blauem Kopftuch schraubt an einer Autobatterie. (imago / photothek / Michael Gottschalk)
Geringe Qualifikation und schlechte Sprachkenntnisse - Flüchtlinge gehören zu den ersten, deren Jobs in der Coronakrise bedroht sind. (imago / photothek / Michael Gottschalk)

Viele Flüchtlinge haben in den vergangenen Jahren einen Job oder eine Ausbildung gefunden. Doch diese Erfolge sind in Gefahr. Seit der Coronakrise steigt die Arbeitslosigkeit unter Flüchtlingen und Migranten wieder an.

Salat, Tomaten, Zwiebeln schneiden, nochmal durchfegen – dann den Pizza-Ofen anschmeißen: Es ist kurz nach 11, und Abdulrahman Tawil macht sich bereit für die ersten Mittagsgäste.

Schon seit einer guten Stunde wuselt der 24-jährige Syrer in der Küche seiner Imbissbude "Bella Syria" herum – die, wie der Name suggeriert, Italienisches und Syrisches im Angebot hat.

"Normalerweise gibt es Pasta, Pizza, syrische Gerichte und wir machen auch Catering und Partyservice."

Vor einem Jahr hat sich Abdulrahman selbstständig gemacht. Erst mit einem Imbisswagen, seit Anfang des Jahres mit seinem kleinen Restaurant hier am S-Bahnhof Ahrensfelde, ganz im Nordosten Berlins. Eigentlich ein guter Plan, meint Abdul, wäre nicht Corona dazwischengekommen.

"Es war immer ein Traum für mich, dass ich was für mich selbst habe. Es lief auch eigentlich gut – wir haben sogar das Angebot vom Bezirksamt bekommen, für die Catering zu machen –, aber dann kam Corona. Richtig scheiße."

Für die Imbissbude verkaufte er seinen Bauernhof 

Mehr als 10.000 Euro hat er in Küchengeräte und Lüftung investiert. Er hat sich dafür bei Freunden verschuldet, seinen Bauernhof in der syrischen Heimat verkauft. Alles für seinen Traum – das eigene Restaurant. Jetzt weiß er nicht, ob und wann er das Geld je zurückzahlen kann.

"Ich wollte schon vor ein paar Monaten eröffnen, aber dann hatten wir Schwierigkeiten. Die ganzen Geräte da reinzumachen und zu kaufen, war sehr schwer, finanziell. Dann hat es lange gedauert, dann kam Corona – und wir konnten den Umbau nicht fertigmachen, wegen Abstand halten und sowas… Vier Monate ist der Laden geschlossen geblieben."

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Abdulrahman ist vor fast genau fünf Jahren nach Deutschland gekommen, gemeinsam mit seiner Cousine aus dem syrischen Homs geflohen. Er fühlte sich ziemlich bald ziemlich gut integriert, erzählt er. Nach dem Sprachkurs hat er problemlos einen Ausbildungsplatz zum Krankenpfleger bekommen.

"Ich habe die Ausbildung nur drei Monate gemacht, dann musste ich Schluss machen und habe gearbeitet."

Das Geld in der Ausbildung reichte einfach nicht, denn Abdulrahman musste seine Familie in Syrien unterstützen. Er fing an zu jobben.

"Überall eigentlich, erst in einem Restaurant in Karl-Marx-Straße, dann als Umzugshelfer, dann wieder in einem Restaurant am Kudamm."

Das duale Ausbildungssystem taugt für viele Flüchtlinge nicht

Ein Klassiker, erzählt Peter Hermanns vom Internationalen Bund. Der Sozialarbeiter leitet seit sechs Jahren eine Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Köpenick. Hermanns kennt sich mit der Flüchtlingspolitik und Flüchtlingsbürokratie in Deutschland bestens aus – mehr als 2000 geflüchtete Menschen hat er in den vergangenen Jahren kennen gelernt, viele über Jahre hinweg begleitet und betreut. Auch Abdulrahman hat anfangs in seinem Heim gelebt.

"Wir waren lange Zeit stolz darauf, dass wir in Deutschland das duale Ausbildungssystem haben, nur ist das für einen großen Teil der Geflüchteten überhaupt nicht tauglich", sagt Hermanns.

"Die sind einfach auf Einkünfte angewiesen, unter anderem weil sie Geld in ihre Herkunftsländer schicken müssen, weil die Angehörigen keine Chance haben nachzuziehen. Die sind gezwungen zu jobben – und eine reguläre Arbeit ist oft ein Traum."

Ein großer Teil der Geflüchteten ist deshalb prekär auf dem deutschen Arbeitsmarkt unterwegs. Wie Abdulrahman ohne formalen Abschluss – mal hier, mal dort jobbend.

"Deshalb waren auch Geflüchtete zu einem überproportionalen Teil von der Coronakrise betroffen, indem sie ihren Arbeitsplatz verloren haben. Weil die natürlich in Jobs arbeiten, die in Branchen sind, die besonders von Corona betroffen sind und wo man nicht sagen kann, ich mache das jetzt vom Homeoffice aus – Beispiel Gastronomie, das ist ein großes Feld, wo viele Geflüchtete arbeiten."

Geflüchtete Frauen haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer

Drei Jahre lang ist die Arbeitslosenquote bei den Geflüchteten gegenüber dem Vorjahr gesunken. Seit April aber steigt sie wieder. 40 Prozent waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in diesem Juli arbeitslos, die Quote ist um knapp 30 Prozent angestiegen. In wirtschaftlich angespannten Zeiten wiegen fehlende Sprachkenntnisse und eben auch Qualifikationen nach Einschätzung der Agentur besonders schwer.

Und besser dürfte es in den kommenden Monaten nicht werden: Eine Viertelmillionen Zuwanderer hat bundesweit ihre Sprach- und Integrationskurse coronabedingt unterbrochen, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Kurse sind seit April komplett eingestellt oder in den digitalen Raum verschoben worden.

Insgesamt sei die Integration der Geflüchteten aber ganz gut verlaufen, meint Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Wissenschaftlerin hat 8000 Menschen befragt, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland geflohen waren. Lag deren Erwerbsbeteiligung 2016 noch bei durchschnittlich 14 Prozent, ist dieser Wert 2018 auf 43 Prozent angestiegen

"Geflüchtete mit einer höheren Bildung, männliche Geflüchtete und Geflüchtete mit einem guten psychischen Gesundheitszustand finden eher eine Beschäftigung", sagt Spieß. "Andere Gruppen mit niedrigerer Bildung und auch Frauen, was eine wichtige Erkenntnis ist, haben niedrigere Erwartungen im Hinblick auf eine Beschäftigung, sind sehr viel weniger in den Arbeitsmarkt integriert."

Gesetzliche Hürden erschweren die Integration

Gerade bei der Bildung und der beruflichen Integration der Frauen gebe es also noch viel zu tun, so Spieß. Und es gibt ein weiteres Problem: Geflüchtete sind überproportional häufig prekär beschäftigt – oder arbeiten schwarz, sagt Heimleiter Hermanns.

"Es gibt sehr viele Menschen, die in sozialversicherungsfreien Tätigkeiten arbeiten, um es mal so zu formulieren, und es gibt sehr viele Menschen, die darauf warten, in qualifizierteren Berufen zu arbeiten. Aber da gibt es sehr viele Hürden, immer noch."

Zwei Eritreer sitzen während einer Jobbörse einer Beraterin gegenüber. (imago / Rainer Weisflog)Mit der Veranstaltung von Jobbörsen wie hier in Cottbus 2016 wurde versucht, Flüchtlinge und Migranten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. (imago / Rainer Weisflog)

Viele Hürden und kaum Erleichterungen. Nur eine neue gesetzliche Regelung habe Geflüchteten den Zugang zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt wirklich erleichtert, sagt Hermanns, die so genannte Ausbildungsduldung, auch Drei-plus-zwei-Regelung genannt: Damit haben Menschen mit einer Duldung die Chance, über die Zeit der Ausbildung in Deutschland zu bleiben. Werden sie danach übernommen, haben sie zwei weitere Jahre.

"Sonst gibt es aber kaum Positivbeispiele. Wir haben ein Riesenproblem damit, dass Menschen in ungeklärten Aufenthaltssituationen sind, teilweise keine Arbeitserlaubnis bekommen oder sie sogar entzogen bekommen, obwohl sie bereits mehrere Jahre arbeiten und von der Abschiebung bedroht sind. Da kann man sich keine berufliche Existenz aufbauen. Was die Rahmenbedingungen angeht, sehe ich es eher skeptisch bis negativ."

Die praktischen Fähigkeiten der Flüchtlinge besser nutzen

Ein Problem ist nach wie vor die mangelnde Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, aber auch der praktischen Fähigkeiten von Geflüchteten.

"Da wäre es entscheidend, dass Tests eingeführt werden, wo die Leute zeigen können, was sie eigentlich praktisch draufhaben. Das ist noch nicht die Theorie, das ist klar. Die kommt dann im Nachhinein noch dazu. Aber es wäre erstmal gut, die praktischen Fähigkeiten, die viele haben, einfach zu nutzen."

Abdul hat in seinem Restaurant inzwischen Verstärkung bekommen. Ein befreundeter syrischer Koch ist vorbeigekommen. In den nächsten Wochen will er ihm in seinem Restaurant mithelfen.

"Das ist sehr nett von ihm, dass er mir für den nächsten Monat umsonst helfen würde – dann würde ich ihn einstellen."

Wenn der Laden dann läuft. Für die nähere Zukunft wünscht sich der syrische Jungunternehmer deshalb vor allem eins.

"Viele Gäste. Und dass ich die Familie in Syrien besuchen kann. Irgendwann."

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