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Studio 9 | Beitrag vom 02.05.2016

Flüchtlinge und ArbeitsmarktAcht Formulare zusätzlich

Von Felicitas Boeselager

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Stempel in einer Amtsstube (dpa/Robert B. Fishman)
Hoher bürokratischer Aufwand und strenge arbeitsrechtliche Vorgaben erschweren Unternehmen zufolge die Einstellung von Flüchtlingen (dpa/Robert B. Fishman)

Wenn Unternehmen Flüchtlinge einstellen wollen, müssen sie bürokratische Hürden überwinden. Die Reinigungsfirma Gegenbauer hat Erfahrung mit der Beschäftigung von Flüchtlingen. Derzeit macht Almami Soumah aus Guinea dort eine Ausbildung zum Gebäudereiniger.

Soumah: "Und wieviel Watt diese Gerät hat, als Leistung?"

Block: "Das ist ne gute Frage, das Gerät hat 2000 Watt Leistung."

Soumah: "Bitte?"

Block: "2000 Watt."

Soumah: "2000 Watt?"

Block: "Hm?"

Soumah: "Ok."

Block: "Ja, also jetzt hat das Gerät zwei Stufen, die eine…"

Regale voll mit neuen Vokabeln

Ausbildungsleiter Dirk Block erklärt dem Azubi Almami Soumah, wie er einen Staubsauger bedienen soll. Beide stehen in einem kleinen Lagerraum der Gegenbauer-Filiale im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Es riecht scharf und gleichzeitig süß, nach Putzmitteln. In den Regalen stapeln sich Besen, Sauger, Lappen und Eimer voll chemischer Reinigungsmittel. Für Soumah sind das Regale voll mit neuen Vokabeln.

Block: "Almami, erinnern Sie sich an unser nettes Gerät?"

Soumah: "Hm."

Block: "Die Sprühextraktionsmaschine?"

Soumah kommt aus Guinea. Dort hat er einen Bachelor in Wirtschaft gemacht. Seit sein Vater an Ebola gestorben ist, schlägt er sich alleine in Deutschland durch.

Das ganze Leben passt in einen Aktenkoffer

Im Januar startete er bei der Firma Gegenbauer eine Ausbildung zum Gebäudereiniger. Für diesen Ausbildungsplatz musste er lange kämpfen, nicht bei der Firma, sondern bei der Ausländerbehörde:

"Ja, ich habe immer angerufen, weil ich wollte etwas haben, ja, ich bin jung, ich habe mehr Zeit für die Zukunft, ich soll auch das Staat nochmal helfen."

Der Ausbildungsleiter beobachtet Soumah und grinst:  

"Der hatte immer nen Aktenkoffer dabei und da hatte er sein ganzes Leben drin. Also sämtliche Bescheinigungen, die man braucht, hatte er in diesem Aktenkoffer, ja. Ich hab immer gesagt, Almami, pass auf, dass Du den Aktenkoffer nicht verlierst. Und er konnte alles vorlegen: polizeiliches Führungszeugnis, Steueridentnummer, Sozialversicherungsausweis, Personalausweis bzw. Pass. Zack, zack, zack und das war toll, also das hat mir gut gefallen, das hat mir sehr imponiert, ja."

Die Einstellung Auszubildender ist vergleichsweise leicht

Zwei Stockwerke weiter oben beugt Thorsten Löffler seinen Kopf über einen Aktenstapel. Er ist zuständig für die Integration von Personen mit erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt. Weil Soumah Auszubildender ist, war seine Einstellung vergleichsweise leicht. Wer dagegen Geflüchtete als reguläre Arbeitskraft einstellen will, braucht Geduld:

"Das ist ein immenser Aufwand, das ist ja gar nicht zu vergleichen, wie wenn jetzt ein Deutscher, oder ein EU-Bürger sagt, der füllt einen Personalfragebogen aus, und dann geht das alles sehr schnell seinen Weg, dann ist ja ne Einstellung praktisch von heut auf morgen möglich. Also wenn man das mal so vom Zeitfaktor sieht, fast von heut auf morgen gegenüber acht neun Wochen."

Sieben bis acht Formulare zusätzlich muss Löffler für die Einstellung von Geflüchteten einreichen. Darunter ein Schreiben, in dem begründet wird, warum der Geflüchtete genau auf die ausgeschriebene Stelle passt. Und der "Antrag auf Erlaubnis einer Beschäftigung", den der Geflüchtete selber ausfüllen muss. Das alles muss dann durch die Vorrangprüfung der Ausländerbehörde und kann dauern. Selbst wenn Löffler nachfasst, wie jetzt:

"Gegenbauer Services Thorsten Löffler. Guten Tag, hallo. Ich hatte vor einiger Zeit einen Antrag zur Überprüfung zur Einstellung gestellt und zwar ist das die Vorgangsnummer 437/539. Spreche ich übrigens mit Frau Henschel?"

Haupthindernisse: fehlende Sprachkenntnis und Bürokratie

In Deutschland beschäftigen bisher sieben Prozent der Unternehmen Flüchtlinge. Als größtes Hindernis gilt neben den Sprachbarrieren die mangelnde Unterstützung der Behörden. Löfflers Arbeit ist manchmal frustrierend. Nicht nur wegen des großen Aufwandes. Sondern auch weil es passieren kann, dass neu eingestellte Arbeitskräfte ohne Vorwarnung abgeschoben werden. Trotz der Rückschläge macht er seine Arbeit gerne:

"Wir haben so die Erfahrung gemacht, dass die Motivation bei den Geflüchteten unheimlich hoch ist und da ist ein Wille da, ja also man sieht in den Gesichtern auch immer ne Hoffnung, die damit verbunden ist, jetzt hier bleiben zu können, sich einbringen zu können in die Gesellschaft."

Zurück im Erdgeschoss. Gegenüber demLagerraum ist das Büro von Dirk Block. Soumah gibt seine Meldebestätigung ab. Der letzte administrative Schritt ist geschafft.

"Ja, Almami, vielen Dank, ganz wichtig für den Arbeitgeber, dass wir wissen, wo Sie wohnen."

Soumah: "Gerne."

Block: "Da sind Sie ja jetzt umgezogen nach Berlin Mitte, jut. Wir haben jetzt Ihre Bestätigung und können die in Ihre Personalakte einlegen."

Soumah: "Danke."

Traumberuf Gebäudereiniger?

Einmal pro Woche sprechen der Azubi und Block über den Verlauf der Ausbildung, den Deutschkurs, die Kollegen und Soumahs Pläne. Der Betreuungsaufwand eines Geflüchteten ist sehr hoch – schweißt aber auch zusammen:

Block: "Nu is Gebäudereiniger zu werden nicht unbedingt der Traumberuf, aber…"

Soumah: "Nee, zur Zeit ist das mein Traumberuf. Ja, ich habe ein Projekt aufgebaut und dann, vielleicht drei Jahre und dann sagt ihr, was habe ich…"

Block:  "Vielleicht löst er mich mal ab." (beide lachen)

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