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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 11.09.2016

FlüchtlingeDie Retter vom Mittelmeer

Von Philipp Eins

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Flüchtlinge auf einem Boot im Mittelmeer (René Schulthoff / SOS Mediterranee)
Flüchtlinge auf einem Boot im Mittelmeer (René Schulthoff / SOS Mediterranee)

Die Balkanroute ist geschlossen, doch weiterhin flüchten tausende Menschen übers Mittelmeer nach Europa. Allein in diesem Jahr fanden dabei 3000 den Tod. Die Hilfsorganisation SOS Mediterranee versucht, weitere Opfer zu verhindern. Die freiwilligen Retter kommen dabei nicht selten an ihre physischen und psychischen Grenzen.

Sie kommen aus Somalia, Eritrea oder Nigeria. Manche haben nicht einmal Schuhe an, geschweige denn ein Handy dabei. Die Habseligkeiten in einer Plastiktüte, steigen sie in windschiefe, überfüllte Boote, um von Libyen aus nach Europa zu gelangen. 3000 haben allein in diesem Jahr im Mittelmeer ihr Leben verloren.

Till, 24 Jahre alt, und Björn, 47 Jahre alt, beide aus Deutschland, haben sich entschlossen, sich in diesem Sommer der Organisation SOS Mediterranee anzuschließen, die Schiffbrüchige rettet.

Björn ist erfahren, er hat lange bei der Bundeswehr im zivilen Rettungsdienst gearbeitet. Er hat keine politische Mission. Er rettet Menschenleben, weil er es kann. "Da wo ich gebraucht werde, da gehe ich hin", sagt Björn. Sein Beruf sei für ihn Berufung. "Und wenn ich dadurch noch Menschenleben retten oder erleichtern kann – dann ist das ein Job, den ich machen muss."

Till dagegen ist Neuling. Er will etwas tun und nicht zusehen, wie Menschen aus purer Not ertrinken.

"Ich kenne es, auf dem Ozean zu sein vom Segeln. Aber in dieser Art, mit einem Team, mit so einem tatsächlichen, so einem großen humanitären Einsatz ist es absolut neu für mich."

Herz-Lungen-Wiederbelebung gehört zum Trainingsprogramm

Trainig einer Herz-Lungen-Wiederbelebung bei der Hilfsorganisation SOS Mediterranee (Deutschlandradio Kultur / Philipp Eins)Trainig einer Herz-Lungen-Wiederbelebung bei der Hilfsorganisation SOS Mediterranee (Deutschlandradio Kultur / Philipp Eins)

Für unerfahrene Helfer wie Till finden an Bord Trainings statt. Die Herz-Lungen-Wiederbelebung zum Beispiel wird an einer Puppe geübt: 

"So now the next key is that you do it at the right rythm. So start singing in your head: Ah, ah, ah, ah, stayin alive! – Faster! – Stayin alive! Faster, faster, faster! (klatschen) Ah, ah, ah, ah, stayin alive! Stayin alive! Quicker! You’re not going fast enough! He’s dying..."

Nach drei Tagen kommt es zum ersten Einsatz. Jetzt muss alles rasend schnell gehen: Schwimmwesten in die Rettungsboote, rein ins Wasser, Ruhe bewahren, Massenpanik verhindern, Flüchtlinge auf das Schiff bringen. Björn ist beim Rettungseinsatz im Wasser dabei, Till bleibt an Bord und begrüßt die Flüchtlinge. 551 Menschen können gerettet werden, alle sind völlig erschöpft. Auch die Helfer kommen an ihre physischen und psychischen Grenzen. 

Traumatische Überfahrt

Nachdem alle wieder etwas Kraft geschöpft haben, möchte Till möglichst viel über die Schicksale der Menschen auf dem Boot erfahren. Alle haben eine schreckliche Zeit in Libyen hinter sich, besonders schlimm ist es für die Frauen, erzählt Goodness: 

"In Libyen gibt es für Frauen wie uns keine Arbeit. Selbst wenn du eine Ausbildung hast, hilft dir das nicht. Ich traf eine Frau. Sie sagte, wenn du klug bist, machst du, was die Männer von dir verlangen. Dann wird dir nichts geschehen. Ich fragte, was ich tun soll. Sie sagte, ein Mädchen wie du hat keine andere Wahl: Sie fickt, um Geld zu verdienen."

Mohammed erzählt Till von der traumatischen Überfahrt: 

"Wir haben so gelitten auf dem Meer. Wir hatten Hunger und Durst. Ich habe sogar das Salzwasser auf dem Boden des Boots getrunken. Es war mit Benzin gemischt. Ich musste mich dreimal übergeben. Ich war kurz davor, zusammenzubrechen."

Björn sucht im Gegensatz zu Till nach dem Einsatz keine Gesellschaft. Er will für sich allein sein und das, was er erlebt hat, Revue passieren lassen.

"Das Bemerkenswerteste ist der Kleine, den ich heute vom Holzboot in den Arm gedrückt bekommen habe. Der war gerade mal ein oder anderthalb Jahre alt. Das werde ich auch in zig Jahren noch haben, dieses Gefühl, dieser Blick, dieses – er fühlt sich in meinem Arm wohl, geborgen."

60 Prozent müssen zurück

Gerettete Flüchtlinge auf einem Schiff der Hilfsorganisation SOS Mediterranee (Deutschlandradio Kultur / Philipp Eins )Gerettete Flüchtlinge auf einem Schiff der Hilfsorganisation SOS Mediterranee (Deutschlandradio Kultur / Philipp Eins )551 Flüchtlinge sind zwar gerettet, aber jetzt ist schon klar: Die italienischen Behörden auf Sizilien, wohin das Schiff jetzt steuert, werden rund 60 Prozent der Asylanträge ablehnen. Sie werden den Geretteten eine Aufforderung zur sofortigen Ausreise aushändigen. Aber wohin sollen sie gehen?

Die Reise der Flüchtlinge über das Mittelmeer ist fast vorbei. Die Reise in ein anderes Leben hat für sie aber gerade erst begonnen.

Philipp Eins (Deutschlandradio Kultur / Philipp Eins)Philipp Eins (Deutschlandradio Kultur / Philipp Eins)Philipp Eins ist freier Journalist. Er sagt: "Wer sich in ein Schlauchboot setzt, ohne zu wissen, ob er jemals in Europa ankommt, macht das nicht für ein paar Euro Sozialhilfe. Er macht es, weil er keine andere Chance zum Überleben sieht. Stimmungsmache gegen Flüchtlinge in Deutschland macht mich nach dieser Recherche umso wütender. Wer kann von Gewalt und Armut betroffenen Menschen verübeln, dass sie sich ein besseres Leben in Freiheit wünschen? Würden wir an ihrer Stelle nicht den gleichen Weg gehen, wenn wir die Kraft und den Mut dazu hätten?"

(tmk)

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