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Reportage / Archiv | Beitrag vom 27.02.2013

Flüchtlinge auf "Lagertour"

Deutsche Musiker gehen mit Flüchtlingen auf Tournee

Von Katrin Albinus

Vor Kurzem haben Flüchtlinge mit einem Protestmarsch nach Berlin und einem Camp in der Stadt auf ihre Situation aufmerksam gemacht. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Vor Kurzem haben Flüchtlinge mit einem Protestmarsch nach Berlin und einem Camp in der Stadt auf ihre Situation aufmerksam gemacht. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Konzerte mit Hindernissen: Geld haben die Musiker kaum, nicht immer erhalten die Asylbewerber die Erlaubnis der Behörden für die Reise. Trotzdem planen sie mehr als 100 Konzerte in ganz Deutschland. Und sie wollen ihrem Publikum Flüchtlingsheime von innen zeigen.

Samstagnachmittag, in einem kleinen Tonstudio im Hamburger Stadtteil Billstedt. Heinz Ratz und sein Band "Strom und Wasser" treffen sich vor der "Lagertour 2013" noch einmal mit einigen der "Refugees" zu einer Probe. Nuri steht am Mikro, ein Flüchtling aus Dagestan. Er rappt mit Hossein aus Afghanistan. Jacques und Revelino warten auf ihren Einsatz, sie kommen von der Elfenbeinküste:

"Würde jetzt Nuri kommen?"
"Ja.”
"In your Song, because you change with Nuri and Olga. Is it now, when Nuri would sing?”
"Ja, also wärst du jetzt dran. Zweiten Part mach' ich."
"Ok, dann würde er den zweiten Part machen."

Acht Flüchtlinge sollen mit der Band auf Tour gehen, aber nur vier sind heute da. Die anderen konnten nicht anreisen. Sei es, weil das Geld fehlt oder die Behörde keine Reisegenehmigung erteilt hat. Flüchtlinge dürfen ihren Landkreis nur mit einer Sondergenehmigung verlassen. Nuri und Hossein haben ein Lied geschrieben, das sie hier zum ersten Mal zusammen proben.

Hossein: "Entschuldigung, Entschuldigung, eine Frage. Ich muss vier mal sagen, oder? We make money, money ist honey, we make money, money ist honey. Du hast ein Klang, you know, what I mean?"
Nuri: "Du hast mir so gesagt!"
Hossein: "Ja, ich weiß. Aber zuerst, du hast... weißt was ich mein'?"
Nuri: "Ok, wenn du fertig bist, nach Refrain, muss ich anfangen..."
Keyboarder: "Ja, vier mal, er macht es vier mal. Komm, wir übens grad mal..."

Der Liedermacher Heinz Ratz (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Der Liedermacher Heinz Ratz geht mit seiner Band und Flüchtlingen auf Tournee. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)In dem Lied geht es um das Thema Geld, und was es bedeutet, in einem reichen Land keines zu haben. Da Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen und nur ein Taschengeld erhalten, bestimmt das Thema ihren Alltag. Aber auch der Band fehlt Geld, wenn sie jetzt auf Tour geht. Das erzählt Heinz Ratz, Musiker und Initiator des Projektes, in einer Pause:

"Es ist natürlich schon sehr teuer. Wir haben ein paar Sponsoren gefunden, allerdings letztlich zu wenig, um diese 100 Konzerte, die dieses Jahr anstehen wirklich finanziert zu bekommen. Das meiste müssen wir eben durch die Konzerte selber reinbekommen und durch Spenden."

Die Band wird in Kulturzentren in ganz Deutschland auftreten und hofft auf viele Konzertbesucher. Allerdings gibt es da noch ein paar Unwägbarkeiten: Oft entscheidet sich erst in letzter Minute, ob die Flüchtlinge eine Genehmigung der Behörde bekommen, ihren Landkreis zu verlassen. Und immer reist auch die Angst mit, dass einer der Musiker plötzlich abgeschoben werden könnte. Aber dennoch: Mit der Tour verbindet die Gruppe vor allem Hoffnung. Ratz:

"Dass wir einmal politisch viel bewirken können, indem wir auf das Elend in den Flüchtlingslagern aufmerksam machen können, und zwar auch dadurch, dass wir Konzertzuschauer und Flüchtlinge zusammen bringen an den Abenden, das ist doch 'ne große Hoffnung."

Die Bandmitglieder wollen Besuche in Flüchtlingsheimen anbieten, damit die Konzertbesucher die Lebensumstände in den Lagern kennenlernen. Die allermeisten kennen sie nur vom Hörensagen. Der 20-jährige Nuri hingegen hat neun Jahre in verschiedenen Flüchtlingsheimen gelebt, zuletzt im niedersächsischen Meinersen. Das Heim liegt in einem Gewerbegebiet am Rande der Stadt an der Bundesstraße 188. Ein roter, zweistöckiger Backsteinbau, umgeben von einem Zaun. Nuri Arslanov, 1,80 groß, braune, kurz rasierte Haare mit einer Tolle in der Stirn, will das Zimmer zeigen, in dem er mit seiner Familie bis vor zwei Jahren gewohnt hat.

Michael Funke von der Ausländerbehörde begleitet Nuri. Familie Arslanov ist vor dem Bürgerkrieg aus Dagestan im Nordkaukasus geflüchtet. Das war vor elf Jahren. Inzwischen wohnt die Familie nicht mehr in Meinersen, sondern in einer eigenen Wohnung im 15 Kilometer entfernten Gifhorn. Nuri fragt den Heimleiter nach seinem alten Zimmer.

Heimleiter: "Oben, 'ne."
Nuri: "Ne, wir haben hier gewohnt, ein Zimmer weiter."
Funke: "Ist da jemand drin?"
Heimleiter: "Ja, da ist jemand drin. Aber in ein Zimmer können Sie mal reinkucken, da is'..."
Funke: "Ist das identisch ungefähr?"
Heimleiter: "Ja, das ist bloß bissel größer."

Das etwa 20 Quadratmeter große Zimmer ist derzeit unbewohnt. Zwei graue, metallene Doppelstockbetten stehen an einer Wand, gegenüber zwei Stahlschränke, ein kleiner Tisch, ein paar Stühle. Zurzeit leben 60 Flüchtlinge hier, sie kommen vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Albanien, Russland und Afghanistan. Manchmal müssen bis zu 80 Bewohner sich die Schlafstätten, zwei spärlich ausgestattete Küchen und zwei Waschräume teilen. Neun Jahre musste Nuris Familie warten, bis sie endlich eine eigene Wohnung bekam.

Nuri ist stolz auf seine eigenes Zimmer im Keller. Er hat es mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet. Er setzt sich auf ein weißes Kunstleder-Sofa und erzählt davon, wie es ist, in einem Flüchtlingsheim groß zu werden und gleichzeitig in Deutschland zur Schule zu gehen. Er schämt sich vor seinen Kumpels zu erzählen, dass er in einem Asylheim wohnt. Nach der Schule will er eine Lehre als Fliesenleger machen. Doch noch ist die Zukunft unsicher, denn nach wie vor hat die Familie nur eine Duldung. Sein einziger Lichtblick ist die Musik:

"Wenn ich Musik mache, finde ich erst mal so ne Ruhe in mir drinne, weil wenn ich ein Problem hab und das den Leuten erzähle, wenn ich diesen Stress aus mir raus lasse, und wenn ich dann noch in andere Städte fahre und dann dort Musik mache, das bringt mich erstmals so‘n bisschen aus der Sache raus. Deswegen - ich liebe es einfach, Musik zu machen."

Nuri singt:

"Flüchtlinge flüchten hier her nach Deutschland, hier her nach Deutschland, weil sie Freiheit gewollte haben - guck, jetzt steh ich hier auf der Bühne und ich rappe von meinem Leben und was ich fühle, ich fühle Hass von den Menschen, aufgewachsen im Asylheim, man ich kann es nicht vergessen, wozu all der Stress..." (bricht ab)
"Können wir das neu machen? Das hängt gerade oder so..."

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