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Zeitfragen | Beitrag vom 14.06.2019

Flucht nach 1945 in der deutschen GegenwartsliteraturDie zweite Heimat

Von Sabine Voss

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Eine Gruppe von Kindern, begleitet von zwei Frauen, läuft einen Weg entlang. Im Hintergrund sind Holzhäuser zu sehen.  (picture alliance / dpa / akg / Paul Almasy)
Station nach dem Krieg: Lager für deutsche Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen im dänischen Oxböl. (picture alliance / dpa / akg / Paul Almasy)

In der deutschen Gegenwartsliteratur war das Schreiben über Flucht ein Thema, das lange schambesetzt war. Nun beschäftigen sich Autoren mit ihrer Familiengeschichte. Damit sind nicht nur Erinnerungen an eine verlassene Heimat verbunden.

Rund 12,5 Millionen Deutsche mussten nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat fliehen. Über die Gebiete, die ehemals deutsch waren, sprach man allerdings lange nur verschämt. Und was wissen wir heute darüber?

Vier Autorinnen und Autoren stoßen mit ihren Büchern auf ein Interesse an dieser historischen Erfahrung, das nicht zuletzt durch die vielen aktuell nach Deutschland Geflüchteten wieder erwacht ist.

Was bedeutet Umsiedlerin?

"Ich habe über diesen Begriff vorher nie nachgedacht. Ich habe mich gar nicht gefragt, was ‚Umsiedlerin‘ eigentlich heißt." Die Romanfiguren von Peggy Mädler stammen aus Reichenberg, das heute in Tschechien liegt und Liberec heißt.

Das heute verfallene Dorf, aus dem Klaus-Jürgen Liedtkes Familie stammt, heißt Neu-Kermuschienen und liegt in der polnisch-russischen Grenzregion.

Die Mutter von Susanne Fritz kam aus Schwersenz bei Posen, heute Swarzedz bei Poznan. Und Oskar Negt wurde in Kapkeim südlich von Königsberg geboren.

"Bei meiner Familie war es so, dass die schon lange erwartet hatten, dass ich mal über mein Leben was mache", sagt der Sozialphilosoph Oskar Negt über seine Autobiographie "Überlebensglück". "Und ich habe mich zum ersten Mal in der Person präsentiert, die ich bin. Das Interesse daran hat mich doch beeindruckt."

Vom "Überlebensglück"

Der zehnjährige Oskar Negt und seine beiden älteren Schwestern überlebten ein Zugunglück und die Flucht aus Königsberg. Das war im Januar 1945. Negts Eltern hatten die drei jüngsten Kinder vorausgeschickt, damit sie mit dem Zug über Königsberg sicher in den Westen gelangen sollten, während sie selbst mit den älteren Kindern auf einem überdachten Wagen im Flüchtlingstreck gen Westen zogen. In Berlin, so der Plan der Mutter, sollte die Familie sich wieder vereinen. Aber es ging kein Zug mehr von dem durch Bomben zerstörten Königsberg. Die drei Negt-Kinder waren auf sich gestellt.

Aus "Überlebensglück": "Diese Autobiographie will eine Gesamtaussage wagen, wie jemand mit traumatischen Erfahrungen in Kindheit und Jugend eine derartige Entwicklung nehmen konnte, die ihn dahin führte, wo er heute steht."

Oskar Negt nimmt sich selbst als Beispiel, um seine Erfahrungen ins Allgemeine zu wenden. Sein "Überlebensglück" war das Glück, das einem Menschen widerfährt. Es war aber auch das Glück, das ergriffen werden muss. Beides, den Zufall, aber auch die Fähigkeit zur Identifikation mit dem Glück braucht es, meint Oskar Negt, für die Entwicklung eines stabilen und integren Menschen.

"Man muss es wagen, und es ist nicht auszuschließen, dass es gelingt. Und wir haben sehr viel Glück gehabt."

Oskar Negt entkam mit seinen beiden Schwestern nach Dänemark, wo sie zweieinhalb Jahre lang in einem Flüchtlingslager lebten. Auch die Eltern und die anderen Geschwister schafften es auf dem Leiterwagen heil über das Haff und bis nach Berlin.

Heimatverlust als Makel

Nach Kriegsende kamen rund 12,5 Millionen Reichsbürger und Angehörige deutscher Minderheiten aus Ostmitteleuropa in die vier Besatzungszonen Deutschlands. In einer Volkszählung Anfang der 1960er Jahre war jeder fünfte Bewohner der Bundesrepublik ein Flüchtling oder stammte von diesem Personenkreis ab. In der DDR war der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung noch höher.

"Das war ein Getto, dies Brodhagen. Die ganzen Straßenzüge waren erst 1949/50/51 gebaut worden. Und da lebten eben nur Vertriebene."

Klaus-Jürgen Liedtke wurde 1950 in eine Familie ehemaliger Bauern aus Ostpreußen hineingeboren, die es nach Schleswig-Holstein und Nordrhein Westfalen verschlagen hatte. Er wuchs in einer Neubausiedlung am Rande Bielefelds unter Pommern, Schlesiern, West- und Ostpreußen auf.

"Und alle hatten diesen Makel, weil, dieser Verlust war sozusagen ein Makel. Natürlich wollten sie dann besser sein als die Heimischen und haben auch nie am Wochenende Wäsche aufgehängt. Und die Wäsche musste immer sauberer sein."

"Das Unrecht geschah mir zu Recht"

Das Elternhaus von Susanne Fritz steht im Schwarzwald. Ihr Vater, ein Flüchtling aus Westpreußen, hatte es für die Familie gebaut. Hier wuchs Susanne Fritz zusammen mit vier Geschwistern auf.  

"Wir waren bereits fremd und andersartig genug, mit unserem Hochdeutsch fühlten wir uns im alemannischen Schwarzwald nackt, sobald wir nur den Mund aufmachten. Nie war uns wohl in unserer Haut. Mit vor Scham hochrotem Kopf liefen wir durchs Leben, im Gefühl, niemals dort anzukommen, wo wir den Fakten nach immerhin geboren waren", schreibt sie in ihrem Buch "Wie kommt der Krieg ins Kind".

Darin geht sie der Familiengeschichte ihrer Mutter nach, nimmt deren hinterlassene Briefe und Tagebücher als Ausgangsmaterial, forscht in Archiven, gleicht Familienerzählungen mit historischen Daten ab, stellt Vermutungen an, wo gesicherte Fakten fehlen. So rekonstruiert sie das Leben einer Bäckerstochter in einem Städtchen bei Posen, wo Deutsche schon seit dem Mittelalter als erfolgreiche Minderheit unter Polen lebten. Hier startete im Februar 1945 der Flüchtlingstreck gen Westen, wurde jedoch an der Oder von der Roten Armee überrollt und das 14-jährige Mädchen, das ihre Mutter damals war, in das ehemalige SS-Lager Potulice bei Bromberg verschleppt.

"Ich bin ihr da sehr, sehr dankbar für, dass sie das miteingeschlossen hat, das Unrecht,  in diesem Satz auch: ‚Das Unrecht geschah mir zu Recht‘ – knapper kann man das ja gar nicht formulieren. ‚Es war Unrecht, aber es gibt einen Grund dafür. Insofern kann ich mich dagegen nicht empören.‘"

Vier Jahre lang musste sie schwere Zwangsarbeit auf Feldern verrichten. Was Rechtsextreme heute unterschlagen, wenn sie mit deutschen Kriegsopfern Schuldumkehr betreiben: Vor den deutschen hatten polnische Zivilisten unschuldig in Potulice gesessen, hatten hier gelitten, waren qualvoll zugrunde gegangen. Das Lager war eine deutsche Erfindung.

Inzwischen melden sich immer mehr Zeitzeugen bei Susanne Fritz, die als deutsche Zwangsarbeiter im Lager Potulice waren und das Tagebuch und die Briefe der Mutter um wichtige Informationen ergänzen. 

Bruchstücke in der eigenen Biographie

Mit den alten Gewohnheiten der Großeltern aus Ostpreußen wurde Klaus-Jürgen Lietdke groß. Als "ein in Berlin ansässiger Ostpreuße in der Verbannung" bezeichnet sich der Autor. Er ist ein Heimatvertriebener, der in der Region seiner Vorfahren nie gewohnt hat und dennoch nicht von ihr loskommt. Das Sammeln von allem, was an die versunkene ostpreußische Welt erinnert, wird zu seiner Form des Heimwehs.

Später bereist er mehrfach die heute polnischen Masuren. Seine Recherchen gehen schließlich in ein Buch ein, das den Titel "Nachkrieg oder die Trümmer von Ostpreußen" trägt – eine aus Notizen, essayistischen Passagen, Beschreibungen, Gedichten und Zitaten komponierte Montage, die mal dokumentiert, mal erzählt, mal reflektiert.

"Manchmal kam ich mir selber vor wie so ne Art Steinbruch. Lauter Brocken, die ich da angereichert hatte, die aber gar nicht zusammen passten. Deswegen hat‘s auch so lange gedauert, bis ich so eine Komposition gefunden habe dafür. Dieses Bruchstückhafte hab ich ja in mir selbst."

Gewaltsame Brüche

Peggy Mädler, 1976 in Dresden geboren, siedelt ihren Flüchtlingsroman "Wohin wir gehen" in der DDR an.

"Nicht nur, dass sich politisch das ganze System ändert, sondern Betriebe haben geschlossen, das Straßenbild hat sich im Zuge der Nachwendezeit verändert, Orte sind verschwunden. Bei mir ist ja ganz konkret auch das Haus der Kindheit verschwunden, abgerissen worden. Das sind Erfahrungen des Bruches von Ostdeutschen."

Gewaltsame Brüche erlebt auch Ida, Peggy Mädlers Romanfigur. Sie kommt aus einer Kommunisten-Familie im nordböhmischen Reichenberg, heute Liberec in Tschechien. Ihr Mann hat Dachau zwar überlebt, ist dann aber in Stalingrad gefallen. Als nach dem Krieg alle Deutschen das nunmehr tschechische Staatsgebiet zu verlassen haben, muss auch die Witwe mit ihrer kleinen Tochter und deren Jugendfreundin, einer elternlosen Waise, fliehen. In der sowjetischen Besatzungszone heißen die vielen Flüchtlinge nicht "Vertriebene", sondern "Umsiedler".

"Also die Idee eines neuen sozialistischen Staates beinhaltet, dass beide Seiten, die Einheimischen wie die Vertriebenen, die Besitzenden wie die Besitzlosen neu ankommen müssen in dieser sozialistischen Gesellschaft und im besten Fall zum neuen sozialistischen Menschen werden. Die Ida versucht das ja ganz stark in dem Roman loszulassen, im Auftrag, in der politischen Funktion anzukommen, gebraucht zu werden im neuen sozialistischen Staat."

Doppelter Heimatverlust

"Das hätte gelingen können," sagt Oskar Negt. "Der Überschwang, ein neues Deutschland aufzubauen, ist da gewesen, es sind ja einzelne Leute wie der Hans Mayer freiwillig zurückgegangen. Warum das nicht funktionierte, hat natürlich auch mit der Ausbildung der Charakterstrukturen in der Vornazizeit und der Nazizeit zu tun."

Die Familie Negt fand sich in der sowjetischen Besatzungszone, in Altfinkenkrug bei Berlin wieder. Als "Umsiedler" profitiert sie von der Bodenreform: Zuvor enteignetes Land wird den Besitzlosen zugeschlagen. Oskar Negts Eltern bauen wieder ein Bauernhaus, fangen neu an. Alles hätte gut ausgehen können, wäre nicht die drohende Zwangskollektivierung gewesen. Der Vater äußert sich laut und kritisch dazu und muss seine Verhaftung befürchten. Die zweite Flucht nach Oldenburg wird am Ende die noch schlimmere sein. Denn der Vater, Zeit seines Lebens überzeugter Sozialdemokrat, wird aus seiner politischen und geistigen Heimat vertrieben.

Kein Mensch möchte sich vertreiben lassen

In Tschechien erinnern Gedenktafeln an die Vertreibung, etwa an Plätzen in Brno, wo sich die Deutschen zum "Todesmarsch aus Brünn" versammeln mussten. Die ostpreußischen Dörfer Neu-Kermuschienen oder Kapkeim aber gibt es nicht mehr.

Der Soziologe Oskar Negt kehrt in seinem Alterswerk zu sich als Flüchtlingskind zurück und denkt auch immer über sich hinaus. Angesichts aktueller und zukünftiger "Flüchtlingsmassen" wägt Oskar Negt die Konsequenzen, die sich ergeben, wenn man zwischen dem Flüchtling aus Königsberg oder aus dem syrischen Homs keinen substanziellen Unterschied macht.

"Das ist eine anthropologische Konstante, würde ich fast sagen, dass kein Mensch sich gewaltsam vertreiben lassen möchte und sehr gerne selbst entscheidet, wohin er geht und welche Lebensverhältnisse er bevorzugen möchte."

Heimat, die Zweite
Autorin: Sabine Voss
Sprecher: Eva Meckbach, Meike Rötzer und Frank Arnold
Regie: Giuseppe Maio
Ton: Jan Fraune
Redakteurin: Dorothea Westphal

Das komplette Manuskript der Sendung zum Nachlesen.

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