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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 23.08.2019

Flucht mit dem KindertransportNur mit einer Uhr am Handgelenk

Von Sebastian Mantei

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Das Foto zeigt das Denkmal "Kindertransport – Die Ankunft", Vorplatz der Liverpool Street Station, London. Das Denkmal stellt ankommende geflüchtete jüdische Kinder mit ihrem Gepäck dar. (picture alliance/dpa/Bildagentur-online)
In London, vor dem Bahnhof Liverpool Street, erinnert heute ein Denkmal an die nach England geretteten jüdischen Kinder. Auch Sally Edelnant gehörte dazu. (picture alliance/dpa/Bildagentur-online)

In letzter Minute schaffte es Sally Edelnant, das nationalsozialistische Deutschland mit einem Kindertransport zu verlassen. Das war auch Abschied von Familie und Heimat. Mit dabei: nur ein Stück Seife, ein Feldbesteck - und eine Uhr seines Vaters.

John Edelnant ist ein kleiner freundlicher Mann, der einem auf dem ersten Blick sympathisch ist. Sein Vater stammt aus Russland und gerät im Ersten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft nach Quedlinburg im Harz. Er verliebt sich dort und heiratet in eine jüdische Familie nach Halberstadt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Uhrenmacher, wie sich die gebürtige Halberstädterin Judith Biran noch heute in Tel Aviv erinnert. Ihre Familie war Stammkunde bei EdelnantS.

"In einer Familie mit sechs Kindern ist immer was mit Uhren gewesen, runtergefallen. Immer waren wir in ständiger Obhut gewesen bei Edelnant der unsere Uhren immer repariert hat."

Als Kind nicht zu verstehen

Für Sally, wie John Edelnant damals heißt, ist die Zeit in Halberstadt eine ganz normale Kindheit, obgleich er schon bald spürt, dass er zunehmend auch als Kind ausgeschlossen wird.

"Wenn ich zur Synagoge gegangen bin mit meinem Großvater, da war immer die Hitlerjugend da, und dann haben die immer Steinen auf uns geworfen. Und dann wollte ich immer etwas machen, aber da hat mein Großvater gesagt: ‚Tu nichts, lass es so wie es ist! Denn wenn du etwas tust, wird es noch schlimmer!‘"

Als Kind kann er das nicht verstehen. Mancher seiner nichtjüdischen Freunde hält trotzdem zu ihm, wie John später erzählt.

"Als ich schon zehn Jahre alt war wollte ich mir ein Eis kaufen und habe zehn Pfennig gehabt. Und da ging ich in das Geschäft, wo oben drüber stand ‚Juden sind hier unerwünscht‘. Ich sah nicht jüdisch aus. Aber die Frau, die bediente, sagte: ‚Es tut mir leid, aber Juden bedienen wir nicht.‘ Okay, bin ich raus zu meinem Freund, der war Deutscher, nichtjüdisch, und sagte: ‚Ich will unbedingt ein Eis kaufen.‘ Hat er gesagt: ‚Komm, ich hole dir eins‘. Er ist rein, holt das Eis, kommt raus und fragt: ‚Was bekomme ich dafür?‘ ‚Du kannst mitlutschen.‘ Und so haben wir das Eis zusammen gelutscht."

Einzige Ausflucht: Großbritannien

Doch diese Solidarität im Kleinen kann nicht mehr über die wachsende Ausgrenzung der deutschen Juden hinwegtäuschen. Eine Auswanderung ist für viele ab 1938 kaum noch möglich, da viele Länder ihre Grenzen für Juden schließen. Nur Großbritannien reagiert auf die Novemberpogrome und ermöglicht eine vorübergehende Aufnahme von jüdischen  Kindern und Jugendlichen. Der aus Magdeburg stammende Arieh Händler arbeitet bis 1938 für das Palästinaamt in Berlin und setzt alles daran, Visa für deutsche Juden zu organisieren. Doch nach der Pogromnacht 1938 erhält er in Jerusalem eine Warnung und kann nicht mehr zurück. Er reist daraufhin nach London und organisiert von dort die Unterbringung von jüdischen Kindern und Jugendlichen.

"Mir ist es gelungen mehr und mehr junge Leute aus Deutschland herauszuziehen noch bevor der Krieg ausbrach und sie nach England zu bringen. Und wir haben verschiedene große Plätze gefunden, wo wir diese jungen Leute lernen ließen, arbeiten ließen, dass sie normal leben konnten. Das war nicht immer leicht."

Abschied von allem Bekannten

Unter den Kindern befindet sich auch Sally Edelnant. Seine Eltern schicken ihn im Sommer 1939 kurz vor Ausbruch des Krieges mit einem der letzten Kindertransporte nach England. Die Kinder dürfen nur wenige Sachen mitnehmen.

"Kleinigkeiten: Eine einfacher Anzugaufhänger, ‚Kleidergeschäft Reichenbach‘ steht darauf und auch ein Stück Seife, das hat meine Mutti mitgegeben und ein Besteck aus Alu oder Stahl. Mein Vater sagte, wenn Du irgendwo essen gehst, das wurde auch eingepackt."

Am Arm trägt er damals eine Armbanduhr, die sein Vater gemacht hat. Es ist das einzige Familienerbstück, das John begleitet. Um aufsehenerregende Abschiedsszenen zu vermeiden, wird den Eltern von den deutschen Behörden verboten, den Bahnsteig mit den Kindern zu betreten.

"Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass die Eltern mich zum Bahnhof gebracht haben und dass ich ‚Auf Wiedersehen‘ gesagt habe."

Als Einziger überlebt

Der Zug fährt bis nach Hoek van Holland, von wo die Kinder aus mit dem Schiff nach England übersetzen. Sally zieht zu einer Tante, die in Leicester wohnt. Er schlägt sich durch und bekommt eines Tages die Chance in einem Uhrenmachergeschäft zu arbeiten. Seine Eltern sind stolz, dass Ihr Sohn Sally, der sich in England John nennt in die Fußstapfen des Vaters tritt. In ihrem Brief vom 7. November 1941 schreibt die Mutter:

"Mein lieber Sally!

Deinen Brief haben wir erhalten, und uns sehr darüber gefreut, dass Du gesund und munter bist und Dir die Arbeit Spass macht. Auch uns geht es gut und wir sind Gott sei Dank alle gesund, brauchst Dir um uns keine Sorge zu machen. Dass Du Uhren reparierst wundert mich nicht, denn wenn der Vater Fischer ist, gucken die Kinder ins Wasser. Nun bleib hübsch gesund, und lass recht bald von Dir hören. Sei herzlichst von uns allen gegrüßt und 1000 mal geküsst von Deinen lieben Eltern und Idchen."

Die Schwester Ida und die Eltern werden am 12.  April 1942 in das Warschauer Ghetto deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Eine neue Chance

John ist nun auf sich alleine gestellt. Er ist fleißig, arbeitet und lernt viel, so dass ihn sein Chef Frank Cohen in einem neuen Laden in Luton als Manager einstellt. Doch Cohen übernimmt sich und geht Pleite. Für John Edelnant ist das die Chance. Der junge Mann kauft den Laden und zieht dort mit seiner Frau ein. 1948 wird er britischer Staatsbürger. 

Bis zu seiner Pensionierung arbeitet Edelnant als erfolgreicher Geschäftsmann in Luton und führt das größte Uhren- und Juweliergeschäft in Bedfordshire. In dieser Zeit reist er auch das erste Mal in seine Geburtsstadt nach Halberstadt in die DDR.

"Als ich zum ersten Mal nach Halberstadt kam, das war vor der Wende. Das war sehr traurig für mich. Die Erinnerungen waren ziemlich frisch. Wenn ich bei der Wilhelmstraße vorbeigefahren bin und das Haus gesehen habe, wo wir gewohnt haben oder Westendorf, wo die jüdische Schule war. Das war traurig, aber ich muss sagen, dass die Leute - die waren so gut, mir entgegengekommend."

Diese Gastfreundschaft der Halberstädter prägt John Edelnant. Nach der Wende führt ihn wieder der Weg in seine alte Heimat. Dem jüdischen Berend Lehmann Museum in Halberstadt hat er alle Dinge übergeben, die er mit dem Kindertransport mitgenommen hatte. Vieles davon hat er nie angerührt. Das ging vielen Kindern so, erzählt Museumsdirektorin Jutta Dick und zeigt auf eine Schachtel.

"John Edelnant hat uns diese Schachtel übergeben. Die Mutter hat eben ein gutes Stück Seife mit eingepackt auf dem Weg in den Kindertransport, was er nie benutzt hat. Der Vater gab Praktisches, wie ein Feldbesteck und Fahrtenmesser und der Rabbiner hat ihm noch ein Gebetbuch mitgegeben. Das sind alles so die Schachteln, die Überlebende, die mit Kindertransporten aus Deutschland noch rausgekommen sind, wie es die Amerikaner sagen, in ihren ‚closets‘ haben, also irgendwo weit hinten im Schrank und so weit hinten ist eben auch im Gedächtnis."

Die silberne Uhr des Vaters, die John kurz vor seiner Abreise mit dem Kindertransport bekommen hatte, kehrte aber nicht wieder nach Halberstadt zurück.

Tradition am Leben erhalten

"Die ist jetzt in Israel. Ein Familienmitglied ist auch mit Uhren und diese Uhr, die hat mein Vater hergestellt und ich habe sie ihm auch geschenkt, dass er das weitermachen kann."

John Edelnant, der selbst keine Kinder hat, ist besonders stolz auf seinen Großneffen Itay Noy, der heute in Jaffa in Israel lebt. In der Altstadt hat er sein eigenes Uhrenatelier eröffnet. Während sich draußen durch die Gassen Touristenscharen schieben, designed Itay hier an ganz modernen Uhren.

"Als ich 2008 den 'Art and Design Prize' in Israel bekommen habe, schickte ich John einen Katalog von der Ausstellung im Israel Museum. Er war sehr glücklich darüber und erzählte, dass sein Vater auch ein Uhrenmacher war. Das war das erste Mal, dass ich davon erfuhr und ich war sehr glücklich. Und er erzählte wie er die Uhr bekam, als er von Deutschland nach England floh und er schenkte mir die Uhr, damit ich die Tradition der Familie am Leben halte."

Die Silberuhr aus Israel Edelnants Uhrmacherbetrieb hat bei Itay Noy einen Ehrenplatz. Daneben steht ein gerahmtes Bild mit Israel Edelnant in seiner Halberstädter Uhrenmacherwerkstatt aus einer Zeit, als die Juden in Deutschland noch keine Verfolgung fürchten mussten. Dass die Erinnerung an die Edelnants heute in Israel lebendig gehalten wird, ist für den fast 95-jährigen John Edelnant, der mit dem Kindertransport den Nazis entkam, ein spätes Happy End.

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