Flucht ins Unglück

Rezensiert von Tobias Wenzel · 31.03.2006
"Eine Darstellung mit Liebe statt mit wissenschaftlicher Sachlichkeit" - das forderte Joseph Roth 1927 in dem Essay "Juden auf Wanderschaft". Die Heimatlosigkeit der Ostjuden liebevoll, am Beispiel einer Familie, darzustellen, das gelang Joseph Roth vor allem mit dem Roman "Hiob". Der liegt nun in einer sehr eindrucksvollen Hörbuchfassung im Heidelberger Mnemosyne-Verlag vor, gelesen vom Schauspieler Walter Schmidinger.
"Hiob" spielt in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Der Lehrer Jude Mendel Singer ist ein bescheidener Religionslehrer. Sein viertes Kind, der Sohn Menuchim, kommt als kranker Krüppel auf die Welt, kann nicht sprechen und trübt jahrelang das Leben der Singers:

"Alle Feste waren Qualen gewesen, alle Feiertage Trauertage. Es gab keinen Frühling mehr und keinen Sommer. Winter hießen die Jahreszeiten. Die Sonne ging auf, aber sie wärmte nicht. Die Hoffnung allein wollte nicht sterben. 'Er bleibt ein Krüppel', sagten die Nachbarn. Denn ihnen war kein Unglück zugestoßen. Und wer kein Unglück hat, glaubt auch nicht an Wunder."

Doch auch die anderen Kinder machen Mendel Sorgen. Seine beiden ersten Söhne haben ihn verlassen. Der eine für die russische Armee, der andere, um in Amerika Geld zu machen. Und seine schöne Tochter Mirjam ist Nymphomanin. Als Mendel Singer sie mit einem Soldaten erwischt, verkündet er seiner Frau seinen Entschluss:

"Plötzlich setzte Mendel das Glas ab und sagt: 'Wir werden nach Amerika fahren. Menuchim muss zurückbleiben. Wir müssen Miriam mitnehmen. Ein Unglück schwebt über uns, wenn wir bleiben!' Er blieb eine Weile still und sagte dann leise: 'Debora, sie geht mit einem Kosaken!'"

Doch in Amerika wird alles schlimmer. Sein Sohn Sam fällt im ersten Weltkrieg und seine Tochter Mirjam erliegt ihrer eigenen Nymphomanie und kommt in eine psychiatrische Klinik. Darüber stirbt Mendels Frau. Und Mendel selbst wird zum Hiob, zum Mann, der über sein unverschuldetes Unglück klagt. Er beschließt, seine Gebetssachen zu verbrennen:

"Er stellte sich vor, wie diese Gegenstände brennen würden. 'Aus, aus, aus, ist es mit Mendel Singer', ruft er und mit den Stiefeln stampft er den Takt dazu, dass die Dielenmauer drönt und die Töpfe an der Wand zu klackern beginnen. 'Er hat keinen Sohn, er hat keine Tochter, er hat kein Weib, er hat keine Heimat, er hat kein Geld. Gott sag: Ich habe Mendel Singer gestraft. Wofür straft er? Gott, warum nicht Lemmel den Fleischer, warum straft er nicht Menkes? Nur Mendel straft er. Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger. Alle Gaben Gottes hat Mendel. Aus, aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer!'"

Walter Schmidingers weinerlich-zittriger Ton ist nicht jedermanns Sache. Aber für Joseph Roths "Hiob" ist seine Stimme und Sprechkunst ideal. Eine so ergreifende Klage offenbart den begnadeten Schauspieler. Und nicht nur das: Auch Walter Schmidinger selbst hat Schicksalsschläge erlitten, die jenen von Mendel Singer in nichts nachstehen. Das ist vielleicht die Voraussetzung, um einen tragischen Text derart zu interpretieren. Dem Mnemosyne-Verlag sei Dank, dass er diesen Live-Mitschnitt als Hörbuch herausgegeben hat.

Joseph Roth, Hiob. Roman eines einfachen Mannes
Gelesen von Walter Schmidinger
(Live-Mitschnitt im Berliner Ensemble) Edition Mnemosyne
2 CDs. 99 Minuten. 25,99 Euro.