Flucht in ein neues Leben

06.09.2011
Es ist unverständlich, fast schon unverzeihlich, dass uns dieser starke, stimmungsvolle, meisterlich erzählte Roman 20 Jahre vorenthalten blieb. In McCabes irischer Heimat, von deren Landschaft, Geschichte und politischer Zerrissenheit das Buch tief gesättigt ist, erschien es bereits 1992.
Vom Ende her besehen, steckt der ganze Roman im ersten Satz: "Kaum ein Vogelruf, eine Ahnung tastenden Lichts, und dann, aus der Ferne, im Morgengrauen das entsetzliche Gebrüll eines Tieres, das große Schmerzen leidet."

Tier-, vor allem Vogelstimmen, begleiten die unheilvolle Geschichte wie eine den eindringlichen Natur- und Charakterbildern unterlegte Tonspur. Schnell befällt den Leser eine düstere Ahnung, dass viel passieren kann bis zum nächsten Morgengrauen, das den Roman beenden wird. Der erzählt von einem Morgen zum nächsten einen Tag im Leben der Beth Winters.

Es ist der 3. Mai 1883, Beths 25. Geburtstag, und es soll ein Neubeginn werden, der Anfang eines Lebens, das den Namen verdient, einer Liebe, nach der Beth sich so sehnt, und der Freiheit nach zweieinhalb dumpf erlittenen Jahrzehnten voller alkoholgeschwängerter Zudringlichkeiten, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Lüge und Verdrängung in einem düsteren Herrenhaus in der irischen Provinz.

Gebannt folgt man selbst noch den alltäglichsten Verrichtungen, erst recht dann den überraschenden Wendungen einer sich in Tempo und Dramatik stetig steigernden Geschichte, zumal da immer ein Vogel oder ein anderes Tier, ein Luftzug oder das sich verändernde Licht die Stimmung lenken, bevor ein, manchmal längst angekündigtes, manchmal völlig unerwartetes Ereignis aus der Erwartung Sorge oder aus der Spannung Überraschung werden lässt.

Der Titel des Romans verweist auf eine Ode von John Keats, Beths Lieblingsautor, dessen Lektüre sie einmal einem Konzertbesuch mit dem ungeliebten Vater, der in Wahrheit gar nicht ihr Vater ist, vorgezogen hat. Auf dessen Frage, wovon denn dieser Keats singe, sagt Beth: "Von Tod und Nachtigallen". Der alte Mann wird sie später anschreien: "Dir werd ich Tod und Nachtigallen geben." Und jeder Satz wiegt im Rückblick schwer in diesem genau gearbeiteten Text, der dem Paradies einen ebenso konkreten Ort zu geben vermag wie der Hölle.

Der Ire Eugene McCabe, Jahrgang 1930, ist hierzulande wenig bekannt. Zunächst trat er als Autor von Theaterstücken, Erzählungen und Fernsehspielen hervor, was Spuren in der Erzählweise hinterlassen hat. "Tod und Nachtigallen" ist sein erster Roman. In McCabes irischer Heimat, von deren Landschaft, Geschichte und politischer Zerrissenheit das Buch tief gesättigt ist, erschien es bereits 1992. Es ist unverständlich, fast schon unverzeihlich, dass uns dieser starke, stimmungsvolle, meisterlich erzählte Roman, der Qualitäten eines Thrillers mit denen des symbolischen Erzählens verbindet, als gehörten sie ganz selbstverständlich zusammen, 20 Jahre vorenthalten blieb.

"So ist das mit der Natur, immer zu Tricks und Widrigkeiten aufgelegt", sagt Beth am Ende zu dem Mann, mit dem sie die Flucht in ein neues Leben geplant hat. In der ausweglos fürchterlichen Situation, in die die Geschichte die beiden treibt, ist es ein harter, ein zynischer, ein böser Satz. Eugene McCabe bekräftigt ihn, und er dramatisiert ihn mittels einer Literatur, die spektakulär und berührend, hart und tröstlich, wunderschön und gnadenlos ist, ganz wie die Natur selbst.

Besprochen von Hans von Trotha

Eugene McCabe: Tod und Nachtigallen
Roman
Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser
Steidl Verlag, Göttingen 2011
298 Seiten, 19,90 Euro