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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.12.2014

FluchenVerfluchter Mist! Verdammte Scheiße!

Heilsames Donnerwetter oder böse Verwünschung? - Über die Kultur des Fluchens

Von Lotta Wieden

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Fluchender Autofahrer (picture alliance / dpa / Rolf Kremming)
Weder Verbote noch Strafen haben das Fluchen je unterbinden können. (picture alliance / dpa / Rolf Kremming)

Geflucht wurde schon immer, zu allen Zeiten und in jeder Kultur. Doch das verbale Dampfablassen hat sich gewandelt: Früher wurde verwünscht, heute wird beschimpft. Weiterhin aktuell ist dabei der Glaube an die Magie - wobei es Verbindungen zu modernen Phänomenen wie Mobbing gibt.

Show-Ausschnitt:

"Du Hurensohn, warum kamst du in die Gegend, man?

Nur weil man in München von Hartz nicht leben kann?"

Mittwochnacht im Berliner Club BiNoon. Auf der Bühne stehen zwei junge Männer, die sich abwechselnd beleidigen.

Show-Ausschnitt:

"Aber nein, nein, wenn ich Dich so anschaue, die Mom ist nicht fett, die Mom ist dünn,

die ist voll dünn.

Deine Mutter ist so dünn, dass sie im gefliesten Bad immer in die Fugen fällt."

Rap am Mittwoch heißt die Show. Alle 14 Tage findet dieser laut Veranstalter "größte Battle-Rap Deutschlands" statt. Wer bis ins King-Finale kommen will, muss das Publikum gewinnen.

Show-Ausschnitt:

"Deine Mutter ist so dünn, dass sie sich bei Regen an Laternen unterstellt,

Deine Mutter ist so dünn, dass man sie glatt für deine Nudel hält."

Fluchen als verbale Kraftmeierei – fast wie im richtigen Leben. 

Thomas Hauschild: "Es gibt aber eben Fluchen und Verfluchen. Das heißt, es gibt so eine Art diagnostisches Fluchen, wo man Leute beschimpft und einfach behauptet, sie hätten die und die Eigenschaften, und versucht sie dadurch zu kränken, was ja in dem Zusammenhang ja aber auch schon ein interessantes Wort ist, weil das Wort 'krank' darin steckt: krankmachen!"

Thomas Hauschild, Ethnologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, einer der wenigen Wissenschaftler, die sich für beides interessieren: im Zorn gesprochene Kraftwörter und jenes andere, fluchen als böse Verwünschung. Die Übergänge, sagt Hauschild, sind fließend:

"Das heißt, fluchen kann ganz schnell in verfluchen umschlagen: Man macht nicht nur eine Diagnose, sondern auch eine Prognose über die Person und sagt, was mit der noch passieren wird: Du sollst zur Hölle fahren, du sollst die Krätze kriegen!"

Verfluchen: Redeformeln, durch die man Unheil auf einen anderen, seine Angehörigen oder dessen Habe herabwünscht, häufig ausgesprochen aus einem Gefühl von Unterlegenheit oder Ohnmacht. Wo immer aus Neid, aus gekränkter Eitelkeit, aus vermeintlichem oder erlittenem Unrecht Wut entsteht oder Hass, geraten die sonst geltenden Umgangsformen ins Wanken.

"Das gesamte ethnografische und historische Wissen, das wir haben, die allerersten schriftlichen Zeugnisse von Menschen – die sprechen alle dieselbe Sprache: Dass Menschen sich schon immer sehr bewusst darüber sind, was sie da reden, versuchen auch bestimmte Kanäle des Redens einzuhalten miteinander, eine gewisse Würde zu wahren untereinander, dem andern eine gewisse Geltung zu verschaffen, und irgendwann kollabiert das Ganze und dann wird geflucht und dann wird auch verflucht."

Fluchtafeln als Beispiele einer über tausendjährigen Verwünschungspraxis

Wer verflucht, will Schaden stiften, einen anderen am Boden sehen, im Extremfall vernichten. Schon in der Antike versuchten Menschen ihre Gegner durch Fluchformeln auszuschalten, schoben ihnen Bleitäfelchen mit bösen Verwünschungen unter – so genannte Fluchtafeln: Die kleinsten so groß wie eine platt gedrückte Streichholzschachtel, andere länglicher, von der Größe eines Smartphones.

Klaus Hallof:

"Herr nimm herab, binde herab Diokles, meinen Prozessgegner:

die Zunge, und die Gedanken.

Und die Helfer des Diokles, allesamt."

Autorin: Weltweit gibt es nur vier Wissenschaftler, die solche Fluchtafeln entschlüsseln können. Einer von ihnen ist der Berliner Epigrafiker Klaus Hallof:

"'Und nimm ihn herab!

Alle Rechtsmittel, die er gegen mich vorbereitet, lass nicht aufkommen.

Und die Helfer es Diokles!

Und dass besiegt werde Diokles von mir in jedem Gerichtshof.

Und lass kein Recht für Diokles aufkommen.'

Sie sehen also bei diesem Text: Das ist nicht die Hochsprache, die wir von Sophokles und Euripides kennen, das ist also die Volkssprache! Und in der Weise erlauben diese Fluchtafeln einen einmaligen Einblick, weil wir dieses Zeugnis von Vulgärsprache, Vulgärgrammatik, sogar Slang muss man manchmal sagen, sonst gar nicht haben. Das sind also nur diese Fluchtafeln. Zum Teil sind sie selbst geschrieben von den entsprechenden Leuten, man wünscht ja nicht, dass das publik wurde, mit den entsprechenden Rechtschreibfehlern drin."

Etwa 1700 Fluchtafeln wurden bislang entdeckt, vor allem im Mittelmeerraum. Die ältesten stammen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Die jüngsten entstanden im 6. und 7. Jahrhundert nach Christus. Beispiele einer über tausendjährigen Verwünschungspraxis. Wissenschaftlich korrekt, sagt Klaus Haloff, ist aber die Bezeichnung Bindezauber.

"Weil in so einem Text bestimmte Elemente immer wieder in bestimmter Abfolge vorkommen: Das ist zum einem ein Verb 'katadeo' – ich binde herab, heißt das auf Deutsch. Zweitens: Es tauchen Namen auf, die im Akkusativ stehen: Ich binde wen oder was herab. Und drittens tauchen Namen auf, die im Dativ stehen: Man bindet sie herab und übergibt sie einem anderen.

Dieser Dativ ist meistens eine Gottheit und zwar besondere Gottheit! Nämlich eine Gottheit, die in der Unterwelt zu Hause ist. Und damit ist die Zielrichtung dieser ganzen Aktion klar! Ein nach unten ziehen, von der Erde herab unter die Erde. Dass also die Glieder des Menschen über der Erde, dem man da was Übles will, durch unsichtbare Fäden herab gezogen werden, so dass er letztlich gelähmt ist."

Ob im Gerichtsaal, bei Liebeskummer oder im Geschäftsalltag: Einem Konkurrenten Übles anzuwünschen, um das eigene Schicksal vorteilhaft zu beeinflussen, scheint gängige Praxis gewesen zu sein, verbreitet durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Besonders rege Phantasie entwickelten dabei ausgerechnet Sportler.

"Besonders in der römischen Zeit nimmt das also zu, insofern die Römer ja die Erfinder der großen Sportwettkämpfe sind, der Pferderennen. Wir kennen das ja alle aus Ben Hur, wie diese Gespanne da um die Arena tobten. Da gab es unter den Zuschauern Fraktionen, die nach Farben benannt worden sind: die Grünen, die Blauen, die Weißen, die Roten usw. Und hier war es nun ganz üblich, dass man die gegnerischen Rennställe verflucht hat. Also zum Beispiel, ich les einfach vor:

'Privatianus, Naucellius Superstianus von den Roten,

Elegans, Glaucus, Argutus von den Blauen,

mögen fallen, / mögen stürzen …'

Und Sie sehen also dieses formelhafte: Möge fallen: CADANT!

Und das wird immer wieder wiederholt: CADANT!

Und dann wird das auch mal ergänzt durch das Wort: VERTAT.

Er möge so stürzen, dass er kopfüber hinfällt.

Und dann wird er am Ende wieder sehr konkret:

'Fesselt und bindet und macht schwer die Pferde der Blauen und der Roten, so dass die nicht laufen können und den Zügeln nicht gehorchen können, auch die Füße nicht bewegen, sondern: Sie mögen fallen, sie mögen brechen, sie mögen abgespannt werden, sie mögen stürzen …'

Und dann kommt die Pointe ganz zum Schluss:

'Dass sie die Siegespalme nicht gewinnen können!'

Also der ganze Witz dieser Tafel – das ist eine sehr große Tafel, 14 cm groß – besteht darin, dass man durch fortwährende, wiederholende Fluchformeln unter möglichster Nennung aller Dinge, aller Tiere, aller Personen, ein totales Blackout der anderen Parteien provozieren möchte."

Die Fluchtafel dieses nicht allzu siegesgewissen Wagenlenkers fand man in einer römischen Arena, vergraben an einer Wendesäule – kritischer Punkt jedes Wagenrennens. Andere Tafeln entdeckte man in Gräbern oder in Tempeln, die besonderen Gottheiten gewidmet waren:

"Das war insbesondere die Göttin der Fruchtbarkeit Demeter und ihre Tochter Persephonie. Es ist klar, im Winter wenn nichts wächst, ist Demeter, so hat man sich das vorgestellt, in der Unterwelt und im Frühjahr kommt sie hoch. Und diese Möglichkeit diese Grenze zu überschreiten, also hin und zurück, hat man ausgenutzt in dem man in diese Heiligtümer diese Tafeln deponierte, in der Hoffnung die Göttin nimmt sie mit."

Omnipräsenz des Fluchens in der Bibel

Interessanterweise ersetzen spätere Schreiber den Namen der jeweiligen Gottheit durch einen anderen: Jesus Christus.

"Es ging nahtlos in die christliche Religion über: 'Christus: Binde herab!' Ja, klar! Der war ja auch in der Unterwelt. Der gehörte ja auch zu den Gottheiten, die die Grenze, die uns allen gegeben ist, überwinden konnten."

Wegen ihrer Nähe zum Unheimlichen werden Flüche schon im Altertum als Bedrohung der sozialen Stabilität und des gesellschaftlichen Zusammenhalts verurteilt, von Gelehrten wie Platon, aber auch in der offiziellen Gesetzgebung wie im römischen Zwölftafelgesetz. Ähnliches galt im frühen Christentum. Dennoch ist gerade aus dieser Zeit eine ungeheure Fülle an Flüchen überliefert.

Zitat: "Seiner Tage sollen weniger werden, und sein Amt soll ein andrer empfangen. Seine Kinder sollen Weisen werden und seine Frau ein Witwe. Es soll der Wucherer alles fordern, was er hat und Fremde sollen seine Güter rauben. Und niemand soll ihm Gutes tun…"

Besonders radikal: die Praxis des so genannten Mord- oder Totbetens bei dem der 109. Psalm, der eine lange Reihe von Verwünschungen enthält, mehrere Tage hinweg morgens und abends gebetet werden musste, wobei hinter jedem Vers der Name des Opfers genannt oder – je nach individueller Ausschmückung – der gesamte Psalm rückwärts gelesen wurde.

Solche Fluchpsalme waren, ebenso wie das Lesen von Totenmessen für Lebende, schon 694 durch die Synode von Toledo verboten. Der frevelhafte Brauch erhielt sich jedoch durch das gesamte Mittelalter, bis ins frühe 19 Jahrhundert hinein, wie auch alle anderen Spielarten des Schadenzaubers: Keine Strafe, kein noch so striktes Verbot hat das Fluchen je unterbinden können. Wie auch? Schon in der Bibel sind Verwünschungen allgegenwärtig. Schließlich ist es der Schöpfer selbst, der Adam und Eva verflucht und auch sonst geizt JWHE, der Gott des Alten Testaments, nicht mit fiesen Racheaktionen.

Die Omnipräsenz des Fluchens in der Bibel machte es dem gemeinen Volk schwer, zu unterscheiden zwischen legitimen Fluchen – das allein Gott und seinen Propheten vorbehalten war - und dem illegitimen Fluchen zu eigenem Nutzen und Vorteil. Entsprechende Verbote, so genannte Fluchmandate, mussten jedenfalls alle paar Jahre erneuert und bekräftigt werden, besonders häufig zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert. Gerd Schwerhoff, Experte für alles Blasphemische an der Technischen Universität Dresden:

"Die Faszination dieses Themas liegt halt darin, dass in einer Zeit, die wir für sehr christlich halten – der französische Historiker Lucian Favre hat mal gesagt: ein Zeitalter, in der die Menschen glauben wollten - also das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation und der Konfessionalisierung! Und wieso blüht in einer derartigen christlichen Hochzeit auch die Kultur der Gotteslästerung?"

Das Gotteslästerliche des Fluchens bestand nicht nur in einem Verstoß gegen das Gebot der Nächstenliebe, sondern – schlimmer – auch in einem Verstoß gegen das zweite Gebot.

Sprecher: "Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen!"

Der größte Frevel des Fluchens aber bestand nach Ansicht mittelalterlicher Theologen in der Abkehr von Gott selbst, und der Hinwendung zum magischen Denken. Denn der Beschwörer glaubt ja, Gott oder andere höhere Mächte zwingen zu können, eine böse Absicht zu unterstützen. Dahinter steckt die Überzeugung von einer gottähnlichen Kraft des menschlichen Willens – Magie tritt neben und gegen die Religion. Eine glatte Missachtung des ersten Gebots:

Sprecher: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!"

Auf die Übertretung dieses Gebots stand die Todesstrafe. Dennoch ist das magische Denken im Mittelalter allgegenwärtig: Viele Volksgesänge lesen sich noch wie Beschwörungen von Naturgeistern, gleichen Zaubersprüchen. Die Welt ist voller kultischer Handlungen: Wer Feinde hat, formt nach ihrem Bilde Wachspuppen und durchbohrt sie anschließend mit Nadeln. Die Menschen fürchten sich nicht nur vor Hexen und bösen Geistern, sondern vor der Macht des reinen Wortes. Eine Verfluchung, so die verbreitete Auffassung, kann mittels Sprache Handlungen vollziehen, ihre Verwirklichung vorwegnehmen, wenn sie nur direkt vom Herzen kommt. Als besonders gefährlich galten deshalb Flüche, die in vollem Hass gesprochen wurden. Dagegen wurden Flüche, die im Wirtshaus fielen, etwa beim Würfelspiel, oft als harmlos erachtet. Gerd Schwerhoff.

"Der Bezug zur Religion war auch da, wenn ich mich mit jemanden gestritten habe, wenn ich Konflikte geführt habe, wenn ich mich selbst zum Ausdruck gebracht habe, und auch die Auseinandersetzung mit meinem Gott, mit den Heiligen war viel direkter. Es war sozusagen ein Streit innerhalb der Familie, wenn man die Metapher benutzen darf, und in der Familie wird ja besonders intensiv mit allen Mitteln auch gekämpft."

Böse Verwünschungen und tief verwurzelte Religiosität

Einen Eindruck davon geben nicht nur mittelalterliche Gerichtsakten, Schadenswünsche und Zaubersprüche, sondern auch viele musikalische Zeugnisse.

Hartmut Fladt: "Das ist sehr erstaunlich. Ich weiß es eben aus den schamanischen Traditionen. Alle schamanischen Flüche sind verbunden gewesen mit musikalischen Inszenierungen, ob es nun Schlagzeug- Inszenierungen sind oder ob es Gesänge sind, die ritualisierte musikalische Formel haben, das wirkt viel tiefer als wenn es nur verbal ist: Wenn es mit Musik verbunden ist, ist der Beschwörungscharakter unendlich viel tiefer!"

… sagt der Berliner Musikwissenschaftler Hartmut Fladt.   

"Was ich sehr schön finde: Dass sich diese Traditionen der Verbindung von Fluchszenen mit Musik in die Oper gerettet haben. Also viele Opernkomponisten, seitdem die Oper existiert – sie existiert also etwa seit 1600, seit Monteverdi –, Opernszenen sind voll von solchen Verfluchungen und Verwünschungen! Und es sind meist auch solche Verfluchungen, die auch weltgeschichtliche oder mythologische Bedeutung haben."

Verflucht war Odysseus, verflucht war Kassandra, verflucht waren Ödipus und Antigone – die griechische Mythologie steckt voller Verwünschungen, so auch die frühe griechische Dichtkunst und die in der Renaissance entstehende Oper. Etwa: Henry Purcells Musikdrama "Dido und Äneas", entstanden um 1685.

"Äneas ist ein trojanischer Held, er ist dem Krieg entkommen, und auf der Flucht kommt er nach Karthago, und da trifft er die Königin Dido, verliebt sich wahnsinnig in sie. Sie sind ein Liebespaar, dann aber hat er den Auftrag von den Göttern, weiter zu segeln, um Rom zu gründen. Und Purcell macht es jetzt so, dass er eine Zauberin und eine Schar von Hexen auftreten lässt und die, mit ihren Zauberfluch, verfluchen die Dido jetzt, dass sich Äneas von ihr abwenden und dass sie einen schmachvollen Tod erleiden muss."

Szene aus "Dido & Äneas" (Übersetzung): (40 sec Ende: CHOR: Hahahaha!)

"Die Königin von Karthago, die wir hassen,

Wie wir alle hassen, die im Glücke leben,

Soll vor Sonnenuntergang ins Unglück stürzen,

Beraubt des Ruhms, des Lebens und der Liebe!

Chor: Hahahaha!"

Hartmut Fladt: "… und die Hexen: Ha, ha, ha, ha, ha, ha! - Eine andere Sache, die ich noch ganz toll finde: Dass diese Verfluchungen und Verwünschungen auch in die Volksmusik natürlich eingegangen sind. Diese Tradition existiert beispielsweise in vielen Volksliedern, die der Komponist Bela Bartók gesammelt. Bartók ist ja über die Dörfer gezogen und hat die alten Schichten der Volkslieder noch gerettet vor dem Vergessenwerden, und hat dann wirklich eine regelrechte Kultur der Verfluchung gefunden.

Und diese Verwünschungen sind wirklich so, dass sie teilweise skurril sind: Bartók hat auch gesagt: Es ist bewundernswert, welche Fantasie das Volk dabei entwickelt anderen die Pest an den Hals zu wünschen! Beispielsweise: 'Aus 13 Apothekenreihen sollst du schlucken alle Arzneien!' Oder: 'Verfaulen soll dein linkes Bein'. Und das ist ernst gemeint, das ist blutiger ernst gemeint."

Derart böse Verwünschungen zeugen jedoch nicht nur von allgemeiner Niedertracht, sondern – so der Historiker Gerd Schwerhoff – auch von der tief verwurzelten Religiosität unserer Ahnen:

"Religion durchdrang eigentlich das ganze Leben in dieser Zeit, das heißt man lebte mit der Religion sehr nah und auch die eigenen Triebe und die negativen Seiten brachten sich innerhalb des religiösen Systems zum Ausdruck Das Christentum war halt etwas ganz anderes und umfasste auch einige der dunklen Seiten der Menschen, die man heute gerne von der Religion ein bisschen abspaltet."

Erst mit der Aufklärung lässt die Gottesfurcht nach, schwindet der Glaube an die magische Kraft des Wortes. Das Verfluchen wandelt sich zunehmend zum Beschimpfen, übrig bleibt das Beleidigende.

Glaube an Magie existiert weiter

Auffällig sind kulturelle Unterschiede: Während im Deutschen traditionell anal geflucht wird – vom Arschloch über den Schisser bis zum Klugscheißer, benutzen unsere Nachbarn vor allem sexuelle Fluchworte. Der Schriftsteller und Musiker Danko Rabrenovic bringt das in seinem Buch "Balkanizer" auf den Punkt:

Danko Rabrenovic (bei einer Lesung): "Zwei Balkanesen ballern sich ein Schimpfwort nach dem anderen um die Ohren, bis der eine zu dem anderen sagt: 'Pista di materina'. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung: das Geschlechtsorgan der Mutter – Pista. Diese Szene stammt aus einem alten jugoslawischen Film, den ich vor einiger Zeit im deutschen Fernsehen gesehen habe, in Original mit deutschen Untertiteln. Ich erinnere mich nicht mehr an den Sender, wahrscheinlich einer der öffentlich-rechtlichen. Sehr genau erinnere ich mich aber an die harmlose Übersetzung dieser wirklich üblen Beschimpfung: 'Verdammt, und noch mal verdammt!'" (Lachen im Saal)

Übersetzer, die Umgangssprache ins Deutsche übertragen, haben keinen leichten Job, besonders bei Schimpfwörtern. Denn hier trennen Deutsche, Amerikaner, Italiener und – ja, Serben – offenbar Welten: 

"Das populärste deutsche Schimpfwort 'Arschloch' lautet in serbischer Übersetzung Schupak, und ist für Balkanesen so harmlos wie 'Butterbrot'."

Inzwischen schwinden die kulturellen Unterschiede mehr und mehr. Weltweiter Datenverkehr, Globalisierung und Migration haben ein herzhaft vorgebrachtes "Du, Hurensohn!" - oder schlichter: "Fick dich!" - auch hierzulande populär gemacht. Generell gilt: Der aufgeklärte Mensch flucht zwar heftig, aber er verflucht nicht mehr. Gerd Schwerhoff:

"Zumindest im westlichen Kontext ist der Fluch im klassischen Sinne nicht mehr wirklich existent. Also Beschimpfungen und starke Kraftmeiereien schon, aber sie haben doch andere Erscheinungen als die klassischen Flüche."

Anders sieht das der Ethnologe Thomas Hausschild. Seit Jahren erforscht er Fluchpraktiken verschiedener Kulturen. Seine Erkenntnis: Der Glaube an Magie existiert heute genauso wie vor tausend Jahren, und mit ihm die Möglichkeit verflucht zu werden oder selbst zu verfluchen – vollkommen unabhängig von Aufklärung, Bildungsgrad oder Status. Das magische Denken hat, so Hauschild, einzig und allein etwas mit dem sozialen Umfeld zu tun, in dem man lebt: Ob in Großstädten oder in kleinen Dörfern, ob in grauer Anonymität oder Face-to-Face:

"In Face-to-Face-Zusammenhängen kultivieren die Menschen zwar nicht so ein stark verallgemeinertes Wissen über den Menschen, dafür haben sie aber eine sehr intensivierte tiefe Kenntnis erlangt der Menschen im Einzelnen. Und da werden allerdings sehr viele Spiele gespielt, und auch die Dinge getrieben, die man Magie nennt, und Hexerei – in intensiver Form! Das ist ganz auffällig, dass diese Praktiken sofort zurückgehen, wenn eine Vermassung eintritt. Also im Moment der Verstädterung gehen magische Praktiken immer massiv zurück, zentrieren sich auf einzelne Kulte und Religionsformen, die dann sehr hoch organisiert sein können, aber diese Alltagsmagie lässt dann langsam nach."

Fluchen kann auch positive Effekte haben

Wer ins Internet schaut mag zunächst einen anderen Eindruck gewinnen. Zumindest der Wille einander zu verfluchen scheint ungebrochen: Fehlgeburtsmagie oder Impotenzanwünschungen sind ab 30 Euro zu haben, noch günstiger gibt's geschnitzte Dämonen, geweihte Voodoo-Puppen oder getrocknete Hahnenfüße. Schade ums Geld, meint Thomas Hausschild.

"Weil die Menschen gar nicht mehr die Fähigkeit haben, richtig spezifisch Magie durchzuführen. Spezifisch und klar durchgeführte Magie, die findet unter Menschen statt, die wirklich eine Ahnung davon haben, und die sehr genau sind im Beobachten, und aus ihrer Face-to-Face-Gemeinde, in der sie mal groß geworden sind, in Rumänien oder Süditalien oder in einem versteckten Winkel des Allgäu, da bringen die eine vertiefte Kenntnis mit darüber, wie man einen Menschen besonders gut kränken kann. Bis er meinetwegen auch stirbt. Das sind extrem ausgefuchste Formen von Wissen über Menschen. Über menschliches Verhalten!

Und das finden wir auch in Bürogemeinschaften, von Menschen, die ständig zusammenarbeiten, an Arbeitsplätzen, auch da gibt es eine vertiefte Kenntnis dieser Dinge. Und ob man das dann Magie nennt oder Aberglaube oder Mobbing, was da passiert: Auf jeden Fall hat das krank machende Folgen. Das sind dieselben Prozesse die da ablaufen. Da werden Menschen so fertig gemacht jeden Tag in ihrem Betrieb ohne, dass sie das genauer erklären können, wie das funktioniert."

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht in ihrem jüngsten Bericht von etwa einer Million erwerbstätigen Mobbing-Opfern aus. Immer häufiger sind auch Kinder und Jugendliche betroffen. Nach einer Studie der Universität Münster waren im Jahr 2011 32 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren Opfer so genannter Cyber-Mobbing-Attacken. Das Internet als Fluchbote:

"Deutschland hat jetzt eine Mordrate von 800 Toten pro Jahr etwa, davon zwei Drittel meistens im familiären Umfeld. Das ist also eine extrem geringe Mordrate. Und jetzt schalten Sie mal den Fernseher an abends. Da sehen Sie einen Mord nach dem anderen. In Deutschland passieren wahrscheinlich auf dem Bildschirm hundertmal mehr Morde als in der Realität, würd' ich vermuten. Und die Aggression ist also weiter da, die Aggressionsbereitschaft, die ist nicht einfach zurückgegangen, sondern die ist nur in zivilere Bereiche verlagert."

Frau: "Ob ich schon mal verflucht worden bin, weiß ich nicht, aber hab schon mal jemanden verflucht: Es gab jemanden, der mich tatsächlich immer wieder bedroht hat, körperlich. Und den hab ich echt verflucht, weil ich Angst vor dem hatte. Also, ich hab noch nie verflucht und wurde auch noch nie verflucht, aber einer Freundin von mir der ist das passiert, und zwar abends im Biergarten. Wir saßen da und sie musste auf Toilette. Und vor der Toilette saß eine Toilettenfrau mit Tellerchen vor sich und sie ist an der Frau vorbei gelaufen, hat nichts reingelegt. Und die Frau hat einen Spruch losgelassen und sie dann ganz böse angeguckt und die Freundin kam zurück an den Tisch und war extrem verunsichert und das hat sogar die nächsten Tage noch angehalten."

Woher das Unbehagen, das auch ganz rational denkende Menschen bei der Vorstellung erfasst, das Passfoto eines Freundes zu zerreißen, die abgebildeten Augen mit einer Nadel zu zerkratzen? Ist das Foto vielleicht doch mehr als nur ein Bild? Woher die Beklemmung, bei dem Gedanken, verflucht zu werden? Auch wenn wir die Macht einer ausgesprochenen Verwünschung selbst kaum noch fürchten, fürchtet man doch den Hass, der hinter dieser Verwünschung sichtbar wird. Dabei kann Fluchen psychologisch gesehen auch ein Versuch sein, die eigenen Aggressionen in zivile Bahnen zu lenken. Damit verbunden: die Möglichkeit, schwelende Konflikte anzusprechen und zu klären, wie das Beispiel eines traditionellen, sudanesischen Orakels zeigt, bei dem Dorfbewohner ihr eigenes Federvieh vergiften:

Hauschild: "Mit so einem leichten Pflanzengift, und dann guckt man wie sich die Hähnchen verhalten: Also Umkippen ist Ja, nicht umkippen ist Nein, und dann wird da hin und her gewahrsagt, welche Gruppe das wohl gewesen ist, die herbeigeführt hat, das jemand aus der eigenen Gruppe krank geworden ist. Und das kostet so etliche Hähnchen das Leben, und dann kommt man irgendwann zu dem Schluss: Ja, die waren’s. Das ist eine befriedigende Auskunft für die Menschen erstmal, jetzt wissen sie, wer schuld war.

Und dann schicken sie einen Boten rüber, der reißt dem letzten toten Hähnchen den Flügel ab, und geht rüber zu den anderen, und sagt: So! Legt ihnen den Flügel hin, und die wissen ganz genau, wovon die Rede ist: Face to Face! Die wissen alle ganz viel übereinander die Leute, und wenn das friedlich beigelegt werden soll, dann spuckt einer dieser angesprochenen Familie drei Mal auf den Flügel, und der bringt den Flügel zurück. Und das war das Eingeständnis, dass er eine böse Substanz in sich hat, die da rüber gewandert ist zu ihnen, und das ist jetzt der Beweis, und dann weiß man das, und dann ist jetzt wieder Frieden.

So kann man das ja auch machen, dass man sich das gegenseitig zugesteht, dass man auch mal aggressiv ist und neidisch und so weiter, ich glaube da kommen wir weiter mit, als wenn wir das Fluchen total verbieten."

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