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Buchkritik | Beitrag vom 19.10.2020

Florian Huber: „Rache der Verlierer“Politische Morde von rechts

Von Philipp Schnee

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Buchcover "Rache der Verlierer" von Florian Huber (Deutschlandradio/Berlin Verlag)
Das Buch ist allzu stark eine typische Männer-machen-Geschichte-Geschichte. (Deutschlandradio/Berlin Verlag)

Der Historiker Florian Huber beschreibt in seinem Buch „Rache der Verlierer“ den Beginn des Rechtsterrors in Deutschland vor allem am Beispiel des Mordes an Walter Rathenau. Zuweilen auf Kosten des größeren Gesamtbildes.

Rechte Gewalt, rechtsterroristische Gewalt hat eine lange Geschichte in Deutschland. Florian Huber erinnert in seinem Buch an die Anfänge der Weimarer Republik, als innerhalb von vier Jahren nahezu 400 Menschen politischen Morden von rechts zum Opfer fielen.

Er beginnt seine Spurensuche beim Kieler Korvettenkapitän Hermann Erhardt, ein kaisertreuer Vorzeigesoldat, der nach der Niederlage von 1918 seine eigene Truppe, das Freikorps "Brigade Erhardt" gründet. Eine 5000 Mann starke Truppe, die zunächst noch, für die neue republikanische Regierung gegen die linken Regierungsgegner vorgeht, auch z.B. das Parlament in Weimar beschützt.

Um wenig später aber, beim sogenannten Kapp-Putsch, selbst den neuen Staat anzugreifen. Aus dem wenig geheimen Untergrund baut Erhardt nun die "Organisation Consul" auf, ein weitverzweigtes Netz äußerst rechter und gewaltaffiner Anhänger, die den Umsturz des demokratischen Staates planen und mehrere Mordanschläge auf Spitzenpolitiker verüben.

Verlorene Verlierer

Huber schildert diesen Hermann Erhardt als "Verlierer". Und verloren. Einer jener auf Kriegshandwerk und Kaisertreue Eingeschworenen, die in der neuen Republik keinen Platz mehr finden. Dessen Welt und deren Zukunft mit der Republik, dem Parlamentarismus, dem Ende des preußischen Militarismus, zusammenbricht.

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Ihm gegenüber stellt Huber den Außenminister Walter Rathenau, dessen Persönlichkeit er überschwänglich zwischen "technikbegeisterten Wirtschaftslenker und bildungsschweren Künstler" glänzen lässt. Rathenau wird für die "Verlierer" zum Repräsentanten für das verhasste neue System. Um schließlich, mitten in Berlin, mit Maschinengewehr und Handgranate von der "Organisation Consul" ermordet zu werden.

Männer machen Geschichte

Eindrucksvoll schildert Huber, wie diese Taten, diese gewaltvolle Bedrohung der Demokratie auch im Parlament selbst, von Politikern der rechts(konservativen) Parteien mit Hassreden vorbereitet wurden.

Trotzdem überzeugt das Buch nicht: Es ist allzu stark eine typische Männer-machen-Geschichte-Geschichte, mit großer Geste und großen Worten geschrieben. Der Sprachstil ist überbordend, eine Bonmot-Treibjagd. Im Kern handelt es sich um eine Hommage an Walter Rathenau: Erzählt wird Leben in der Weimarer Republik und die Vorgeschichte des Attentats auf ihn. Darin steckt noch eine kleine Geschichte der "Organisation Consul".

Aber erst nach 150 Seiten wird kurz auf die fast 400 weiteren Morde, die nicht die absoluten Spitzenpolitiker wie Rathenau trafen, eingegangen. Die Dimension rechter Gewalt in den Weimarer Jahren verschwindet so. Auch weil die Überbetonung des "Verlorenseins" und "Verlierertums" diese Geschichte allzu stark psychologisiert und damit ein Stück weit entpolitisiert.

Kurios ist der Versuch, Aktualität herzustellen: Den Kapiteln werden aktuelle Zitate von Björn Höcke bis zum Attentäter von Christchurch vorangestellt, ohne Einbindung. Und für das Schlusskapitel werden in wenig überzeugender Weise Bilder einander gegenübergestellt, z.B. Hermann Erhardt, in seiner preußischen Marineuniform neben Anders Breivik, dem norwegischen Attentäter von 2011, in einer selbst gebastelten Fantasieuniform.

Fazit: Dieses Buch will zu viel und liefert zu wenig. Sein Thema aber macht es trotz alledem lesenswert.

Florian Huber: "Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland"
Berlin Verlag, Berlin 2020
288 Seiten, 24,00 Euro

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