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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 07.09.2014

FliegenfischenEin ziemlich ungewöhnlicher Sport

Über die sportliche Variante des Angelns

Von Alexa Hennings

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Jana Maisel beim Casting in der Disziplin "Fliege Zielwurf", bei den World Games der nicht-olympischen Sportdisziplinen 2005 (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Jana Maisel bei "Fliege Zielwurf" (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

Sie gehört zu den erfolgreichsten Sportlerinnen der Welt: Jana Maisel, Lehrerin aus Gera, hat insgesamt 76 mal WM-Gold errungen. Ihre Disziplin ist für Außenstehende eine recht seltsame Randsportart: Fliegenfischen.

Akustisch ist eine Reportage über das Trockenangeln genauso schwierig wie ein Bericht über ein Schachturnier. Grabesstille. Oder jedenfalls fast. Auf dem Motorsportplatz in Halle ist - neben Vögelgezwitscher - nur ab und an ein kaum hörbares Surren zu vernehmen: Eine Angelsehne fliegt durch die Luft. Und nicht nur, dass man nichts hört: Man sieht auch fast nichts, so schnell wie die fast durchsichtige Schnur vorüber zischt.

Vorn an der Spitze ist statt eines Angelhakens eine sogenannte Fliege angebracht: Ein Mini-Kunststoffpuschel. Beim "richtigen" Angeln, also beim Fische fangen, soll das den Fischen eine echte Fliege vorgaukeln. So fangen die Fliegenfischer am Wasser Lachse und Forellen. Die Fliegenfischer an Land dagegen schleudern ihre Fliegen oder kleine Gewichte über den Rasen. Eben bleibt die unechte Fliege jenseits der 50-Meter-Marke liegen. Ein Mann Mitte 60 in Shorts, Sporthemd und Basecap stapft auf den Werfer zu.

"Gehen wir mal zu Herrn Stein, der , wenn ich das richtig sehe, Fliege weit werfen will. Fliege weit einhändig. Das heißt, da wird die Rute mit einer Hand bewegt und die andere Hand hält dann die eigentliche Schnur. Und derjenige schwingt dann die Rute hin und her und dann schwingt die Schnur in einer schönen Haarnadelkurve nach vorn. Müssen wir mal gleich gucken, ob wir das erkennen können..."

Wolfgang Feige-Lorenz, der Bundestrainer, ist zufrieden mit der feinen Haarnadelkurve, die Ralph Stein mit seiner Angel in die Luft gezaubert hat. Na ja, ganz ist der Trainer noch nicht zufrieden.

"Ralph, könntest du mal eins probieren? dass du beim Rückschwung die Rute nicht so weit oben stehen lässt sondern gleich absenkst hinten? Gleich runter mit dem Stock! Ja, mach mal, probier mal..."

Der Werfer steht auf einem Podest und holt mehrmals weit aus, ehe er die Schnur losfliegen lässt. Sein Rücken biegt sich ganz weit nach hinten, er holt nicht nur mit den Armen Schwung, sondern mit dem ganzen Körper. So viel Schwung, dass er nach dem Loslassen der Sehne fast vom Podest fällt. Wenn das im Wettkampf passiert, wäre der Wurf ungültig. Weiter hinten auf der Wiese dreht sich ein anderer Fliegenfischer auf der Stelle wie ein Kugelstoßer, bevor er wirft. Disziplin: Fliege Zweihand.

Kraft und Konzentration sind wichtig

"Nee, gefällt mir noch nicht! Das Handgelenk hast du einfach noch zu stark nach oben gerichtet. Verstehste? Also Rückschwung, stoppen, dann gleich die Rute fallen lassen, gleich runter..."

Jetzt sieht es richtig anstrengend aus. Ausholen, Zurückbeugen, Losschleudern. Die sportliche Variante des Angelns erfordert Kraft und Konzentration. Ralph Stein, Anfang 40, weißes Sportdress, läuft der Schweiß. Er hat Probleme mit dem rechten Arm. Der Ellenbogen ist bandagiert.

"Ja, man ist schon alt! - lacht - Ab 30 lässt das nach und man ist schon eine Weile drüber. Bißchen Fitneß braucht man schon. / Ohne Fitneß geht das heute gar nicht mehr. Hinten lassen! Und - ja, zu schnell nach vorne. Du bist zu steil wieder nach vorne gekommen..."

Zum x-ten Male saust die Fliege mit großem Schwung über die Wiese. Mehr als 60 Meter schaffen es die Besten, und Ralph Stein aus Lichterfelde in Brandenburg gehört zu den Besten. Er hat sich für die diesjährige Weltmeisterschaft in Polen qualifiziert. Gemeinsam mit fünf anderen Männern und drei Frauen bildet er die deutsche Nationalmannschaft - und Wolfgang Feige-Lorenz aus Berlin ist ihr Trainer:

"Du hast in diesem Jahr ein ausgesprochen gutes Fliege-Weit-Jahr, wenn man so will. Es ist nicht viel zu ändern, nur ein bißchen was zu variieren. Und da möchte ich gerne, dass wir da am Wochenende versuchen, dran zu arbeiten."

Mit 53 Jahren und 72 Goldmedaillen zur Ruhe gesetzt

Die Casting-Sportler aus Deutschland gehören zu den besten in der Welt. Die Mannschaft, die in Halle auf dem Sportplatz für die WM trainiert, hofft, dass das so bleibt. Denn die beste Fliegenfischerin aller Zeiten hat die Mannschaft verlassen. Mit 53 Jahren hat sich Jana Maisel aus Gera zur Ruhe gesetzt. Nachdem sie 72 Goldmedaillen auf Weltmeisterschaften gewonnen hat. Unglaublich, meint der Trainer.

"Das zeigt aber auch, dass die Sportart durchaus auch im sehr hohen Alter - sehr hoch, ist vielleicht zuviel gesagt, aber im hohen Alter durchaus noch machbar ist. Das Problem bei dem Sport ist ja das Einstellen auf die Witterungsbedingungen. Momentan ist es nicht schwierig. Aber es gibt Situationen, wo der Wind von allen Seiten kommt. Und wer da Nerven behält und seine Technik durchziehen kann - da kann man sagen: Hut ab, toll!"

Nerven, Nerven hat sie, diese Jana Maisel. Das hört man immer wieder, wenn man sich auf dem Sportplatz umhört. Ralph Stein wischt sich den Schweiß von der Stirn.

"Wir haben immer gesagt: die Casting-Maschine. Ist selten, dass der Motor mal gestottert hat. Und was das Gute an ihr war: Sie konnte sich auf den Punkt konzentrieren. Wenn ein Höhepunkt im Jahr war, selbst wenn das Jahr nicht so besonders gelaufen ist, wenn die WM war, da war sie immer top drauf. Das war ihre große Stärke. Selbst im letzten Jahr, die Jüngeren sind nun doch athletisch etwas besser drauf, aber durch ihre Zielwurfdisziplinen hat sie immer noch die Mehrkampftitel gewonnen. Weil sie halt so stark war. Waren glaube ich viele zufrieden, dass sie endlich aufgehört hat - lacht - aus ihrer Sicht. Für uns ist es natürlich schade, dass sie aufgehört hat. Aber na ja. War schon für manche ein rotes Tuch, wenn die gesehen haben, die Frau Maisel ist da! "

Jeanette: "Das ist sicherlich die, die die meisten Nerven hatte, gerade im Zielwerfen. Muß man schon anerkennen. Da ist eine gute Schule dahinter."

Mit Dir, mit Dir, möcht' ich am Sonntag Angeln geh'n
Mit Dir, mit Dir, da denk ich mir das wunderschön
Ganz allein in einem Kahn dann drin
Und die Beine häng'n ins Wasser rin...

("Lied vom Angeln", Marlene Dietrich)

Die wahrscheinlich erfolgreichste Sportlerin der Welt

Die "gute Schule" für die wahrscheinlich erfolgreichste Sportlerin der Welt war in Gera, einer kleinen Stadt im Osten Thüringens. Dort wurde Jana Maisel
1961 geboren - hinein in eine Anglerfamlie. Damals war noch nicht das englische Wort - Casting - für diesen Sport verbreitet - und auch heute verbinden die meisten diesen Begriff eher mit Show oder Film.

...Zur Angelei gehört so allerlei
man muß von Sorgen frei sein
auch muß ein Mann dabei sein
ein Mann, mit welchem man so richtig angeln kann...

("Lied vom Angeln", Marlene Dietrich)

Jana Maisels Eltern waren nicht nur Angler, die gern Fische angelten in der Saale, sondern sie gehörten zur ersten Generation der Sportfischer in der DDR. Angeln ohne Fisch ist ja wie Fußball ohne Ball - dieser Spott, den Umstehende bisweilen äußern, machte ihnen nichts aus. Sie nahmen an Turnieren für Fliegenfischer teil und trainierten in Gera den Nachwuchs. Nicht nur den eigenen.

"Mein Papa hat das hier in Gera aufgebaut. Mit meiner Mutti und meinen Geschwistern, ich war ja die Letztgeborene. Also, es wurde mir förmlich in die Wiese gelegt. Und vielleicht hab ich auch ein bißchen Talent mit geerbt, keine Ahnung."

Kinder- und Jugendspartakiaden, DDR-Jugendmeisterschaften und der ständige Wettstreit mit den Gleichaltrigen im Geraer Angelsportklub brachten Erfolge und stärkten die Nervenkraft, die heute von so vielen Casting-Sportlern an Jana Maisel bewundert wird. Mentaltraining gehörte damals zum Programm - die Meisterin bedauert, dass dies heute nicht mehr so ist. So wie überhaupt aus dem einstigen Gemeinschaftsport ein Einzelkämpfersport geworden ist. Kaum noch gibt es Klubs, auch der in Gera besteht schon lange nicht mehr.

Lektionen im Trockenangeln verordnet

...Du da, du Fischerjunge
bist der richtige Mann!
Mit Dir, mit Dir, möcht' ich am Sonntag Angeln geh'n
Mit Dir, mit Dir, da denk' ich mir das wunderschön...

("Lied vom Angeln", Marlene Dietrich)

1972 war Jana Maisel elf Jahre alt und sah in Cottbus, bei der Weltmeisterschaft im Fliegenfischen, ihren späteren Ehemann zum ersten Mal.

"Da durfte er noch dabei sein. Danach gab es den Beschluss: Nichtolympische Disziplinen dürfen zu keiner WM mehr starten in der DDR. Und damit gab es für uns keine Welt- und Europameisterschaften mehr bis zur Wende. Und ich war damals als Pionier dort, er war ein bißchen älter als ich, ich habe zugeschaut. Pionierlager und FDJ-Pokal war da auch gleichzeitig. Und er hat dann noch bis Mitte der 80er den Sport gemacht und war dann hier in Gera unser Trainer."

Damals gab es noch viel Nachwuchs im Fliegenfischer-Sport. Das lag nicht nur daran, dass dies eine Zeit war, in der die Kinder ihre Freizeit nicht mit Schauen von Casting-Shows verbrachten, sondern an einer Regelung im Anglerverband der DDR. Jedem Angler wurden, bevor er Fische fangen durfte und den Angelschein bekam, ein paar Lektionen Trockenangeln verordnet.

"Man mußte ja früher zu DDR-Zeiten so eine Praxisprüfung machen, damit man fähig ist, ans Wasser zu gehen, die Rolle richtig zu händeln und auswerfen zu können. Das war ja damals sogar Pflicht. Und einige sind dann auch beim Casting geblieben, die fanden das gut. Gerade mein Mann, der hat das dadurch so ein bißchen kennengelernt. Er war eigentlich Angler und ist dadurch zum Casting-Sport gekommen."

Im Frühling wird angeangelt.
Im Sommer durchgeangelt.
Im Herbst abgeangelt.
Im Winter eisgeangelt.

(Rainald Grebe: "Angeln")

"Angeln ist eigentlich viel Glück, weniger Können"

Es ist schon so, dass Familie Maisel nicht nur gern trocken angelt, sondern auch gern Fische fängt. Das Lieblingsland der Weltmeisterin ist Norwegen, wo sie auch dieses Jahr wieder ihren Urlaub verbrachte. Mit leichtem Vorteil gegenüber anderen Angelfreunden, zugegeben.

"Wir kommen vielleicht in Regionen, wo andere nicht so hinwerfen können, Wo wir vielleicht noch eher eine Chance haben, dass die Fische nicht so schlau sind. Aber, Angeln ist eigentlich viel Glück - lacht - weniger Können. Meistens ist es ja so, wenn man einen mitnimmt, der keine Ahnung hat vom Angeln, die fangen meistens den Fisch - das Anfängerglück, was es da so gibt - lacht -"

Jana Maisels Wohnung in Gera ist klein, doch eine Wand im Wohnzimmer gehört den Fischen: Mit aufgerissenem Maul schauen die präparierten Fischköpfe hinunter auf den Tisch, auf dem sie vermutlich einmal verspeist wurden.

"Oben hängen die Hechte, ganz links ein Dorsch, in der Mitte und rechts Zander. Die ganz Kleinen, das ist einmal Zwergwels, der hier bisschen vorguckt ,und rechts eine Forelle. Rechts unten ist ein Karpfen und hier der Schwarze ist ein Seeteufel - der mit den komischen Zähnen."

Erfolgreicher als bei der Jagd auf Fische ist Jana Maisel im "Angeln ohne Fische". An einer anderen Wand im Wohnzimmer hängt, sozusagen alle Trophäen zusammenfassend, für deren Ausstellung die Wände nicht gereicht hätten, die Urkunde vom Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde.

"Wir sind jetzt dabei, das vielleicht nochmal anzugehen. Weil bis 2012 sind ja nochmal 36 dazu gekommen. Es sind jetzt 72."

Silber und Bronze wird gar nicht mehr gezählt

72 mal Weltmeister. Da wird Silber und Bronze gar nicht mehr gezählt.

"Doch, habe ich hier in meiner Statistik. Sind 31 Silber- und Bronzemedaillen zur WM. Es gibt ja auch Disziplinen, wo ich nicht so dominant bin. und wenn ich da Bronze hole, gerade in den Technik-Disziplinen Fliege Weit oder Siebeneinhalb-Gramm-Weitwurf, da bin ich auch auf eine Bronzemedaille ganz stolz."

Die hohe Anzahl der Medaillen hat auch etwas mit dem Reglement des Casting-Sports zu tun. Im Gegensatz zu anderen Sportarten gibt es dort alljährlich eine Weltmeisterschaft. Und in den verschiedenen Disziplinen gibt es - anders als zum Beispiel im Leichtathletik-Mehrkampf - jeweils extra Medaillen, so dass man bei einer einzigen Meisterschaft die Chance auf 13 mal Gold hat. Kunststück, da abzusahnen, werden andere sagen, in deren Sportart es nur einen einzigen Titel zu erkämpfen gibt. Doch selbst wenn man die überbordende Medaillenvergabe außen vor läßt: Es bleibt da eine Sportlerin, die 25 Jahre lang an der Weltspitze blieb.

1989 startete zum ersten Mal seit 1972 wieder eine DDR-Mannschaft zur Casting-Sport-WM, Jana Maisel war dabei. Ab 1991 gab es eine gesamtdeutsche Mannschaft. Im Schnitt holte die Lehrerin aus Gera fünf von 10 WM-Titeln.

"Ich war schon so ein Angstgegner für viele. Die haben schon immer zu anderen Turnieren gefragt: Ist die Maisel dabei? Und sind deshalb gar nicht hingefahren. Das merkt man ja oder spürt man selber nicht oder es wird einem selten ins Gesicht gesagt. Das habe ich erst im Nachhinein von Frauen gehört. So ein bißchen der Angstgegner war ich - lacht - Man fährt ja zum Sport um zu gewinnen. Aber es war mir auch oft schon peinlich. Ich habe mich zwar gefreut über den Sieg, aber nicht unbedingt wohl gefühlt den anderen gegenüber. Weiß nicht, wenn man immer oben steht, ist es für die anderen schon hart. Letztes Jahr bei der deutschen Meisterschaft lief es bei mir gar nicht. und da habe ich mich so für die anderen gefreut, die so glücklich waren, dass ich nur 5. oder 6. war! Und dass sie die Maisel endlich mal geschlagen hatten! Das habe ich den anderen von Herzen gegönnt, ich hatte da jetzt kein Problem." - lacht -

Jeden Tag einen Sack Flöhe hüten

Die Entscheidung aufzuhören, hat Jana Maisel nicht erst nach der Niederlage gefasst. Das Gefühl, alles erreicht zu haben, lähmte irgendwann ihre Motivation. Immer trainieren, im Winter ins Fitnessstudio gehen, die wenige Freizeit, die Turniere, Meisterschaften und Trainingscamps übrig ließen. Sie sehnte sich auch nach mehr Zeit zum Angeln gemeinsam mit ihrem Mann, einfach irgendwo in Ruhe sitzen an der Saale oder an der Elbe. Und: Sie war nun über 50 und hatte zudem einen anstrengenden Beruf: Jana Maisel arbeitet als Grundschullehrerin an einer Schule mit vielen "Problemkindern" in einem Plattenbaugebiet. Das bedeutet, jeden Tag einen Sack Flöhe zu hüten.

"Die Gesundheit, das strengt alles auch sehr an. Es ist auch ein Nervensport, der einen ganz schön verbraucht, finde ich immer. Ich war dann immer einen Tag platt und zuhause nicht genießbar. Musste dann aber schon wieder meinen Mann im Beruf stehen, der ja auch so ein nervlicher Beruf ist . Da kamen viele Faktoren zusammen, zu sagen: Ich möchte es gar nicht mehr. Es tut mir auch nicht weh. Ich fahre noch zu drei Turnieren im Jahr, freue mich, wenn ich die Leute sehe. Ich habe keinen Bedarf, wieder einzusteigen. Ich möchte es auch nicht mehr. Ich hab' abgeschlossen."

...Vom Angeln lernen heißt warten lernen.
Ich kann warten...

(Rainald Grebe: "Angeln")

So lange warten wie die Frauen, die im vorigen Jahr zum ersten Mal Jana Maisel besiegten, brauchte Ralph Stein nicht. 2013 holte er seinen ersten Weltmeistertitel. Im Herrenbereich gibt es nicht so einen Allein-Star wie Jana Maisel. Die Titel verteilen sich. Besonders stark sind die Männer aus Kroatien. Mit ihnen will es Ralph Stein diesmal aufnehmen. Deshalb übt er in Halle auf dem Sportplatz, die Angel, die je nach Disziplin mit einer Fliege oder mit einem kleinen Gewicht bestückt ist, ins Ziel zu werfen.

Er steht vor einer Zielscheibe wie beim Schießen, nur dass die Scheibe liegt statt steht. Auf der Wiese liegen, schräg angeordnet, weiße Bretter: die Startbretter. Aus unterschiedlichen Entfernungen muß mit unterschiedlichen Techniken das Ziel getroffen werden. Dabei erreichen einige der Besten die volle Punktzahl und kämpfen in der nächsten Runde nach Zeit.

"Hier hat man den Überkopfwurf, dann den Seitenwurf links, wo man links der Körperachse werfen muss, und als Letztes einen beliebigen Wurf. Der Wind ist ein bisschen von links. Deshalb haben viele eine Fahne da stehen, damit man sieht, wie der wind reinkommt. Muss man eben bisschen anhalten auf die rechte Seite und legt das Gewicht dann sozusagen rüber - so ..

Angeln ohne Fische? Eher ein präzises Ziel- und Weitwerfen!

Angeln ohne Fische, spötteln viele. Dabei ist es eher ein Ziel- und Weitwerfen, und statt Kugel, Ball oder Speer wird die Angel verwendet. Als Präzisionssport ist Casting auch mit Golf, Schießen und Bogenschießen verwandt. Wolfgang Feige-Lorenz, pensionierter Lehrer für Sport und Französisch, kam schon 1958 in West-Berlin zum Casting-Sport. Er war selbst aktiv und holte WM-Titel. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er ehrenamtlich als Trainer. Er weiß von der langen Geschichte dieser Sportart.

"Vor 150 Jahren ungefähr - na, genau 150 Jahre, 1864 - gab es das erste Turnier in Amerika. Und es ist dann Ende der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts nach Europa gekommen. In Berlin war dann 1923 das erste große, deutsche Wurfturnier. Und da waren auch Zuschauer dabei. In den ersten Jahren waren da mehrere Tausend Zuschauer. Das war erstaunlich. Ich habe Fotos gesehen mit entsprechenden Unterschriften aus Zeitungen, da war ich ganz erschlagen! Das gibts doch gar nicht: Wo kommen die Leute her und wo sind sie heute?"

Der Deutsche Olympische Sportbund freue sich zwar über die internationalen Erfolge der Casting-Sportler, meint der Bundestrainer. Unterstützung gäbe es jedoch kaum. Geld, um für ein Turnier eine Halle zu mieten, wo die Zuschauer alles genau sehen könnten, konnte nur ein einziges Mal aufgetrieben werden.

"Weil eben dieser Sport ein Schattendasein fristet, kommen natürlich wenig Zuschauer. Demzufolge sind auch ganz wenige Einnahmequellen, die sind nicht vorhanden oder ganz, ganz gering."

Und auch im eigenen Verband, dem Deutschen Angelfischer-Verband, gibt es kaum Hilfe. Die rund 300 aktiven Casting-Sportler stehen einer Übermacht von 800.000 Anglern gegenüber, die nichts weiter wollen als Fische zu fangen. Erst im Jahr 24 nach der Wende, im Herbst 2013, vereinten sich der ost- und der westdeutsche Anglerverband: Aus dem westdeutschen "Verband deutscher Sportfischer" und dem "Deutschen Anglerverband" im Osten wurde der "Deutsche Angelfischer-Verband".

Allein der kuriose Name, der dem deutschen Wortschatz ein neues Wort hinzufügte, zeugt vom langen und zähen Vereinigungsprozess. Was bitte, sind "Angelfischer"? Heinz Meire-Hensge, der auch auf dem Sportplatz in Halle für die Weltmeisterschaft trainiert, sieht es gelassen. Gelassenheit und Warten sind schließlich Dinge, die man beim Angeln lernt:

"Also Angelfischer ist ja irgendwie doppelt gemoppelt. Aber gut, die haben sich drauf geeinigt. Es ist ja so kleinlich, nach dem Motto: Wir müssen was Neues haben, damit man seine eigene Identität - wenn nicht schon verliert, dann schon beide verlieren! Für mich ist viel, viel wichtiger als der Name, dass die Fusion endlich stattfand. Wie wir dann heißen, dass es irgendwas mit Angeln ist, das ist schon mal gut. Das haben wir ja schon mal geschafft! Und sonst wäre mir das vollkommen egal gewesen."

Etat von 30.000 auf 9000 Euro gekürzt

Einige Verbände, wie der bayerische, haben sich der späten Vereinigung verweigert. Und: Jeder Landesverband hat weiterhin seine eigenen Vorschriften - zum Beispiel zum Erwerb eines Angelscheins. In manchen Bundesländern werden für den praktischen Teil der Sportfischerprüfung Casting-Kurse angeboten - früher waren sie vielerorts sogar Pflicht. Heinz Meire-Hensge, selbst 18-facher Weltmeister, hat solche Kurse in Niedersachsen geleitet.

"Dieser praktische Teil war bis letztes Jahr in Niedersachsen noch Pflicht. Dann ist er gestrichen worden. Das bedauere ich eigentlich sehr. Weil - es ist kein großer Aufwand, die Leute lernen ungemein schnell und haben Spaß dran. Und das forcieren wir und wir wollen auch Werbung dafür machen, dass dieser praktische Teil nicht verloren geht. Weil, wenn der verloren geht, dann geht die Wurfkultur auch verloren. Und das ist dann eigentlich schade."

Der Etat für den Casting-Sport wurde nach der deutsch-deutschen Vereinigung der Angler von 30.000 auf 9000 Euro gekürzt. Nur wenige Landesverbände unterstützen ihre Mitglieder finanziell, wenn sie für internationale Turniere und Meisterschaften trainieren und an Wettkämpfen in aller Welt teilnehmen.

"Ich meine, Sport und Naturschutz ist das, warum wir gemeinnützig sind! Das Angeln ist nicht die Grundlage dafür. Und ich weiß nicht, was dadurch, dass gewisse Vereine Steuern sparen können, was man in vielen, vielen Vereinen tatsächlich an Geld spart, weil wir diese Gemeinnützigkeit haben. Und wenn man dann gewisse Beträge sieht - was in meinen Augen Peanuts sind, die der Casting-Sport angeblich kostet. Man sieht immer nur das Geld. Man sieht nicht das Wichtige, die Jugendarbeit oder den Sport an sich - dann muss sich entweder in der Kultur der Funktionäre oder es müssen sich die Funktionäre generell verändern."

Nachwuchs wird dringend gesucht

"Wollt ihr ´n Kaffee?"
"Hast Du Milch?"
"Nee, nur Kaffeeweißer..."

Kaffeepause auf dem Sportplatz in Halle. Noch besser als Kaffee ist jetzt ein Wasser, die Sonne ist heute unbarmherzig. Auch noch abends um sechs. Der nächste Sportler trudelt ein, er kommt aus Ostfriesland, lange Fahrt. Eine Frau kann wegen ihres Schichtdienstes als Krankenschwester gar nicht teilnehmen am WM-Training. Freistellungen von der Arbeit, Unterstützung durch die Vereine - das alles war einmal. Hier stehen Enthusiasten auf dem Platz, die nur eines wollen: Angeln ohne Fisch. Und das richtig. Meire-Hensge:

Mir hat der Sport unheimlich viel gebracht. Ich habe weltweit Freunde. Ich habe überall - sei es in Japan, sei es in Amerika, in Australien - überall schon Freunde besucht wegen dem Casting-Sport. Wenn ich den Casting-Sport nicht hätte, ich hätte vieles gar nicht erreicht, und das gar nicht mal auf den Casting-Sport selbst bezogen. Sport heißt ja nicht schwitzen und sich verausgaben. Sondern Sport kommt ja im Wesentlichen, ich hab's mal so gelernt: disportare, sich vergnügen, aus dem Lateinischen. Es gibt Hochleistungsvergnügler, Spitzenvergnügler, Breitensportvergnügler. Ist schon ganz interessant, was es da alles gibt. Sport soll ja auch verbinden!

Weiter gehts bei 30 Grad in der prallen Sonne mit dem Zielwurf auf schwarze Scheiben, die in einem Bogen auf die Wiese gelegt wurden. Sie müssen in einem bestimmten Rhythmus getroffen werden. Das sieht auf den ersten Blick spielerisch aus, kinderleicht. Ist es aber nicht. Wer möchte, kann ja mal für den Anfang probieren, einen 20 Meter entfernten Topfdeckel zu treffen. Wenn es wider Erwarten doch schnell klappt, dann bitte beim nächsten Casting-Verein melden. Fliegenfischer-Nachwuchs wird dringend gesucht.

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