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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 06.08.2008

Fleischlos glücklich

100 Jahre vegetarische Lebensweise

Von Susanne Mack

Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch (hier Obst und Gemüse) (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch (hier Obst und Gemüse) (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)

Am vergangenen Sonntag ging in Dresden der 38. Welt-Vegetarier-Kongress zu Ende. Glaubt man den Umfragen des Deutschen Vegetarierbundes, so wächst die Zahl der "Fleisch-Verächter" hierzulande von Jahr zu Jahr. Inzwischen sind es geschätzte acht bis zehn Prozent der Bevölkerung.

Beifall: "Animals are sensitive, they and have a heart … so smart!”"

"Tiere sind empfindsam, sie haben ein Herz.” Das Lied zum Auftakt im Dresdner Kulturpalast.

Vegetarier-Kongress: ""Meine sehr geehrten Damen und Herren !
Zur Eröffnung des Welt-Vegetarier-Kongresses 2008 heiße ich Sie alle, die sie von nah und fern angereist sind, herzlich willkommen.
Ladies and Gentleman! On behalf of the "Vegetarierbund Deutschland”, the German Vegetarian Society, I would like to welcome all of you to the World Vegetarian Congress 2008 in Dresden.”"

Es klingt so wie vor 100 Jahren. Auch die Teilnehmer des Ersten Vegetarischen Weltkongresses haben sich in deutscher und englischer Sprache begrüßt. Damals eine Verlegenheitslösung, eigentlich wollte man die Konferenz ja in Esperanto bestreiten:

""Dieser letzte Gedanke erwies sich aber als trügerisch, so klug er ausgedacht sein mochte. Kaum einer auf der Vegetarier- Tagung war Esperantist."

So steht es in der " Vegetarischen Warte", dem Blatt des Deutschen Vegetarierbundes, Ausgabe August 1908. Dort findet sich auch die folgende Annonce:

"Montag, 17. und Dienstag 18. August. Internationaler Vegetarier-Kongress im kleinen Saale des Evangelischen Vereinshauses, Zinzendorffstr. 17. Montag Abend Empfang, Dienstag Beratung; abends öffentliche Versammlung."

Schönberger: "Auf nationaler Ebene gab es schon viele vegetarische Verbände, besonders stark in England, aber auch in Deutschland, und daraus entstand das Bedürfnis, eine internationale Vereinigung zu gründen. Das war die International Vegetarian Union. Und die hat sich dann in Dresden 1908 mit etwa 25 Teilnehmern getroffen, um sowohl den ersten vegetarischen Weltkongress zu organisieren als auch diese Vereinigung zu gründen."

Thomas Schönberger. Er ist Vorsitzender des Vegetarierbundes Deutschland. 25 Teilnehmer also. Anno 1908. Beim ersten Internationalen Vegetarierkongress . Und was die Internationalität betrifft: Es waren nur Engländer, Holländer und Deutsche da.

100 Jahre später ist das Auditorium beträchtlich gewachsen: Rund 700 Gäste aus 33 Ländern der Welt. Und wenn man das Essen vergleicht? Ein Pflanzenköstler-Kongress ohne grüne Gaumenfreuden ist schließlich undenkbar. Dr. Selß jedenfalls, Berichterstatter der "Vegetarischen Warte" von 1908, dankte mit heißem Herzen "dem rührigen Wirte vom Evangelischen Vereinshaus".

"In dessen behaglichen Räumen die ganze Tagung stattfand. Und wo das rasch improvisierte vegetarische Festmahl am Dienstag unserem vegetarischen Geschmack bestens entsprochen hat!"

Wir wissen nicht, was Dr. Selß und seine Vegetarierfreunde damals auf den Tellern hatten. Hundert Jahre später jedenfalls ging’s planvoller und – höchstwahrscheinlich - opulenter zu. Das Catering-Team kam vom Dredner Hilton-Hotel:

Köchin/Koch: "Ja, wir haben heut’ abend ein Buffett vorbereitet / Nicht nur rein vegetarisch, sondern vegan. Weil sehr viele Veganer dabei sind. Also wirklich nur auf Soja zurückgegriffen, kein Butter, kein Ei. Wir haben einen Lausitzer Lauch-Kartoffelsalat / Einen Hörnli-Salat mit Erbsen und Tomaten, Gurkensalat mit Rapskernöl-Dressing, /Thüringer Bratwurst-Ragout. Das ist ‚ne Grundmasse aus Tofu. Würd’ ich probieren. Das hat von den Gewürzen etwas wie’ne Thüringer Bratwurst. Das ist auf alle Fälle sehr, sehr interessant."

Lied zur Eröffnung des Vegetarier-Kongresses Dresden: ""There is so much great stuff to eat, there’s no neet to put your animals for meat … come from the earth, the sun an the rain.”"

"Es gibt so viel, was man essen kann. Ihr müsst Eure Tiere nicht zu Fleisch verarbeiten! " singen die First-Class-beköstigten Vegetarier in Dresden. Was die Versammlung von 1908 betrifft: Im Bericht der "Vegetarischen Warte" ist von Gesängen nicht die Rede. Nur allgemein von "schönen Kunstgenüssen". Der Erste Vegetarische Weltkongress markiert den Höhepunkt einer Bewegung, die während der Bismarck-Ära allmählich ganz Deutschland ergreift: landauf landab werden Vereine gegründet, deren Mitglieder auf pflanzliche Ernährung schwören.

Thomas Schönberger: ""Es war ja so, dass im Zuge der Lebensreform-Bewegung, eine sehr breite Bewegung Ende des vorletzten Jahrhunderts, die auch die vegetarische Bewegung einschloss, das Bedürfnis entstand, sich zu organisieren."

1868 hatte Gustav Struve, Rechtsanwalt und Abgeordneter der Nationalversammlung von 1848, in Stuttgart einen Vegetarierverein aus der Taufe gehoben. Jahrzehnte vorher schon war ihm ein schmales Büchlein in die Hände gefallen - Jean-Jacques Rousseau : "Emile. oder Über die Erziehung". Das gab Gustav Struve, in politischen Fragen Radikal- Demokrat, den Anstoß, auch seine Lebensweise radikal zu ändern.

Rousseaus’ "Émile" ist eine zivilisationskritische Klageschrift: "Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut.- Alles entartet unter den Händen des Menschen."

Schönberger: "Die Lebensreform–Bewegung war eine Bewegung, die als Reaktion auf die Industrialisierung entstand. Auch als Kritik an der Industrialisierung. Und war sehr breit angelegt über Gesundheitsbewegung, Bodenreform-Bewegung, Freikörper-Kultur, Nichtraucher-Bewegung, Naturheilbewegung war ganz wesentlich. Zum Teil auch eine Siedlungsbewegung, es gab vegetarische Siedlungen, Ascona, Monte Verita in der Schweiz oder "Eden" bei Berlin waren die berühmtesten. Und Vorläufer dieser Bewegungen war auch die vegetarische Bewegung."

Zitator: "So lange der Mensch Tiere schlachtet, wird er auch Menschen töten."

Auch diesen Satz des Pythagoras hat Gustav Struve bei Rousseau gelesen. Seit 1832 lebt Struve von pflanzlicher Kost. 16 Jahre später, beim Parlament in der Frankfurter Paulskirche, trifft er einen Mann, der sich von seinem Vegetariertum sofort beeindruckt zeigt: Eduard Baltzer, ein Gemeindepfarrer aus dem thüringischen Nordhausen.

Die Thüringer kommen den Schwaben am Ende zuvor. Um ein Jahr. In Sachen Vereinsgründung. 1867 konstituiert sich unter Baltzers Federführung in Nordhausen der "Verein für natürliche Lebensweise".

Schönberger: "’’Gesundheit!’ war ein wesentlicher Ausgangspunkt. ‚Natürlich leben, raus aus der Stadt!’ Aber der Mensch-Tier-Gedanke, der Tierrechts- und Tierschutz-Impuls war auch wesentlich neben dem Gesundheits- und Natürlichkeits-Impuls.""

Zitator: "Der Tiermord ist aus ethischen Gründen nicht gestattet. Das Tier hat sein eigenes Lebensrecht und bedarf des menschlichen Schutzes."

Schreibt Pfarrer Baltzer. Das Oberhaupt einer freireligiösen Gemeinde ist überzeugt: ein recht verstandenes, modernes Christentum muss sich zur vegetarischen Idee bekennen. Balzer hat ein vierbändiges Werk verfasst, sein Titel: " Natürliche Lebensweise". Einer der Bände handelt über den "Vegetarianismus in der Bibel".

Struves und Baltzers Vereine haben den Anfang gemacht. Danach entsteht im wilhelminischen Kaiserreich eine Vielzahl lokaler Vegetarier-Organisationen. Die wiederum schließen sich am 7. Juni 1892 zum "Deutschen Vegetarier-Bund" zusammen. Ort des Geschehens ist Leipzig. Genauer gesagt: die vegetarischen Gaststätte "Pomona", Kurprinzenstraße 3.

Anzahl der teilnehmenden Vegetarierfreunde: 18 - Und was gab’s Feines für den Gaumen? Diesmal ist die Speisefolge überliefert:

"Grünkernsuppe
Blumenkohl mit Linsenkottelets
Schoten mit Karotten und Schmorkartoffeln
Makkaroni mit Butter und Parmesankäse
Nußspieße
Quark mit Butter
feines Obst"

Es war die Dresdner Ortsgruppe des Deutschen Vegetarierbundes. Sie richtet den Ersten Vegetarischen Weltkongress aus. Vier Jahre später, anno 1912 zählt man in Deutschland 25 Vegetarier-Vereine mit insgesamt rund 5000 Mitgliedern. Außerdem eine politische Partei, die National-soziale Vegetarier-Union. Bei den Reichstagswahlen 1903 erstreitet sie sogar zwei Sitze im Parlament.

Im Weltkrieg 1914-1918 fand die vegetarische Lebensweise sogar im deutschen Kaiserhaus Gefallen. Nicht, dass seine Majestät sich selbst zur Pflanzenkost durchgerungen hätte. Sie wurde nur dem Deutschen Volke anempfohlen.

Zösch: "Da wurde aufgrund der Nahrungsmittelknappheit gesagt: Die Leute sollen keine tierischen Produkte essen oder eben kein Fleisch, das hat sich dann einige Jahre gehalten…"

Sebastian Zösch, Vorstandsmitglied beim Deutschen Vegetarierbund.
Der Kaiser selbst hat im Hungerwinter 1917/1918 die National-Soziale Vegetarierunion mit einer hohen Auszeichnung bedacht:

Eichenlaub-Medaille in Gold. Stahlummantelt. Am Bande.

"Für vorbildliche Schonung deutscher Nahrungsreserven im Krieg."

Zösch: "Aber nach dem Krieg hat man dann wieder das Fleisch mit Wohlstand gleichgesetzt. Und da ist natürlich der Konsum wieder in die Höhe gegangen."

Eine Kabarett-Szene aus den Zwanzigerjahren:

Archiv-O-Ton:
"Hast Du Fleisch gekocht ?
Wo soll ich Fleisch hernehmen?
Was hast Du mir da vorgesetzt ?
Sauerkohl !
Schon wieder Sauerkohl !
Freu’ Dich, das es dafür reicht.
Und wenn ich sterbe, dann kommst Du an mein Grab und wirst dort ringsherum Sauerkohl pflanzen.
Mahlzeit ! Ich hab’ genug gegessen.
Ich brauch’ Energie, ich brauch’ Fleisch!"

Zur Zeit der Weimarer Republik waren die Mitgliederzahlen des Deutschen Vegetarierbundes stark rückläufig. Und in manchem Vegertarier-Verein machten sich sozialdarwinistische Ideen breit, die später Anlass gaben für die Vereinnahmung des naturreligiös-vegetarischen Gedankens durch die Nationalsozialisten.

"Ich sehe die Zeit kommen, wo der von Darwinschem Geist erfüllte und für die Schönheit des Körpers begeisterte Mann und das ebenso veranlagte Weib in freier Entscheidung und in der bewussten Absicht sich vereinigen, ein Adelsgeschlecht der Schönheit zu zeugen: Fürsten von Schönheits Gnaden, die uns zweifellos lieber wären als so manche Geldfürsten, ja selbst neben Geistesfürsten ihre volle Berechtigung behaupten können."

Schreibt Linde Schnarrleuter- Hausberger, stellvertretende Parteivorsitzende der National-Sozialen Vegetarier-Union, im Parteiblatt "Schrot und Korn".

Die meisten der verbliebenen Mitglieder des Deutschen Vegetarierbundes allerdings waren alles andere als "vom Darwinschen Geist erfüllte Männer und Weiber ". Im Gegenteil: sie waren Pazifisten. Im Jahre 1935 drohte die nationalsozialistische Gleichschaltung. Der Deutsche Vegetarierbund kam ihr zuvor und löste sich lieber selber auf. Die Mitglieder erhielten das folgende Schreiben:

"Der Deutsche Vegetarier-Bund ist immer ein Kampfbund gewesen, die für seine Idee gestritten haben, werden stets mit besonderem Hochgefühl zurückdenken. Im heutigen Staate ist der Kampf für Ziele, die die Staatsleitung nicht billigt, unstatthaft. Wenn der Vegetarismus sich in der Presse als züngelnde Giftschlange darstellen lassen muss, ohne die Möglichkeit der Gegenwehr zu haben, dann heißt es für den Deutschen Vegetarier-Bund: Nicht mehr weiter vegetieren, sondern in Ehren untergehen!"

War der Parteichef der NSDAP und neue Reichskanzler etwa Vegetarier? Da scheiden sich die Geister. Die Amerikaner Leonard und Renate Heston haben 1979 ein "Medical Casebook of Adolf Hitler" herausgegeben. Dort heißt es, der Diktator litt an chronischen Verdauungsbeschwerden und habe eine exzentrische Diät entwickelt, die fast vegetarisch war:

"”Müsli und Rohkost waren seine Hauptnahrung.""

Wird dort behautet. Hitler-Biograph Robert Payne dagegen hält das Bild vom müsli-begeisterten, nikotinfreien und überhaupt asketisch lebenden Führer für ein Propagandakonstrukt. Vor allem Goebbels habe es gepflegt. Wie dem auch sei. Des Reichsministers Tagebuch, Eintrag vom 25. April 1942, berichtet jedenfalls von einer Unterredung in Sachen Volksernährung:

Zitat Goebbels-Tagebücher: "Im Krieg, so Hitler, könne man nicht viel unternehmen, um die Eßgewohnheiten entscheidend zu verändern. Aber er werde sich diesem Problem widmen, sobald der Kampf vorbei sei."

Als der Kampf dann vorbei war – und die deutsche Niederlage besiegelt –
ergriff ein norddeutscher Kaufmann die Initiative. Er brachte die versprengten Vegetarier-Freunde wieder an einen Tisch.

Zitator: "Auf Anregung von Adolf Briest, Süttdorf, Kreis Lüneburg, sind am 29. Mai 1946 erstmalig wieder Vegetarier aus verschiedenen Gegenden Deutschlands in der Gartenbausiedlung Sontra, Bezirk Kassel zusammengekommen. Sie bekunden einmütig den Wunsch, die Vegetarier in Deutschland nun zu sammeln und zur Vegetarier-Union Deutschland zu vereinigen. Dieser Zusammenschluss soll unverzüglich die Verbindung mit der Internationalen Vegetarier-Union wiederherstellen."

So steht es im Gründungs-Manifest der Vegetarier-Union Deutschland.
Adolf Briest hatte bereits vor dem Krieg eine Arbeitsgemeinschaft für Rokost-Lehrer gegründet. Ihr Name: "ROKOLA". Dazu eine "vegetarische Musterspeisestätte" mit Vortragszentrum und Verkaufsstelle.

Jedoch - der Rohkost-Gedanke stieß im Nachkriegsdeutschland auf wenig Gegenliebe. Von Körnern und Kartoffeln pur hatte man die Nase voll. Jetzt war einfach Hedonismus angesagt: Tanzen. Reisen. Fressen.

So schön, schön war die Zeit …

Beim Grünzeug hob man die Zähne. Salat gab’s nur als "Salat - Garnitur", und selbst die war überflüssig beim "Steak Hawaii". Und das nicht nur in der "wirtschafts-wunderlichen" Bundesrepublik, auch in der DDR galt "Vegetarismus" als ein Fremdwort. Der deutsche Nachkriegs-Appetit auf Fleisch war ungeheuer.

Thomas Schönberger: "Historisch einmalig. Bis vor dem II. Weltkrieg war das ja deutlich weniger. Früher gab’s den so genannten Sonntagsbraten. Einmal die Woche. der Begriff ist ja völlig verschwunden. Heute gibt’s bei vielen Menschen jeden Tag Fleisch, und zwar dreimal am Tag immer noch, der Fleischkonsum bei uns war ja 1988 auf seinem historischen Höhepunkt."

Zösch: "Das ging hoch bis zu 80 kg Fleisch, die der durchschnittliche Bundesbürger im Jahr gegessen hat."

Sebastian Zösch. Wer sich Mitte der Siebziger als Pflanzenköstler outet, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Zösch: "Mittlerweile ist das wieder im Sinken, jetzt sind wir ungefähr bei 60 kg Fleisch, die pro Jahr gegessen werden. Und insofern sind wir auch sehr zuversichtlich, dass der Trend weitergeht. Es gab mal eine Untersuchung in den Achtzigerjahren, wo angegeben wurde, dass 0,6 Prozent der Bevölkerung sich vegetarisch ernähren. Und die letzten Umfragen ergeben eigentlich 8 Prozent. Also, von 0,6 auf 8 Prozent in gut 20 Jahren - das ist natürlich enorm."

Woher dieser allmählich Sinneswandel der Deutschen ? Warum rümpfen immer mehr im Restaurant die Nase, wenn der Nachbar eine Schweinshaxe bestellt?

Musik: Reinhard Mey – die Würde des Schweins ist unantastbar:

"In einer engen Box war es, auf Beton und standesgemäß,
dass sie die Glühbirne der Welt entdeckte.
Sie war das Ferkel Nr. 4, drei andere lagen über ihr,
so ein Gedrängel, dass sie fast erstickte."

Ende der Siebzigerjahre kommt die Tierrechts-Bewegung in Gang. Zunächst im angelsächsischen Raum. Peter Singers Werk "Animal Liberation" von 1975 brachte den Stein ins Rollen.

Inzwischen haben auch verschiedene Hirnforscher bestätigt: Im Vergleich zum Menschen mangelt es dem Schwein zwar an Rationalität, aber es fühlt kaum anders als Du und ich.

Schönberger: "Nach verschiedenen Umfragen sehen das ja weit über 90 Prozent der Bevölkerung so. Dass die Art, wie wir mit Tieren in der konventionellen Tierhaltung umgehen, als schwere Quälerei zu bezeichnen ist, und, wie gesagt, über 90 Prozent der Bevölkerung lehnen das ab."

Und essen trotzdem weiter Fleisch aus der Massentierhaltung.

Schönberger: "Ja. Es ist natürlich so, dass man das im Alltag leicht verdrängen kann, weil man ja nicht direkt jeden Morgen vorm Schlachthof steht oder im Stall, wenn man noch von Stall sprechen kann, oftmals sind es ja einfach nur Hallen, in denen die Tiere untergebracht, oder man muss sagen ‚eingepfercht’ sind. Wir merken oft, wenn entsprechende Fernsehsendungen gelaufen sind, wo also Tiertransporte zum Beispiel oder Massentierhaltung gezeigt wurde, dass wir dann entsprechende Reaktionen haben und die Menschen dann so schockiert sind und dann sich auch anders verhalten, was wir natürlich begrüßen und auch gerne fördern, aber leider wird es dann immer wieder auch verdrängt."

Sebastian Zösch zählt nicht zur Spezies der Verdränger. Er lebt vegan, sprich: verzichtet auf alle tierischen Produkte.

Zösch: "Wenn wir zum Beispiel die Eier nehmen, das wissen ja viele nicht, es ist so, dass für die Eierproduktion, das sind ja dann Legehühner. Das ist eine komplett andere Zuchtlinie als Masthühner. Und wenn man die züchtet, dann schlüpfen natürlich genauso viele männliche wie weibliche Küken. Wobei natürlich nur die weiblichen interessant sind für die Industrie, weil sie die Eier legen. Und die männlichen Küken sind für die Industrie nicht interessant und werden am Tag ihrer Geburt entweder zermust oder vergast oder eben einfach weggeworfen. Das ist einfach bundesdeutscher Standart."

Charles Patterson: "Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka."

Bemerkt der amerikanische Psychotherapeut Charles Patterson – politisch zwar inkorrekt, aber einprägsam - in seinem Buch über die Ursprünge des industrialisierten Tötens. Inspiriert dazu hatte ihn ein Gedanke von Theodor W. Adorno:

"Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tieres den Menschen trifft."

Musik: Reinhard Mey – "Die Würde des Schweins":
"Die Speisekarte in der Hand seh’ ich über den Tellerrand und kann die Bilder wohl nie mehr vergessen. Ich möchte nicht, Du armes Schwein, an Deinem Leid mit schuldig sein, weil ich in diesem Restaurant zu Gast war. Und ich bestell’ von nun an wohl den überback’nen Blumenkohl. - Die Würde des Schweins ist unantastbar."

Pollmer: "Es ist immerhin lustig zu wissen, dass vor 20 Jahren die ganzen Ernährungsfachleute verkündet haben, wer sich vegetarisch ernährt, der stirbt bald, das ist eine fürchterlich ungesunde Ernährung."

Udo Pollmer vom Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Heute dagegen wird oft behauptet, die vegetarische Ernährung sei ganz besonders gesund.

Pollmer: "Und beides stimmt nicht."

Worm: "Es gibt große Studien auf der Welt, fünf große Vegetarier-Studien, die mal versucht haben, diese Frage zu untersuchen und vegetarisch lebende Menschen mit gesundheitsbewussten Fleischessern zu vergleichen. Im Hinblick auf Sterblichkeit, Gesamtsterblichkeit, Krebssterblichkeit, Herzinfarkt. Und es hat sich herausgestellt, wenn der Vergleich zu einem gesundheitsbewussten Fleischesser gemacht wird, dann gibt’s keinen Unterschied in der Sterblichkeit. Sie finden allerdings beim Durchschnittsbürger, der dick ist, der säuft, der raucht, der sich nicht bewegt, da finden Sie immense Unterschiede zu den gesundheitsbewussten Vegetariern unserer westlichen Gesellschaft. mein Mein Dogma ist: Lebt wie die Vegetarier, und nicht: esst wie Vegetarier."

Nicolai Worm, Ernährungswissenschaftler von der Universität in München. Die Vegetarier-Fraktion hält dagegen und wartet mit anderen Forschungsergebnissen auf.

Thomas Schönberger: "Also, es gibt ja zahlreiche Studien, die sich mit dem Gesundheitszustand vegetarisch lebender Menschen auseinandersetzen, die breiteste wurde vor zwei Jahren von der American Dietetic Association herausgegeben, und dort war die Aussage die, dass vegetarisch lebende Menschen in der Regel bei vielen, vielen Erkrankungen Vorteile haben. Vegetarier sind in der Regel schlanker, erkranken an bestimmten Krebserkrankungen seltener, haben bestimmte Allergien weniger, weniger Hauterkrankungen, rheumatische Erkrankungen weniger, also es gibt viele Zivilisationskrankheiten, wo man sagen kann, dass vegetarisch lebende Menschen dort Vorteile haben."

Rütting: "Das Fleisch weglassen allein macht noch keine gesunder Ernährung, muss ich sagen. Man muss sich vollwertig ernähren, und das ist natürlich ein langer Weg, da muss man sich sehr gut informieren. Ich würde mich ja schon freuen, wenn alle weniger Fleisch essen, und das von artgerecht gehaltenen Tieren!"

Barbara Rütting, Abgeordnete der "Grünen" im Bayrischen Landtag, bei einer Rundfunk-Diskussion im Dezember 2000. Damals war "BSE" das große Medien-Thema. - Die "wahnsinnigen Rinder", stellte Rütting fest, sind oft mit Tiermehl gefüttert worden, wie das in der Massentierhaltung eben üblich ist.

Rütting: "Rudolf Steiner hat schon gesagt: Wenn man Tiere mit Kadavern füttert, mit Artgenossen, die noch dazu krank sind, werden sowohl die Tiere verrückt wie auch die Menschen, die diese dann essen. Beim Einschläfern meiner eigenen Pferde und Tiere, Hunde, was im Lauf des Lebens eingeschläfert werden musste, war der Arzt der Meinung, die werden verbrannt. Der Bauer, der sie abholte sagte: "Nein, die kommen mitsamt dem Gift, das ihnen gespritzt wurde zum Sterben in die Tierverwertung, in das Tiermehl. Dahinein kommen die Laborratten, die tot gespritzten, alles das essen Sie mit, wenn sie diese Kadaver essen!"

Zitator: "Fleisch ist das teuerste und ineffizienteste Nahrungsmittel der Welt. Die Fleischproduktion ist energetisch gesehen, die schlechteste Form der Bodennutzung. Mit der gleichen Menge an Getreide, die allein in den USA an Masttiere verfüttert wird, ließen sich die derzeit Hunger leidenden Menschen weltweit ausreichend ernähren."
Heißt es auf der Website des Vegetarierbundes Deutschland. Klingt so, als sei das Welt- Ernährungsproblem sehr schnell gelöst, würde sich die Erdbevölkerung geschlossen zum Vegetarismus durchringen.

Schönberger: "Ja, so einfach ist es, glaub’ ich nicht, und so einfach vertreten wir das auch nicht. Natürlich ist das Welt-Ernährungsproblem auch ein politisches. Aber natürlich hat es auch etwas damit zutun, wie wir uns im Norden ernähren und verhalten. Mit unserem hohen Fleischkonsum, mit unserem gesamten Lebensstil, leisten wir natürlich keinen Beitrag, dass gerechte Lebensverhältnisse auf der Erde bestehen."

Zösch: "Man muss sich das ja nur mal vergegenwärtigen, wie viel ein Tier essen muss, um ein Kilo Fleisch sozusagen herzustellen: Bis zu 15 Kilo Getreide, bis man dann ein Kilo Fleisch zurückerhält. Und die Industrie nennt das dann sehr schön ‚Nahrungsmittel-Veredelung’. Aber es gibt eben auch den Spruch ‚Verelendung durch Veredelung’, wo man dann eben sagt, dass es nicht sein kann, dass man von Ländern, die
Nahrungsmittelprobleme haben, dass man denen sozusagen das Essen wegnimmt, um es den Schweinen in Deutschland zu verfüttern."

Es gibt ethische Argumente für den Vegetarismus, die sind so alt wie die Welt. Es gibt ökonomische und ernährungswissenschaftliche, die sind 20. Jahrhundert. Und es gibt welche, die sind ziemlich neu. Stichwort: Klimawandel. Sebastian Zösch betont: Tierischen Abgase fallen hier mehr in’s Gewicht als die von Autos:

"Anstatt aufs Auto zu verzichten, sollte man einfach weniger Fleisch essen, um dem Klima damit zu helfen. Einerseits ist es so, dass die 1,2 Milliarden Rinder, die es weltweit gibt, sehr viel Methan ausstoßen. Ja, also, Methan-Produktion entsteht bei sämtlichen Wiederkäuern, ob das nun Schafe sind oder Ziegen oder Kühe. Das entsteht im Magen, und vorne oder hinten verlässt das dann die Kuh. Das klingt zwar immer so’n bisschen lustig, aber in Anbetracht der großen Mengen an Tieren, die es eben gibt: Methan ist eben ein Vielfaches klimaschädlicher als normales CO2."

Archiv Dudenhöfer: "Mir hon’ nen ganz normale Schnuppe.
Die do das Vegetarische, das ganze Körnerzeuch, esset,
die hom Allergien!"

Zösch: "Also, der klassische Fleischesser, das Argument, wenn man mit ihm spricht ist : ‚Ja… es schmeckt mir halt!’ Ich mein’, dass ist weder ein Argument: Was ist für meine Gesundheit am besten, noch was ist für meine Umwelt am besten. Also: wie geht’s den Tieren dabei, wie geht’s den Menschen in der dritten Welt dabei, wie geht’s dem Schlachthof-Mitarbeiter? Und ich denke, Leute die etwas umsichtiger sind, bewusster leben, und in einem gewissen Grad gehört da auch Intelligenz oder Einfühlungsvermögen dazu, die durchschauen das Ganze eher. Und handeln nachhaltiger und langfristiger."

Archiv Dudenhöfer: "Also, jedenfalls - des isch net g’sund!"

Archiv Lehnert: "Vegetarier leben nicht etwa länger, sie sehen nur älter aus!"

Zösch: "Ja, man bekommt natürlich als Vegetarier ständig … wird man mit diesen Sprüchen konfrontiert. Aber ich denke, man soll das einfach mit Humor sehen. Man geht einfach seinen Weg, man weiß, dass es das Richtige ist, und ich denk’ mal. Da sollte man sich von’n paar Sprüchen nicht aufhalten lassen."

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